Neustadt „Von Menschen geprägt“

Infos aus erster Hand: Rund 20 Teilnehmer folgen Forstrevierleiter Jens Bramenkamp.
Infos aus erster Hand: Rund 20 Teilnehmer folgen Forstrevierleiter Jens Bramenkamp.

Rund 20 Waldfans sind der Einladung von Jens Bramenkamp gefolgt, um die noch unbekannten Seiten des Stadtwalds aus erster Hand kennenzulernen. Aber erstmal präsentiert der Neustadter Revierförster an diesem Dienstagnachmittag Fakten: Der Pfälzerwald, der eigentlich die Verlängerung der nördlichen Vogesen ist und erst seit 175 Jahren diesen Namen trägt, ist seit einem Vierteljahrhundert Biosphärenreservat und darf das FSC-Siegel tragen. Momentan haben die Nadelbäume mit 73 Prozent die Überhand, langfristiges Ziel sei es jedoch, den Anteil der Laubbäume zu erhöhen. Erste Station: Der Liebling der Forstwirte „Die Douglasie ist der Baum, der die Forstwirte begeistert“, sagt Bramenkamp an der ersten Station im Kaltenbrunner Tal. Der Grund: Die Douglasie habe eine hohe Volumenleistung, wachse also schnell, sehr gerade und produziere hochwertiges Holz – optimal für die wirtschaftliche Holzverwertung. Umweltschützer kritisierten allerdings, dass die Douglasie kein heimischer Baum sei. Tatsächlich ist diese Baumart vor der letzten Eiszeit auch in Europa heimisch gewesen, dann aber erst wieder vor 200 Jahren aus Nordamerika zu uns gekommen. „Der überwiegende Teil des Waldes ist von Menschen geprägt“, so Bramenkamp. „Auch die Lärche und die Fichte sind im Pfälzerwald nicht heimisch.“ Früher habe man die Arten viel gepflanzt, um sie als Grubenholz ins Saarland zu exportieren. Zweite Station: Der Saustall und fallende Bäume Weiter geht es hinauf ins Kaltenbrunner Tal, bis der Nadelwald von uralten Buchen abgelöst wird. Hier ist ein sogenanntes Waldrefugium. „Zehn Prozent unseres Stadtwaldes sind stillgelegt, hier greifen wir nicht mehr in die natürlichen Abläufe ein“, so der Förster. „Diese Buchen hier sind rund 230 Jahre alt und befinden sich gerade in der Zerfallsphase.“ Zu erkennen sei das an den zahlreichen Pilzen, die auf den Stämmen wuchern. Eine spannende Phase für den Waldexperten: „An den Astabbrüchen und toten Stämmen finden Fledermäuse und höhlenbrütende Vögel Unterschlupf, dann kommen die Hornissen, und im Winter dienen sie als Quartier für die Bilche. Wenn Bäume umfallen, wird Licht geschaffen und die neue Waldgeneration kann wachsen“, erläutert Bramenkamp. Das Waldrefugium ist aber noch aus einem anderen Grund ein besonderer Ort. Die großen Steinquader sind der Nachweis, dass bis zum Zweiten Weltkrieg die Tiere in den Wald getrieben wurden. Gut für die Tiere, schlecht für den Wald: Während sich die Schweine an den Eicheln satt fraßen, die Ziegen die grünen Triebe nahmen und die Menschen Laub und Reisig für die Ställe sammelten, litt der Wald unter Nährstoffmangel und Kahlflächen. Dritte Station: Der Baum der Zukunft Trockenheit und Wärme sowie heftige Stürme in den vergangenen Jahren haben dem Wald zugesetzt. „Wir suchen deshalb nach Baumarten, die mit diesen Bedingungen besser zurechtkommen. Die Weißtanne scheint ein vielversprechender Kandidat zu sein, um dem Klimawandel standzuhalten“, so Bramenkamp. Er werde im Herbst deshalb mehrere hundert Bäume pflanzen. Außerdem habe er Strauchhasel, Wildkirschen und Holunder gepflanzt. Und einige Bäume mit einem Z markiert. Das sind die sogenannten Zukunftsbäume, die eine große Krone entwickeln sollen. Kleinere Bäume in ihrem Umkreis müssen dafür weichen. Vierte Station: Die Geschichte der Kiefer Der Weg zum Hahnenschritt führt die Gruppe durch Kiefernwald, für viele Sinnbild des mediterranen Charakters des Pfälzerwaldes. Aber auch der ist menschengemacht, wie Bramenkamp erzählt: „Durch die Kriege war der Wald stark dezimiert. Die Kiefer war nach dem Zweiten Weltkrieg die einzige Möglichkeit, schnell wieder Wald zu haben.“ Schnell wachsend, anspruchslos und als Saatgut verfügbar, wurde die Kiefer von sogenannten Kulturfrauen im Akkord vor allem an den Südhängen gepflanzt. Diese Monokulturen boten keine Artenvielfalt, waren dafür anfällig für Schädlinge. Die Holzernte geschah im Kahlschlagverfahren, das Wachstum von Erika und Heidelbeeren wurde mit Chemie unterdrückt. „Alles hat seine Zeit und seine Notwendigkeit“, so Bramenkamp. „Letztendlich haben wir es nur diesen Menschen zu verdanken, dass wir heute überhaupt wieder Wald haben.“ Fünfte Station: Schädlinge und Eindringlinge Zurück geht es durch das Finstertal entlang der Woogwiesen. Hier sind die Feinde des Waldes zu beobachten: Der Fichtenborkenkäfer hat wegen der Trockenheit leichtes Spiel und ist gerade dabei, den Fichtenbestand im Stadtwald langfristig zu vernichten. Befallene Bäume müssen schnellstmöglich gefällt werden und sind deshalb mit einem K markiert. Sorgen macht dem Förster auch die Verbreitung des japanischen Knöterichs, der durch die meterlangen unterirdischen Wurzeln kaum zu bekämpfen ist. An den Woogwiesen versucht Bramenkamp, der Invasion durch Plastikfolie Herr zu werden. „Durch Lichtentzug wird die Photosynthese unterbrochen“, erläutert er. Allerdings brauche man ein paar Jahre Geduld. Zum Schluss hat der Förster noch eine beeindruckende Zahl parat: Pro Sekunde wachsen im Pfälzerwald 688 Kubikzentimeter Holz nach.

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