Neustadt Zwischen Orient und Okzident

Dichter und ihre Heimatorte – hie Liebe, da Hass, zuweilen auch die kreative Melange aus beidem – bevölkern die Literaturgeschichte seit jeher. Dass einer seine Autobiographie, noch dazu im relativ vitalen Schriftsteller-Alter von 52 Jahren, nach „seiner“ Stadt benennt, ist aber schon ungewöhnlich. Orhan Pamuk wurde nicht zuletzt für dieses, sein persönlichstes Buch - „Istanbul“ – 2006 mit dem Literatur-Nobel-Preis ausgezeichnet.
Ein grandioses Epos, eine zuweilen gnadenlos schmerzliche, aber doch letztlich vorbehaltlose Liebeserklärung an seine Stadt, ein Füllhorn aus Geschichte und Geschichten, opulenter, magischer und geistreicher fast als ihre Schwestern aus „Tausend und eine Nacht“. Ein erzählerischer Kosmos, der nahezu süchtig macht. Leitmotivisch zieht sich die Zerrissenheit der türkischen Gesellschaft zwischen Osmanischem Erbe und Streben nach Verwestlichung durch Pamuks Istanbul-Epos, das ebenso als kenntnisreicher Bildungsroman des mit allen nur möglichen historischen Quellen vertrauten Intellektuellen wie auch als sehr vielfarbiges Psychogramm des Lebensgefühls einer hoffnungsvoll, hoffnungslos zerrissenen Gesellschaft zu lesen ist. Zerrissen zwischen Orient und Okzident, Tradition und Moderne. Pamuk entführt uns in Exkursen weitschweifig, aber stets unterhaltsam zu den historischen Chronisten Istanbuls vor allem des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, den Dichtern Théophile Gautier oder Gérard de Nerval etwa, die zu Zeiten, als das in Bedeutungslosigkeit sinkende, einstmals über 1600 Jahre Europa beherrschende osmanische Großreich sich der französischen Kultur anzudienen begann. Er macht uns bekannt mit den teils skurrilen Biographien der Istanbuler Stadtbriefschreiber, Ahmet Rasin und Ekrem Koçus. Der Leser lernt Umfassendes über diese einst so prunkvolle, jetzt so zerrüttete Stadt am Scheitelpunkt von Europa und Asien. Aber das doch ganz en passant. Der entscheidende suggestiv wirksame Kunstgriff ist Pamuks konsequenter autobiographischer Blickwinkel. Er beschreibt seine Stadt aus der Perspektive des Kindes, des Schülers, des pubertierenden Jünglings, des jungen Familienvaters und so weiter. Indem er eintaucht in die Gefühlswelt des fantasiebegabten Fünfjährigen etwa, sich zurückbegibt in dessen kindlich spielerische Beobachtungen der Erwachsenwelt, entführt er seine Leserschaft mitten ins schaurig schöne Kinderzimmer voller Glück und Katastrophen, umstellt von Personal jeglicher Couleur, Tanten, Onkeln, verrückt und fürsorglich, und nicht zuletzt der wunderbaren Großmutter. Aufgewachsen im vornehmen Viertel Ni antai in einer wohlhabenden, säkularen Familie bevölkert der kleine Orhan seine von Nippes, wertvollem Mobiliar und betont westlicher Lebensart umstellte Kindheit mit allerlei Fantasiegebilden; sein erdachtes Alter Ego, der „zweite Orhan“ lässt ihn zu Inseln der Glückseligkeit flüchten, wenn der elterliche Haussegen mal wieder aus den Fugen gerät. Und so trägt der jeweilige Blickwinkel des eben Lesenlernenden („jetzt nahmen die Buchstaben von mir Besitz“), des die Schiffe des Bosporus zählenden Jünglings, des zwischen Voyeurismus und sanften Grauen zerrissenen Zaungastes der gigantischen, die Stadt viele Jahrzehnte erschütternden Brände den Lesenden geradezu suggestiv mitten hinein in den Puls dieser faszinierenden Stadt. Pamuks großartige Wortkunst gipfelt dabei immer aufs Neue in der feinsinnig humorigen Art des Erzählens. Die subtile Ironie, mit der er die emotionalen Verwerfungen der Kinder- und Jugendjahre begleitet, schafft ohne jegliche Einbuße an Empathie doch eine behutsam kommentierende Distanz. Und immer sind es die amüsanten historischen Exkurse, die unzählig eingeflochtenen Treppenwitzchen und Histörchen, die ans Satirische grenzenden Sammlungen von Zeitungsmeldungen, amtlichen Verordnungen – zumal der Atatürk-Epoche–, die ganz familiären Skurrilitäten und die sehr persönlichen emotionalen Erschütterungen, die so fesselnd die Seele der Stadt bebildern. Pamuk liebt seine Stadt, kein Zweifel, auch wenn er ihre Verwerfungen, ihre Armut, ihre Erstarrung mit kritischem Blick belegt und sich die Istanbuler Grundstimmung wie ein graumeliertes Band durch das Werk zieht: „Hüzün“, die Melancholie, die zu Istanbul gehört wie die Hagia Sophia, „das seit 150 Jahren auf der Stadt lastende Gefühl permanenten Scheiterns“, beschreibt es Pamuk. Lesezeichen Orhan Pamuk: „Istanbul“, Übersetzung: Gerhard Meier, gebundene Neuauflage bei Hanser, ergänzt durch Schwarzweiß-Fotografien von Ara Güler, 38 Euro, ab 24. September im Buchhandel.