Neustadt Weite Wortsprünge
«Neustadt-Hambach.» Sein Wochenrückblick im SWR3-Programm ist meistens lustig und prägnant – aber der ist nur etwa eine Minute lang. Trägt sein Humor auch bei einem abendfüllenden Programm? Dieser Frage gingen am Donnerstagabend rund 80 Besucher bei Stefan Reuschs Auftritt im Hambacher Schloss auf den Grund.
„Europa zwischen gut und Börse“ heißt sein Solo, und um die Antwort auf die eingangs gestellte Frage gleich vorweg zu nehmen – es trägt durch die knapp zwei Stunden: Kurzweilig nimmt Reusch seine Zuschauer mit auf eine Parforcejagd der abenteuerlichen Gedanken- und Wortsprünge, verlangt ihnen freilich aber auch eine gewisse Konzentration ab, um inhaltlich am Ball zu bleiben. Denn Reusch bleibt sich insoweit treu, als es nur einen roten Faden gibt, nämlich keinen – auf gut Pfälzisch könnte man sagen, er kommt von Arsch- auf Kuchenbacken, aber das macht jede Menge Spaß. Selbst im Betrugsfalle würden Autos mit Expertise und Know How gefertigt, was man bei Kindern nicht zwingend voraussetzen dürfe. Und fürs Autofahren bedürfe es eines Führerscheins, fürs Kinderkriegen nicht einmal eines Idiotentests, wobei Autos auch von Anfang an sauber seien, meint er zum Thema aussterbendes Europa: Stellten die Europäer doch in den 1960er-Jahren immerhin elf Prozent der Weltbevölkerung, während es aktuell noch gerade mal sieben Prozent seien. Daraus leitet Reusch die These ab, dass sich die Deutschen offensichtlich fürs Ford-Fahren statt fürs Fortpflanzen entschieden haben – aber Kinder zeugen könne ja auch der Mann am Hindukusch ... Irgendwie funktioniere Europa nach dem Buddenbrooks-Prinzip, meint Reusch: Drei Generationen bauten etwas auf, die vierte fahre alles an die Wand, postuliert er, um schließlich doch dazu zu appellieren, sich in Merkel-Manier für ein „Wir schaffen das“ einzusetzen – schließlich habe sich seit der Nazi-Zeit ja doch etwas entscheidendes geändert: „Die Menschen fliehen nicht mehr vor, sondern zu uns.“ Man sei nicht mehr so allein wie man es gerne wäre – so umreißt Reusch das Europa-Gefühl, in dem es drei Hauptproblemfelder gebe: „Terror, Trump und die trohende Rechtschreibschwäche“, sagt der Mann, der freimütig einräumt, keineswegs allwissend zu sein: So könne er beispielsweise nicht sagen, ob es sieben oder acht Grad sind, wenn Ursula von der Leyen Fieber hat. Und wo er gerade bei der Bundeswehr ist, kommt er noch auf Franco A. zu sprechen, jener rechtsextreme Offizier, der ein Doppelleben als syrischer Asylbewerber führte: Den hätte man durchaus in seine Heimatstadt Offenbach abschieben könne, schließlich sei das keine rechtlose Stadt wie Wolfsburg oder Ingolstadt ... Dahinter, dass die Atmosphäre in Europa derzeit vergiftet sei, stecke sicher der Russe, vergiften könne er ja, meint Reusch, der bei der Einführung des Euro gedacht habe, das Geld sehe ja aus wie Spielgeld und heute wisse, dass es das auch sei. „Südeuropa geht es schlecht, und uns sieht man es an“, sagt er zur Griechenland-Krise und fragt sich zugleich, warum es von Leuten, die als besonders zuverlässig gelten, noch immer heiße, sie seien „eine Bank“. Dass er die Menschen hin und wieder auch gerne verarscht, illustriert er mit folgendem Dialog: „Ich bin korrupt, aber Fußball geht mit am Arsch vorbei. Muss ich trotzdem Fifa-Präsident werden?“ – „Nein, Du kannst auch ganz ehrlich Dein Geld verdienen und brauchst nicht bei der Bank anzufangen ...“ Großes Kino, das.