Radsport
Zwei Pfälzer reisen auf dem Rad zum längsten Radrennen der Welt
Wenn zwei Radsportler sich mit ihren Rennrädern und kleinem Gepäck aufmachen, von Neustadt aus zum Nordkap zu fahren, ist das gewiss schon beachtenswert. Der Grund ihrer im Mai 2024 beginnenden Reise: Am Nordkap beginnt am 20. Juni um 0.01 Uhr das Nordkap-Tarifa-Abenteuer. Das Ultraradrennen für Selbstversorger wird zum vierten Mal gestartet. Es wird nur alle zwei Jahre ausgetragen. Alles, was die Sportler auf dem 7400 Kilometer langen Kurs durch 15 Länder an Essen, Getränken, Fahrrad-Ersatzteilen benötigen, müssen sie sich selbst organisieren. „Es ist das längste Ultraradrennen weltweit“, hebt Christian Englert hervor. Der aus Mutterstadt stammende und in Maudach lebende Radsportler macht sich im Mai mit dem Neustadtern Markus Kroell auf den Weg.
Noch wissen die Männer nicht genau, welche Route sie zum Nordkap wählen. „Die kürzeste hat 3000 Kilometer“, weiß Christoph Fuhrbach. Der Neustadter kann aus beruflichen Gründen mit seinen Freunden nicht mitfahren, ist als erfahrener Langstreckenfahrer aber in die Planung involviert. Dass sie auf dem Rad zum Start anreisen, sei von Beginn an klar gewesen: „Wenn, dann richtig.“ Die Anreise vorher finde er gut“, sagt der 53-Jährige. Christian Englert ergänzt lachend: „Wir müssen vor dem Rennen ja noch ein paar Kilometer machen.“
Schlafsack und Ersatzmaterial
Erste Gedanken, was ihr spärliches Gepäck betrifft, machen sie sich aber schon ein halbes Jahr vorher. „Die Mindestausstattung für das Rennen sind ein Schlafsack, vielleicht was zum Darunterlegen, ein bisschen warme Kleidung und alles an Material, um das Rad am Laufen zu halten“, listet Markus Kroell auf. Der 60-Jährige überlegt sogar, „zumindest für Skandinavien“ ein nur 800 Gramm schweres Zelt mitzunehmen: „Dann hast Du immer einen trockenen Platz.“ Sie überlegten, auf der Hinreise etwas mehr einzupacken, „und vor dem Rennen schicken wir gemeinsam ein Paket nach Hause“ mit Sachen, die sie im Rennen nicht benötigen, erzählt Englert. Sie überlegten ebenfalls, vor der Abreise in Neustadt ein Paket zum Start zu schicken mit Ersatzmaterial für ihre Räder. „Nach 3500 Kilometern ist die Kette durch, und der hintere Reifen auch“, weiß Fuhrbach. Er hat schon zweimal das Selbstversorgerrennen „Transcontinental“ über fast 4000 Kilometer und 56.000 Höhenmetern absolviert. Englert und Kroell sind ebenfalls erfahren, was Ultrarennen anbelangt. „Ich rechne fest damit, dass ich unterwegs im Rennen die Kette wechseln muss“, sagt Kroell. Über fünf Kilo Gepäck dürften es auf keinen Fall im Rennen auf dem Rad sein. „Da ist das Essen schon mit eingerechnet“, betont Fuhrbach. Einen Glücksbringer will Markus Kroell aber auf jeden Fall mitnehmen: „Ein kleines Glasschwein von meiner Frau“, verrät er schmunzelnd. „Es wiegt nichts, bringt aber Glück.“ Weil es mal auf einer Reise ein Ohr verloren habe, nenne er es Vincent in Anlehnung an den niederländischen Maler van Gogh, der sich einen Teil seines linken Ohrs abgeschnitten hatte. Sein Talisman wäre ein Adapter vom Rennrad- aufs Autoventil, sagt Fuhrbach und lacht. So könne man im Notfall an jeder Tankstelle Luft in seine Reifen pumpen.
