Hambach
Zwischen Tanz und Schlägertrupp: Politsatire „Italienische Nacht“ im „Theater in der Kurve“
Eines der weniger bekannten Werke Ödön von Horváths hat sich das Ensemble des „Theater- und Kulturfördervereins Hambach“ (Thuk) für seine zweite Produktion nach „Auf der Straße ohne Namen“ (2024) ausgewählt. Das Volksstück „Italienische Nacht“ ist eine Politsatire, die die Situation am Ende der Weimarer Republik aufs Korn nimmt, deren Parallelen zu unserer Gegenwart heute allenthalben betont werden. Premiere ist am Samstag in einer Woche im „Theater in der Kurve“.
Ort des Geschehens ist eine süddeutsche Kleinstadt um 1930. Die Frau Stadtrat (bei Horváth ist es selbstredend noch ein Herr), Vertreterin einer verbürgerlichten Sozialistengeneration, die mehr vom eigenen Häuschen im Grünen als der Weltrevolution träumt, freut sich wie Bolle auf den „Italienischen Abend“ ihres republikanischen Schutzverbands. Dumm nur, dass der opportunistische Wirt seine Gartenterrasse am gleichen Tag den Faschisten für deren „Deutschen Tag“ zur Verfügung gestellt hat.
Aber auch die Linke selbst ist gespalten: Martin, Sprecher der jungen Radikalen, bläst zum Widerstand gegen die braune Bedrohung und zum Boykott des Tanzfestes. Die älteren Herr- und Frauschaften der Partei empfinden das als Ruhestörung. Das Ganze spitzt sich zu, als die alten und neuen Rechten mit einer Schlägertruppe anrücken, um sich für ein mittels Farbe auf kreative Weise uminterpretiertes Kaiser-Denkmal zu rächen.
Das Spießertum aufspießen
Horváth ging es in seinem Stück, das 1931 – weniger als zwei Jahre vor der sogenannten „Machtergreifung“ – im „Theater am Schiffbauerdamm“ in Berlin seine Uraufführung erlebte, erkennbar darum, das Spießertum und die Phrasenhaftigkeit der Angehörigen der verschiedenen politischen Strömungen seiner Zeit aufzuspießen. Partei nimmt er dabei – wenn überhaupt – nur sehr verhalten. „Ich schreibe nicht gegen, ich zeige nur“, ist ein Zitat, das ihm in diesem Zusammenhang zugeordnet wird. Hedda Brockmeyers Inszenierung mit der Thuk-Truppe nach einer von Ensemblemitglied Silke Bender besorgten Textfassung nimmt diesen Ansatz eins zu eins auf. Man habe sich eine „bemüht zeitlose“ Interpretation vorgenommen, sagt sie. Wer hier also die für viele naheliegende Gleichsetzung von Nazis und AfD erwartet, ist in dem Stück fehl am Platz. Der Umstand, dass wir anders als Horváth wissen, wie es damals ausgegangen ist, zieht allerdings von selbst eine zusätzliche Bedeutungsebene ein.
Wie im alten Heimatfilm
Während das Original mit seinen sieben Bildern zwischen verschiedenen Schauplätzen in der Kleinstadt wechselt, konzentriert sich die Thuk-Inszenierung auf das Gartenlokal des Wirts Josef Lehninger, der mit aller notwendigen Bräsigkeit gespielt wird von Armin Mohr, einem Veteranen der Hambacher Dorfführungen, der hier neu (oder wieder) zum Ensemble gestoßen ist. Das Bühnenbild zeigt eine von einem 50er-Jahre-Metallgitter mit Kunstgrün-Deko eingerahmte Terrasse mit Klappstühlen und -tischchen, wie man sie aus alten Heimatfilmen kennt, Lichterkette inklusive. Claudia Thiery übernimmt den Part der matronenhaften Stadträtin, die sich mehr um das Gelingen ihres republikanischen Familienfests mit Kinderballett sorgt als um die Faschisten, die mit Spielmannszug durch die Stadt marschieren (evoziert durch entsprechende Musik) und Schießübungen im Wald abhalten.
Thiery ist zugleich die einzige in der Inszenierung, die auf eine Rolle beschränkt bleibt. Alle anderen switchen behende zwischen Kostümen, Parteien, Gemütslagen und/oder Geschlechtern hin und her. Dass es manchen in der Laientruppe nicht ganz leicht f ällt, in brauner Uniform mit einem etwas modifizierten Symbol in den berüchtigten Farben Schwarz-Weiß-Rot am Arm aufzutreten, ist bei der Probe zu bemerken. Das Stück bietet ein so turbulentes Auf und Ab, dass die Tür zum Innenhof während der Aufführung permanent aufbleibt.
„Der beste Zeitspaß dieser Läufte!“
Neun Darstellerinnen und Darsteller teilen sich die mehr als 20 Rollen, die Horváth für sein Polit-Kaleidoskop aus der deutschen Provinz vorgesehen hat. Peter Arnheiter gibt unter anderem den Salon-Sozialisten Karl, der jedem Rockzipfel hinterherhechelt, Heike Schäffer-Roos den strammen Jungsozialisten Martin, der so fanatisch drauf ist, dass er sogar seine eigene Braut (Silke Bender) dazu animiert, sich einem SA-Mann an den Hals zu werfen, um so den Gegner auszuspionieren. Am Schluss aber hat er (sie), so viel darf man spoilern, dann doch irgendwie das Herz am richtigen Fleck. Kurven-Theater-Mithausherr Heinz Kindler, Ulrike Späth, Michael Schläger und Neuzugang Eva Billigen sind die weiteren Bühnenakteure. Billigen, die über den Mutti-Kurs der Theaterwerkstatt „Lila Henne“ zum Ensemble stieß, fällt nicht nur durch großes Talent auf, sondern auch dadurch, dass sie eine fast perfekte Bühnensprache in petto hat. Michael Schläger, in Neustadt auch bekannt als Sachwalter des anarchistischen An-Archivs, hat als sadistischer Oberreaktionär und -militarist vielleicht die markanteste Against-Type-Rolle abbekommen.
„Der beste Zeitspaß dieser Läufte!“ kalauerte der Kritiker-Papst Alfred Kerr nach der Uraufführung der „Italienischen Nacht“ 1931 voller Anerkennung. Wohin die gefährliche Apathie führte, die im Stück besonders von den Altsozialisten zu Markte getragen wird – bis hin zum Satz „Die Republik kann ruhig schlafen!“ –, konnte damals zumindest vom Ausmaß her noch niemand ahnen. Der „Völkische Beobachter“, das Parteiorgan der NSDAP, hatte allerdings eine klare Perspektive vor Augen: „Wird sich der Ödön noch wundern!“, schrieb der Journalist Rainer Schlösser, später „Reichsdramaturg“ im Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda, nach der Premiere.
Noch Fragen?
Das Thuk-Ensemble feiert am Samstag, 28. Februar, um 20 Uhr mit „Italienische Nacht“ Premiere im „Theater in der Kurve“ in Hambach. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft. Weitere Aufführungen an den Sonntagen, 1., 8. und 15. März, um 17 Uhr sowie an zwei Samstagen, 7. und 14. März, ab 20 Uhr. Karten (18/13 Euro) unter www.theaterinderkurve.de.