Neustadt
Warnung vor den Loverboys
Das National Center for Missing & Exploited Children (Nationales Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder) ist eine gemeinnützige Organisation, die vom US-Kongress gegründet wurde. Sie fahndet weltweit nach Kinderpornografie im Netz und informiert betroffene Staaten. So kommen die Informationen nach Neustadt.
„Das geht über Bundes- und Landeskriminalamt in Wiesbaden und Mainz bei uns ein“, berichtet Kriminalhauptkommissarin Manuela Weitzel, bei der Polizeidirektion Neustadt zuständig für Sexualstraftaten. Meist verrate sich der Täter über die IP-Adresse, den elektronischen Absender des Internetanschlusses. Hinweise aus den USA hätten auch in Neustadt schon zu Hausdurchsuchungen und Anklagen geführt. In 15 Fällen seien deshalb 2019 Ermittlungsverfahren eingeleitet worden.
Nacktbilder in sozialen Netzwerken
Was die Wenigsten wissen: Die Verbreitung pornografischer Inhalte wird härter bestraft als ihr Besitz. „Auch die 15-Jährige, die Nacktbilder von sich selbst verschickt, macht sich strafbar“, erklärt Manuela Weitzel. Das wirke auf den ersten Blick harmlos, aber wenn der Empfänger die Bilder weiterleite oder sogar in die sozialen Netzwerke stelle, bekomme eine Unüberlegtheit eine ungeahnte Multiplikatorenwirkung.
Beim Neustadter Fachkommissariat gab es im Vorjahr 60 Verfahren wegen der Verbreitung pornografischer Schriften, 2018 waren es 26. 18 Vergewaltigungen gab es zu beklagen (Vorjahr 19). 47 Straftaten wegen sexuellen Missbrauchs sind in der Statistik aufgeführt (Vorjahr 42). Unter Letzterem wird auch die sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit geführt. „Da ist dann auch der Mann im Zug darunter, der in der vollen S-Bahn einem Mädchen unter den Rock greift“, berichtet Weitzel aus der Praxis.
Aufmerksame Eltern
Auch durch Infos von Eltern überführt die Polizei zuweilen Straftäter. „Ein 15-Jähriger bekam über eine Verkaufsplattform Kontakt mit einem Mann, der ihm Nacktbilder schickte und ihn aufforderte, gleichfalls solche Bilder zu schicken. Zum Glück bekamen die Eltern das dann mit“, so Weitzel.
Heinz Hussy, Außenstellenleiter der Opferhilfsorganisation Weißer Ring für Neustadt-Bad Dürkheim, berichtet von sogenannten Loverboys, die im Netz Kontakt zu jungen Mädchen suchten und Nacktfotos einfordern würden: „Die Opfer sind nicht selten in diese unbekannten Menschen verliebt, stehen noch am Anfang ihrer sexuellen Entwicklung und schämen sich später auch dafür, was sie getan haben.“
Im Zug auf Nebenstrecken
Auch Hussy kennt Fälle des sexuellen Missbrauchs im Zug, „meist in den Abendstunden und auf wenig befahrenen Nebenstrecken“. Die klassische Vergewaltigung im Wald oder Park sei eher selten. In den meisten Fällen würden sich Opfer und Täter sehr gut kennen. „Gewalt in engen sozialen Beziehungen, auch in der Ehe, ist ein sehr großes Problem“, berichtet der ehemalige Polizeibeamte. Meist kämen die Fälle aus Angst nicht zur Anzeige. Oft werde nur die Spitze des Eisberges bekannt. Auch seien Beweisverfahren schwierig, weil die Opfer zu lange mit einer Anzeige warten würden.
Bei der Polizei hat die Corona-Pandemie in den ersten Lockdown-Wochen nicht mehr Anzeigen ausgelöst. „Aber jetzt geht es langsam los. Ich habe schon den Eindruck, dass Opfer erst nach den Lockerungen den Mut fassen, sich an uns zu wenden“, berichtet Kommissarin Weitzel.
Weißer Ring hilft
Die Mutmaßung bestätigt auch Heinz Hussy. „Wir registrieren einen deutlichen Anstieg von Opferkontakten.“ Hussy macht deutlich, dass Betroffene von sexueller Gewalt sich auch zuerst an den Weißen Ring wenden könnten. „Auch wir können eine verwertbare rechtsmedizinische Untersuchung veranlassen. Die Erkenntnisse werden gespeichert und liegen vor, falls das Opfer sich später entschieden hat, eine Strafanzeige zu stellen“, erklärt er. Die Angaben würden vertraulich behandelt. Sowohl bei der Polizei als auch beim Weißen Ring gebe es zudem Experten, bei denen sich die Opfer beraten lassen könnten.
Der Weiße Ring für die Stadt Neustadt und den Landkreis Bad Dürkheim hat rund 130 Mitglieder und 14 ehrenamtliche Mitarbeiter, „die alle speziell ausgebildet wurden“, wie Hussy betont.
Kontakt
Das Opfertelefon des Weißen Rings ist täglich von 6 bis 22 Uhr unter der Nummer 116 006 zu erreichen.