Angst vor Schnaken
Wovor Englert und Kroell am meisten graut auf ihrem Abenteuer? „Vor einer Reifenpanne im Nirgendwo“, antwortet Kroell spontan. „Und vor Dauerregen in Skandinavien.“ Es sei nicht ausgeschlossen, dass es beim Start am Nordkap Schnee gebe. „Es kann aufs Übelste Dauerregen geben“, weiß Markus Kroell. Christoph Fuhrbach denkt auch an die vielen kleinen Schnaken, die in Skandinavien den Sportlern die Pausen vermiesen können. Die Sportler dürfen zwar in Hotels übernachten. Doch viele von ihnen legen auch Schlafpausen an Bushaltestellen oder im Straßengraben ein. Vier Stunden täglich zu schlafen, sei die Theorie, sagt Fuhrbach. Wer in einer Nacht im Freien von den Blut saugenden kleinen Plagegeistern am Schlafen gehindert werde, sollte sich besser in der zweiten Nacht in Hotelzimmer nehmen“. Schon zu Beginn der 7400 Kilometer langen Tour auf Reserve zu gehen, „ist verrückt“. Wenn einem in der Nacht etwas passiere, rät Fuhrbach und meint damit Defekte am Rad, „hinlegen und warten, bis es hell ist“. Auf einem seiner Ultrarennen sei er mal mit Steinen beworfen, sein Rad dabei demoliert worden. Auch damals habe er sich zum Schlafen hingelegt und sei am nächsten Tag zu einem Automechaniker gegangen, habe immerhin eiernd weiterfahren können.
Der Ehrenkodex
Hilfe dürfen die Sportler unterwegs annehmen – Hilfe, die im Prinzip jeder Teilnehmer bekommen kann. „Wir können Leute auf der Straße ansprechen, wir können in Radläden gehen. Ich kann jeden auf der Strecke ansprechen – das können die anderen Starter ja auch“, erklärt Fuhrbach. Aber wenn die eigene Oma auf der Strecke wohne, dürfe er dort nicht einkehren, essen, duschen, schlafen. Begleitfahrzeuge sind ebenfalls nicht erlaubt. „Die meisten halten sich daran“, weiß der Neustadter, spricht vom Ehrenkodex.
Das Besondere an einem Selbstversorgerrennen ist zudem, dass die Schnellsten nichts gewinnen. „Es geht um die Selbsterfahrung“, hebt Fuhrbach hervor. „Die Idee ist, dieses Rennen durchzustehen.“ Wer trotzdem schummele, „schadet nicht den anderen, da es nichts zu gewinnen gibt, aber er schadet sich selbst“.
Ohne Zeitlimit
In dem Rennen, das immer auf derselben Strecke ausgetragen werde, gebe es kein Zeitlimit. „Man könnte bis Silvester fahren“, erklärt Christoph Fuhrbach. „Aber Markus und Christian haben ja noch was anderes vor“, sagt er und lacht. „Keiner von uns hat vor, das so auszudehnen“, ergänzt Markus Kroell. Der Streckenrekord liege bei 21 Tagen und einer Stunde, weiß Fuhrbach. „Ich traue Christian zu, in diesem Bereich fahren zu können.“ Dies seien im Schnitt 351 Kilometer pro Tag. Am Anfang sei die Strecke relativ flach. Ab Bregenz gehe es durch die Alpen, sinke das Tempo. „Deshalb muss man am Anfang einen Schnitt von 400 Kilometern pro Tag fahren, um in den Bereich von 21 Tagen zu kommen.“
Der bislang langsamste Teilnehmer am Nordkap-Tarifa-Abenteuer habe so um die 100 Tage gebraucht, überlegt Christoph Fuhrbach. Der müsse dann so Ende September in Spanien im Ziel angekommen sein. „Dann ist es zumindest nicht mehr so heiß in Spanien“, stellt Markus Kroell schmunzelnd fest. „Im Norden kalt, im Süden heiß“: Christoph Fuhrbach sagt, dass es in jeder Hinsicht für den Körper eine immense Belastung sei.
