Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Wie kann sich Neustadt vor Hochwasser schützen?

1882 stand die Innenstadt unter Wasser. Daher wurden Boote von außerhalb angefordert.
1882 stand die Innenstadt unter Wasser. Daher wurden Boote von außerhalb angefordert.

Was kann Neustadt tun, um Schäden bei einem starken Gewitter zu vermeiden? Darum soll es im Hochwasser- und Starkregen-Vorsorgekonzept gehen. Beim Auftakt wurde klar, dass die Bürger andere Forderungen haben als die Experten.

Die Ausgangslage

In Neustadt wird gerade ein Hochwasser- und Starkregen-Vorsorgekonzept erarbeitet. Am Donnerstagabend wurde bei der Auftaktveranstaltung in der Aula der Berufsbildenden Schule das Projektziel vorgestellt. Außerdem wurden die Bürger – rund 30 waren gekommen – aufgefordert, sich selbst einzubringen. Umweltdezernentin Waltraud Blarr (Grüne) erinnerte an die Hochwasserkatastrophe an der Ahr vor einem Jahr: „Sie hat gezeigt, dass die Natur nicht beherrschbar ist und wir Flüsse noch zu sehr einzwängen.“ Um sich so gut wie möglich zu wappnen, „müssen wir jetzt vorsorgen, auch wenn wir wissen, dass ein noch stärkerer Regen oder ein noch höheres Hochwasser kommen können.“ Blarr betonte, dass Hochwasserschutz nur gemeinsam gelingen könne: Auch die Bürger müssten mithelfen und beispielsweise ihre Häuser entsprechend schützen. Thomas Baldermann, Abteilungsleiter Umwelt, fasste die Herausforderung so zusammen: „Wie müssen wir die Infrastruktur ausrichten und wie sollten die Gewässer aussehen, um bei starkem Regen Schäden möglichst zu vermeiden.“

Das Projekt

Das Neustadter Büro IPR Consult hat den Auftrag bekommen, das Konzept zu erarbeiten – die Kosten dafür übernimmt zu 90 Prozent das Land. Jürgen Göbel, Peter Bader und Christian Langhauser erläuterten am Donnerstagabend, was sie dabei konkret vorhaben. Aufgrund des Klimawandels und den von Mai bis September auftretenden und immer stärker werdenden Gewittern bestehe auf jeden Fall auch in Neustadt Handlungsbedarf, betonten sie. Vor allem Starkregen, also mindestens 15 Liter Regen pro Stunde und Quadratmeter, sei dabei die Herausforderung. „Man kann kaum vorhersagen, wo solche Niederschläge fallen, entsprechend kurz ist die Vorwarnzeit“, sagte Bader. Auf die Kanalnetze könne man sich nicht verlassen: „Die können nicht beliebig groß sein, sondern müssen ja im Unterhalt wirtschaftlich sein.“

Ein aktuelles Beispiel: die Goethestraße in Lachen-Speyerdorf im Juni 2017.
Ein aktuelles Beispiel: die Goethestraße in Lachen-Speyerdorf im Juni 2017.

Anhand ihrer Berechnungen, Daten, Informationen aus der Vergangenheit, der Auswertung der Feuerwehreinsätze sowie aktuellen Begehungen vor Ort mit Experten und Bürgern will das IPR-Team Folgendes herausarbeiten: Welche Ecken von Neustadt wären besonders von Überflutungen gefährdet und wo müssen Stadt und Bürger konkret etwas tun, um den Schutz zu verbessern. Dabei müsse bedacht werden, welche Kraft Wasser entwickeln könne: Ansteigende Bäche könnten Brücken zum Einsturz bringen und die Gesteinsbrocken dann weitere Schäden oder zusätzliche Stauungen verursachen, so IPR. Eine zentrale Aufgabe für die Verwaltungen sei es, bestehende Gräben so zu pflegen, dass sie auch einen Schutz vor Überflutungen bieten.

Die Bürger

Sie dürfen sich auf jeden Fall nicht nur auf die Verwaltung verlassen. „Jeder einzelne muss sich um den Schutz seines Hauses kümmern, etwa prüfen, ob Rückstauventile funktionieren oder Wasser durch Kellerschächte eindringen kann“, so Peter Bader. Nur gemeinsam könne es gelingen, Schäden so gering wie möglich zu halten. Dass es dabei nicht nur um Theorie geht, sondern Neustadt tatsächlich schon von starken Gewittern betroffen war, belegten die IPR-Vertreter mit Zeitungstexten. Nach Überflutungen im Jahr 1981 hieß eine Überschrift etwa „Gegen Rückstau sichern“.

Besonders im Blick bei allen Überlegungen: der Speyerbach. Daten von IPR zeigten, welche Neustadter Bereiche von Überflutungen betroffen wären. Bei einem Gewitter, wie es statistisch betrachtet alle 200 Jahre auftritt, wären das weite Teile der Innenstadt. Zuletzt habe es ein solches Ereignis 1882 gegeben. „So eine Wasseransammlung kann also durchaus wieder auftreten“, warnte Langhauser. Da der Speyerbach aus dem Pfälzerwald nach Neustadt fließe, „müssen wir ein Einzugsgebiet bis Hochspeyer berücksichtigen“.

Die Wortmeldungen am Donnerstagabend zeigten: Die Bürger hätten gerne konkrete Informationen bekommen, wie stark ihre Häuser im Falle des Falles betroffen und wie hoch die Kosten für Schutzmaßnahmen sind. Doch dazu war das Treffen am Donnerstag nicht gedacht.

Der Ablauf

Ab August können die Bürger an Begehungen in den Weindörfern und in der Kernstadt teilnehmen. Dabei geht es um einen Erfahrungsaustausch: Insbesondere ältere Bürger sollen dem IPR-Team erzählen, wo es bei Gewittern schon Hochwasserzonen gab oder wo es Gräben gibt, die aber zugewuchert sind und besser gepflegt werden müssen. In einer zweiten Runde stehen Arbeitsgruppen an, in denen die Erkenntnisse vertieft werden sollen. Bis Sommer 2023 soll das Konzept vorliegen. Es wird auch im Stadtrat beraten und beschlossen, damit die Empfehlungen eine „gewisse Verbindlichkeit“ bekommen. Aktuelle Präsentationen, Informationen sowie einen Film von der Auftaktveranstaltung finden Interessierte auf der Homepage der Stadt: www.neustadt.eu.

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