Neustadt „Wie der Kapitän beim Fußball“
«Neustadt-Hambach.» Wenn am nächsten Samstag das Sinfonieorchester Neustadt zu seinem Konzert in der Hambacher Pauluskirche antritt, dürfen sich die Klassikfreunde auf eine Besonderheit freuen: Diesmal wird die Konzertmeisterin Jeanette Pitkevica höchstpersönlich die Solo-Violine bedienen und, begleitet von dem Liebhaberorchester, das Violinkonzert von Brahms interpretieren. Markus Pacher sprach mit der aus Lettland stammenden Künstlerin über ihre Erfahrungen im Umgang mit Laienmusikern und ihre Rolle als Konzertmeisterin neben dem Dirigenten Jürgen Weisser.
Vor etwa fünf Jahren hat mich der Vorsitzende Caspar Grote, mit dem ich befreundet bin, gefragt, ob ich nicht das zwischenzeitlich freigewordene Amt der Konzertmeisterin übernehmen wolle. Dirigent Jürgen Weisser kannte ich bereits über die Schlossfestspiele Zwingenberg, wo er den „Freischütz“ geleitet hatte. Die Aufgabe hat mich sofort gereizt, denn im Gegensatz zu meinem Heimatland Lettland ist das häusliche Musizieren in Deutschland ein wichtiger Teil der Musikkultur. Bei uns gibt es kaum Amateurmusiker. In Deutschland können alle musizieren. Das hat mich von Anfang an fasziniert. Darüber hinaus empfinde ich mein Verhältnis zu Laienmusikern als eine Art Symbiose. Denn das sind schließlich meine potenziellen Zuhörer – und wenn es die nicht gäbe, wäre ich auch nicht da. Last but not least sollte man jeden mit all seinen Stärken und Schwächen annehmen und akzeptieren. Und den Mut bewundern, den Laienmusiker gerade bei nicht ganz einfacher Literatur aufbringen müssen. Dem Violinkonzert von Brahms eilt der Ruf der „Unspielbarkeit“ voraus. In der Tat sind die technischen Anforderungen an den Solisten sehr eindrucksvoll. Wie beurteilen Sie die Schwierigkeiten im Vergleich etwa zu den berühmten Beiträgen von Beethoven, Mendelssohn und Bruch? Natürlich ist das Konzert schwieriger als das von Mendelssohn. Dennoch meine ich, dass die Hauptschwierigkeiten nicht primär im technischen Bereich liegen, sondern im musikalischen. Man muss über eine große Reife verfügen, um Brahms gut zu spielen. Brahms verlangt nach einem weichen und tiefen Ton und fordert viele Ideen und Kreativität bei der klanglichen Umsetzung. Was zeichnet ihrer Ansicht nach eine gute Interpretation des Konzerts aus? Haben Sie Vorbilder? Jeder Musiker hat seine eigenen Vorstellungen. Ich bin eher der Typ, der auf Musikalität und Charakter und weniger auf Show setzt. Ein Vorbild für mich ist der Geiger Frank Peter Zimmermann. Seine Interpretation ist keine Effekthascherei, sondern ehrlich, schlicht und ergreifend. Das Orchester tritt bei Brahms als gleichberechtigter Partner neben dem Solisten auf. Wie meistert man als Berufsmusiker den Spagat zwischen professionellem Anspruch und dem begrenzten spieltechnische Vermögen von Laienmusikern? Natürlich verspürt man innerlich den Wunsch nach Perfektion. Das gilt aber vor allem für das eigene Spiel. Im Zusammenspiel mit dem Orchester gibt es für mich keinen Widerspruch: Denn wenn man ganz klar sagt, was man will, wird das in der Regel auch umgesetzt. Es ist nicht meine Aufgabe, mich darüber zu ärgern, wenn das Horn falsch spielt oder die Bratschen ihren Einsatz verpassen. Umso mehr freue ich mich, wenn etwas klappt und ich sehe, wie sich jeder im Orchester bemüht. An mich selbst stelle ich natürlich sehr hohe Ansprüche und versuche, mit meinen Spiel Emotionen zu transportieren. Welche Aufgaben übernimmt die Konzertmeisterin eines Liebhaberorchesters eigentlich genau? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Jürgen Weisser? Es ist wie beim Fußball: Jürgen Weisser ist als Dirigent der Trainer. Er hat das Sagen, auch wenn er wie Joachim Löw nicht selbst mitspielt. Dafür gibt er die Linie vor und versucht, seine Visionen umzusetzen. Ich dagegen bin mitten in der Mannschaft, sozusagen der Kapitän im Team, also sehr nah am Spielgeschehen dran und versuche zum Beispiel spieltechnische Details zu koordinieren. Führt das nicht auch manchmal zu Meinungsverschiedenheiten? Wir stehen uns sehr nahe, was die gemeinsamen Vorstellungen betrifft. Und ich habe kein Problem damit, wenn mich etwas überzeugt. Das ist umgekehrt, glaube ich, genauso. Einen Streit gab es bisher noch nie. Natürlich gibt es immer viel zu diskutieren. Zum Beispiel den Strich betreffend. Da akzeptiert er in der Regel, was ich sage, denn als Streicherin bin ich ja viel näher am Register dran. Termin Das Sinfoniekonzert der „Neustadter Musikfreunde“ findet am Samstag, 2. Februar, um 17 Uhr in der Hambacher Pauluskirche statt. Auf dem Programm stehen Werke von Antonín Dvorák (Ouvertüre zur Oper „Wanda“), Johannes Brahms (Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 77) und Robert Schumann (Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 120). Die Leitung hat Jürgen Weisser. Karten (12/6 Euro) in der Neustadter Bücherstube (06321/2235) oder über post@neustadter-musikfreunde.de. Weitere Informationen unter www.neustadter-musikfreunde.de.