Deidesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Werke der „Gruppe 83“ in Deidesheim

Sieht „nützlich“ aus, ist es aber kein bisschen: „Gefäßanmutung“ von Antje Brüggemann in der ehemaligen Synaoge.
Sieht »nützlich« aus, ist es aber kein bisschen: »Gefäßanmutung« von Antje Brüggemann in der ehemaligen Synaoge.

Den Pfalzpreis für Plastik hat Friederike Zeit am Donnerstag nicht bekommen. Doch sie hätte, denn die Zeiten, in denen keramische Arbeiten in der Kunstszene noch mit Naserümpfen betrachtet wurden, sind lange vorbei. Eine Künstler-Initiative, die wesentlich dazu beigetragen hat, dass dies so ist, präsentiert Zeit jetzt in ihrer Galerie und der ehemaligen Synagoge in Deidesheim.

Die „Gruppe 83“ bildete sich 1983/84 aus den deutschen Mitgliedern der renommierten „Académie Internationale de la Céramique“ – als „Solidargemeinschaft“, um zum Beispiel Ausstellungen im Ausland zu organisieren, wie Friederike Zeit erklärt, aber auch, um frischen Wind in die Szene zu bringen. Denn lange hatten sich die Keramikkünstler in Deutschland eingeigelt oder selbst verzwergt. Dabei sind keramische Materialien doch keine Werkstoffe, die ihr Licht unter den Scheffel stellen müssten. „Womit kriegen Sie denn sonst eine solche Oberfläche hin?“, sagt Zeit, die der „Gruppe 83“ selbst seit 2009 angehört, und zeigt auf die in geheimnisvollem Grün förmlich funkelnden Gefäßskulpturen ihres Lebenspartners Svein Narum, die im Eingangsbereich der Ausstellung im Atelier in der Schlossstraße stehen.

Was für eine Vielfalt an Techniken, Formen, Stilen und Varianten der Oberflächenbehandlung

Ja, die verschiedenen Oberflächen beeindrucken bei dieser Schau, ebenso wie die höchst unterschiedlichen Techniken, Stile und Formen. Vertreten sind Künstlerinnen und Künstler wie Fritz und Vera Vehring, Christa Gebhardt, Antje Brüggemann oder Elisabeth Schaffer, die schon zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe zählten, aber auch spätere Zugänge und Gäste. Eine gemeinsame Formensprache gibt es nicht – und die war auch nie beabsichtigt. So findet man jetzt also zum Beispiel die wie abstrakte Landschaftsbilder anmutenden keramischen Bildplatten von Cathy Fleckstein direkt neben den auf pure geometrische Formen reduzierten Schwarzbrandarbeiten des Spaniers Juan Orti, der als Gast eingeladen wurde und auch schon zweimal zur „Intonation“ in Deidesheim weilte. Die in ihrer Buntheit an barocke Gebrauchsfayencen erinnernden Zierteller und -kännchen von Sonngard Marcks stehen vis à vis von den kühlen, architektonischen Gebilden Friederike Zeits mit ihrer zeichenhaften Anmutung, ihren scharfen Kanten und dem magisch-verfließenden Glanz ihrer monochromen Glasuren.

Die Spanierin Myriam Jiménez, ebenfalls Gast und Ortis Gattin, zeigt Wandbilder aus Porzellan mit papierartigen Lagen, die in einer Rahmenkonstruktion fixiert sind, während Anke Müffelmann unmittelbar davor und daneben Arbeiten aus blauem und weißem Ton präsentiert, die wie zusammengerollte Stoffballen aussehen, und Christa Gebhardts archaische Reliefs wie versteinerte Natur wirken. Jüngstes Mitglied der Gruppe ist mit 53 Petra Bittl, die unter anderem zwei aufgebaute Gefäße nach Deidesheim geschickt hat, deren Oberfläche mit ihrem subtil eingearbeiteten Porzellan an eine Reptilienhaut erinnert.

In der Synagoge herrscht mehr Gleichmaß – aber nur in der Größe

Während diese Arbeiten alle im Atelier Zeit/Narum versammelt sind, finden sich in der ehemaligen Synagoge Objekte, die zumindest in der Größe ein etwas einheitlicheres Bild abgeben. Antje Brüggemann, Renée Reichenbach und Vera Vehring sind hier mit aufgebauten „Gefäßen“ oder besser „Gefäßanmutungen“ vertreten, Karin Bablok mit gedrehten und geschlagenen Porzellanvasen von so extremer Dünnwandigkeit, dass man ihnen kaum näherzutreten wagt. Die zugehörigen Ehemänner Volker Brüggemann – sonst als Bildhauer eher mit Bronze oder Stein zugange – und Fritz Vehring gehen dagegen noch einen Schritt weiter in Richtung freie Skulptur: Brüggemann mit rissigen Schmauchbrandarbeiten, die an Throne eines lange untergegangenen Königreichs erinnern, und Vehring mit einer Serie archaischer Helmformen. Altmeisterin Elisabeth Schaffer schließlich – Jahrgang 1935 – präsentiert zwei Stelen aus Porzellan und Steinzeug, die wie fast alles hier keinen „Zweck“ erfüllen, aber einfach nur schön sind: echte Kunst eben.

Die Ausstellung

Die Ausstellung wird am Samstag, 11. September, um 16 Uhr im Atelier Zeit/Narum, Schlossstraße 6, in Deidesheim eröffnet und läuft bis 26. September. Zur Einführung heute spricht Nele van Wieringen, die Leiterin des Keramikmuseums Westerwald in Höhr-Grenzhausen. Öffnungszeiten danach: Freitag/Samstag/Sonntag von 14-18 Uhr. Es gilt die 3G-Regel.

Sieht flauschig aus, ist es aber kein bisschen: das Werk „Familienbesitz“ von Anke Müffelmann im Atelier Zeit/Narum.
Sieht flauschig aus, ist es aber kein bisschen: das Werk »Familienbesitz« von Anke Müffelmann im Atelier Zeit/Narum.
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