Pirmasens
Als der Pirmasenser Ralph Baer die erste Spielekonsole erfand
Es ist August 1966. Ein Mann sitzt im New Yorker Distrikt Manhattan in einem Bushäuschen, schreibt und zeichnet etwas in seinen Notizblock. Vom hektischen Treiben um ihn herum lässt sich der Mann nicht stören. Es handelt sich um den damals 44-jährigen Ralph Baer. Was er zu Papier bringt, sind Ideen für ein Gerät, das Brett-, Sport- und Actionspiele auf einen Fernseher übertragen soll. Es ist die Geburtsstunde der ersten Videospielkonsole der Welt – und Baer gilt somit als Urvater von Gameboy, Play Station und X-Box. Das konnte der nur 1,60 Meter kleine Mann mit der großen Brille damals allerdings noch nicht erahnen.
Ralph Baer wurde 1922 in Rodalben geboren und wuchs in Pirmasens auf. Als die Gerberei seines Vaters während der Weltwirtschaftskrise Pleite geht, zieht die Familie nach Köln. Da sie als Juden um ihr Leben fürchten müssen, flüchten die Baers 1938, zwei Monate vor der Reichspogromnacht, in die USA. Der damals 16-jährige Baer, ohne Schulabschluss, absolvierte per Fernkurs eine Ausbildung zur Wartung von Radios und Fernsehern. 1943 geht er zur US-Army und wird in Großbritannien stationiert. Da er an einer Lungenentzündung erkrankt, muss er nicht an der Invasion im Juni 1944 in der Normandie teilnehmen. „Deshalb lebe ich wohl noch“, erzählte er einmal bei einem späteren Besuch in Pirmasens.
Im Jahr 1946, zurück in den USA, macht er in Chicago seinen Bachelor-Abschluss in Fernsehtechnik. Zehn Jahre später heuert er bei der Rüstungsfirma Sanders an. Er baut unter anderem Geräte, mit denen der sowjetische Funkverkehr in Berlin abgehört wird. In ihm ist eine Leidenschaft. Baer ist ein Technik-Freak mit großem Spieltrieb. Er sieht in den Millionen von TV-Geräten in den USA ein riesiges Potenzial als Spielkonsolen.
Seine Chefs beim Rüstungskonzern haben einen guten Riecher und stellen ihn für seine Tüftelei frei. 1967 präsentiert er seine erste Spielekiste, die „Brown Box“ – ein Prototyp, mit dem sich auf dem Fernseher Pingpong spielen lässt. Er meldet dafür ein Patent an, doch die Suche nach einem Hersteller gestaltet sich schwierig – bis 1972 die Firma Magnavox die Konsole unter dem Namen „Odyssey“ herausbringt: 350.000 Exemplare verkaufen sich in den ersten Jahren.
Atari muss an Magnavox Lizenzgebühren zahlen
Ende gut, alles gut, denkt man. Doch dann taucht plötzlich Nolan Bushnell auf und behauptet, die Videospiele erfunden zu haben. Er war damals Chef der Firma Atari und hat mit einem Münzautomatenspiel („Pong“) Erfolg. Viele glauben ihm, doch dann stellt sich heraus, dass er im Mai 1972 bei einer Vorführung von Baers „Odyssey“ dabei war und Pingpong gespielt hat. Wenig später hatte er „Pong“, eine Weiterentwicklung von Pingpong, herausgebracht.
Folge: Atari muss an Magnavox deshalb Lizenzgebühren zahlen. Baer gibt auf Anraten seiner Anwälte Ruhe, verlässt die Rüstungsfirma, zieht sich in sein privates Labor zurück und tüftelt. Mehr 150 Patente meldet er an – zum Beispiel für eine sprechende Fußmatte, ein System zur Enttarnung von U-Booten, ein interaktives Buch, den Joystick und „Senso“, ein Spiel mit farbigen Tasten und Tönen, das zum Klassiker wird und noch heute auf dem Markt ist.
Im Februar 2006 zeichnet ihn der damalige US-Präsident George Bush mit der „National Medal of Technology“ aus, sozusagen dem US-Nobelpreis für Technik. Baer findet in seiner neuen Heimat viel Anerkennung, doch reich wurde er durch seine Erfindungen nicht. „Ich habe nicht die Hand aufgehalten“, sagte er einmal in einem Gespräch mit „Spiegel Online“.
Seine Heimat Deutschland, Pirmasens und Köln, wo er aufgewachsen ist, und Berlin besucht er nach seiner Flucht 1938 erst wieder im Jahr 2006. „Früher konnte ich nicht. Ich hatte Angst, Menschen meiner Generation zu begegnen“, erzählte er dem „Stern“. Und bei diesem Besuch erfährt er, dass auch seine Tanten, wie viele aus seiner Familie, im KZ ermordet wurden.
2008 ist er noch einmal mit seinem Sohn Mark, seiner Schwiegertochter und zwei Enkeln in Pirmasens zu Gast. Und er hat eine „Brown Box“ dabei, die er dem damaligen Oberbürgermeister Bernhard Matheis für das „Dynamikum“ schenkt. Er erzählte, dass er als Kind am liebsten „Mensch ärgere dich nicht“ spielte, lobte das Dynamikum und erinnerte sich daran, dass sein Vater im „Rheinberger“ arbeitete.
Auf einem Laptop führte er sein Leben vor: Dokumente, Patente, Bilder – die er auf einem USB-Stick gespeichert hat. „Geschichte ist keine Geschichte ohne die Dokumente, die belegen, wer an welchem Tag was gemacht hat“, meinte Ralph Baer.
Ralph Baer ist im Dezember 2014 im Alter von 92 Jahren gestorben.