Neustadt „Wenn du zusammenbrichst, heb’ ich dich auf“
«Neustadt-Mussbach.» Heimlich, still und leise läuft seit Montag neben dem internationalen Künstlersymposium auch der diesjährige Neustadter Meisterkurs für Gesang ab – und zwar auf einem auffallend hohen Niveau. Die 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die unter Anleitung der Mainzer Gesangsprofessorin Claudia Eder im Mußbacher Herrenhof an ihrer Stimme feilen, stammen aus Deutschland, China, Südkorea und Russland und versprechen ein besonders hochkarätiges Wettbewerbskonzert am kommenden Freitag im Saalbau.
„Traumhaft, das ist der beste Meisterkurs, den wir die letzten 14 Jahre hatten“, schwärmt Hansjürgen Hoffmann, der Vorsitzende des Förderkreises, und Kursleiterin Claudia Eder pflichtet ihm bei: „Wir waren bereits vom Vorsingen begeistert. Die Resonanz war so groß, dass wir fünf Bewerbern leider eine Absage erteilen mussten.“ Seit 17 Jahren leitet die international renommierte Mezzosopranistin den 1983 von Erika Köth gegründeten Meisterkurs. Sie freut sich, dass diesmal auch ein paar „Jungs“ mit im Boot sitzen. Genauer gesagt: Sage und schreibe die Hälfte der Kursteilnehmer sind männlich, darunter alleine drei Tenöre. Und die sind ja bekanntermaßen sonst Mangelware. Einer davon singt allerdings „außer Konkurrenz“, das heißt, er darf nicht um einen Preis kämpfen. Die Erklärung ist einfach, denn im Falle des Tenors Isaac Lee handelt es sich um den Preisträger von 2015. Damals musste sich seine Mitstreiterin, die Sopranistin Angela Shin, mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Heute sind sie miteinander verheiratet und werden diesmal glücklicherweise nicht als Konkurrenten beim Wettbewerbskonzert auf der Bühne stehen. Überhaupt befinden sich unter den jungen Leuten wieder einige Wiederholungstäter, manche möchten nach den vorangegangenen guten Erfahrungen gar zum dritten Mal von Eder unterrichtet werden. Zum ersten Mal dabei ist der in Gommersheim aufgewachsene Fabian Kelly. Der 23-Jährige studiert derzeit Schulmusik und parallel dazu Solo-Gesang in Mainz. Der Kontakt zu Eder und damit zum Meisterkurs kam über seine Mitwirkung an ihrem Musikhochschulprojekt „Baroque vocale“ zustande. „Sie ist eine sehr ehrliche Lehrerin, hochambitioniert, möchte bei jedem das Optimale herauskitzeln“, lautet das Urteil des jungen Tenors bereits nach wenigen, aber nach eigenem Bekunden äußerst effizienten Unterrichtseinheiten im Herrenhof. „Manchmal fällt sie sehr harte und direkte Urteile, aber immer nur über die Stimme, niemals über die Person“, sagt er. Dies bestätigt sich beim Besuch des Meisterkurses, bei dem sich die Kursleiterin als ungemein temperamentvolles Energiebündel outet, das über sich sagt: „Wenn man nicht selbst brennt, kann man nicht entzünden.“ Dass Singen eine unglaubliche körperliche Angelegenheit ist, erlebt man, als sie die Mezzosopranistin Brigitta Ambs unter ihrer Fittiche nimmt. „Jetzt nehmen wir den Body mit, du musst deinen Körper aufwecken, das ist besonders in der Barockmusik mit ihren starken Affekten wichtig“, lautet ihr Rat beim Einstudieren der Aria „Svegliatevi nel core“ aus der Oper „Julius Cäsar“ von Händel. An einer andere Stelle empfiehlt sie zur Wahrung der Spannungskurve das Hecheln: „Probier’s mal mit dem Hunde-Atem - wenn du dabei zusammenbrichst, heb’ ich dich auf!“ Am Schluss der Probe spart sie nicht mit Lob: „Deine Schnelligkeit ist sensationell, du hast vieles sofort umgesetzt, was ich dir kurz zuvor gesagt hatte.“ Zum musikalischen Team gehören neben Eder die beiden Korrepetitoren Hedayet Djeddikar und Stefan Zekic. Sie begleiten nicht nur die Kursteilnehmer am Klavier, sondern helfen auch beim Unterrichten, geben Tipps zu Aussprache, Phrasierung und Artikulation, und manchmal auch Antworten auf musikalische Fragen. „Für gesangstechnische Aspekte ist aber Claudia Eder zuständig“, erläutert Fabian Kelly und schwärmt über die nicht von Konkurrenz, sondern von kollegialem Miteinander geprägte Atmosphäre im Kurs, der „Sommerfamilie des Gesangs“, wie Kulturdezernent Ingo Röthlingshöfer bei der Begrüßung charmant formulierte. Seit mehreren Jahren trägt Korrepetitor Hedayet Djeddikar zum guten Gelingen des Kurses bei, und als Glücksgriff darf auch Stefan Zekic aus Belgrad bezeichnet werden, der kurzfristig für den ursprünglich vorgesehenen Mátyas István eingesprungen ist. Eder hat den Dirigenten der Staatsoper Belgrad bei ihrem letzten Meisterkurs in Israel nicht nur als routinierten Korrepetitor, sondern auch als begabten Sänger kennen und schätzen gelernt. Neben den besagten Herren gerät mit der Chinesin Huang Yi Xing, den zwei Süd-Koreanerinnen Angela Shin und You Sean, sowie den Deutschen Sonja Grevenbrock und Sabrina-Nadja Reidt der Meisterkurs wieder einmal zum Aufmarsch der Koloratursopranistinnen, sicher ganz im Sinne von Gründerin Erika Köth, die als bekannteste „Königin der Nacht“ der Republik im Nachkriegsdeutschland Triumphe feierte. Traditionell vergibt die aus Sängern, Intendanten, Journalisten und Kulturagenten besetzte Jury beim Abschlusskonzert wieder Preise für Platz 1-3. Außerdem gibt es einen Publikumspreis. Die Moderation übernimmt Markus Hofmann vom Rhein-Neckar-Fernsehen. Das Wettbewerbsprogramm steht verständlicherweise noch nicht fest, doch darf außer den Solo-Beiträgen wieder mit Ensemble-Nummern gerechnet werden, wie zum Beispiel einem Terzett aus dem Singspiel „Der Schauspieldirektor“ von Mozart, wie Fabian Kelly vorab verriet. Termin Das Abschluss- und Wettbewerbskonzert findet am Freitag, 25. August, ab 19 Uhr im Neustadter Saalbau statt. Karten (16/13 Euro) über das Kulturamt (06321/855404, stefanie.seiter@stadt-nw) oder unter www.reservix.de.