Hinauf auf 3398 Meter
Christian Englert freut sich auf Finnland und Polen, „da war ich noch nie“, und auf den höchsten Punkt der Strecke, auf den 3398 Meter hohen Pico del Veleta, den dritthöchsten Berg auf dem spanischen Festland. „Da ist wohl eine Gravelpassage – es geht bis auf den Gipfel hoch“, erzählt er.
Die Sportler starten im Mittsommer in Skandinavien. „Es ist immer hell“, sagen die beiden. Licht haben sie dennoch an ihren Rädern, betrieben über einen Nabendynamo. Der versorgt auch ihre Navigationsgeräte beziehungsweise Fahrradcomputer. Trotz des Mittsommers werden sie das Licht auf dem ersten Teilstück vom Nordkap nach Alta durch sieben Tunnel. Verpflegen wollen sich die Pfälzer in Geschäften und Restaurants. „Kleine Supermärkte sind das Beste – alles ist in Griffweite“, weiß Markus Kroell. „Rein und schnell wieder raus.“ Auf den ersten 1400 Kilometern allerdings kommen die Starter nur durch eine Stadt. „Neustadt ist verglichen damit eine Großmetropole“, ahnt Kroell.
Der Neustadter sorgt unterwegs dafür, dass sein Gesäß unterwegs immer sauber bleibt. „Das ist nicht ganz leicht“, sagt er. „Wenn man mal eine Toilette und warmes Wasser hat, muss man sich fünf Minuten Zeit nehmen und das nutzen“, empfiehlt Fuhrbach. Kroell: „Wenn Du Dir einen Wolf fährst, hast Du ein Problem an der Hacke.“ Genauer am Gesäß, was das Sitzen auf dem Rad sehr unangenehm macht.
North-Cape-Tarifa-Rennen
Das North-Cape-Tarifa-Rennen wird jedes zweite Jahr ausgetragen. Am 20. Juni wird es um 0.01 Uhr zum vierten Mal gestartet und führt die Sportler vom nördlichsten zum südlichsten Punkt auf dem europäischen Festland. Höchster Punkt auf der 7400 Kilometer langen, mit rund 80.000 Höhenmetern gespickten Strecke ist der 3398 Meter hohe Pico del Veleta in Spanien, der tiefste Punkt liegt 211 Meter unter dem Meeresspiegel. Höchster Alpenpass ist für die höchstens 50 Teilnehmer der Col d’Iseran (2764 Meter). Sie kommen durch 15 Länder: Norwegen, Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Deutschland, Österreich, Schweiz, Lichtenstein, Italien, Frankreich, Andorra, Spanien. Es ist aber auch möglich, ein kürzeres Rennen zu fahren: Ziele sind nach 1753 Kilometern in Helsinki (Finnland), nach 4070 Kilometern in Bregenz (Österreich), nach 5370 Kilometern in Nizza (Frankreich) oder aber nach 7400 Kilometern in Tarifa (Spanien).
Die Strecke ist genau festgelegt. Unterwegs müssen die Fahrer acht Kontrollpunkte ansteuern. Jeder Fahrer hat einen GPS-Tracker dabei. Private Hilfe darf niemand annehmen. Es ist nicht einmal ein privater Fotograf erlaubt, der einem Fahrer folgt. „Sämtliche Vorwärtsbewegungen müssen ausschließlich auf dem Fahrrad zurückgelegt werden“, heißt es im Regelwerk: Die Ausnahme: die Fähre von Helsinki nach Tallinn. Organisator ist Andy Buchs, der ab 2014 zu Langstreckenrennen auf der ganzen Welt angetreten ist. Er ist selbst alle Abschnitte auf dem Nordkap-Tarifa-Abenteuer mit dem Fahrrad abgefahren. Frühere Teilnehmer sagen, dass das Rennen zu den sichersten gehöre, weil es fast nur auf verkehrsarmen Straßen und Wegen ausgetragen werde.