Neustadt Vier Generationen lang gut beschirmt

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Neustadt. Auf eine fast 150-jährige Geschichte konnte das Schirmfachgeschäft Leisler zurückblicken, als es 2003 für immer seine Tore schloss. Sein letzter Standort war das Haus Nr. 71 in der Neustadter Hauptstraße, wo es seit 1935 seinen Sitz hatte, aber davor hatte es bereits mehrfach seinen Platz in der Innenstadt (und einmal auch seinen Namen) gewechselt.

Der Gründer des Geschäfts war der 1838 im hessischen Offenbach geborene Elfenbeinschnitzer Johann Carl Kreuder, der nach Lehr- und Wanderjahren 1859 nach Neustadt kam, sich, wenn man den Quellen trauen darf, in eine schöne Tochter der Stadt namens Elise verliebte und mit einem Berufskollegen in der Oberen Hauptstraße – vermutlich im Haus mit der Nr. 40, in dem sich heute WMF befindet – ein Geschäft für Drechsler- und Schnitzkunstarbeiten eröffnete. Dieses existierte allerdings nur ganz kurze Zeit, weil der junge Kunsthandwerker die Stadt schon bald wieder verließ, um sich noch ein wenig in der Welt umzusehen. 1861 aber war er bereits wieder zurück, heiratete seine Elise und erwarb das Haus des Bäckermeisters Blankenheimer in der Hauptstraße neben der heutigen Stern-Apotheke. Hier eröffnete er 1865 erneut ein Drechslergeschäft mit einem großen Sortiment an Stöcken, Tabakspfeifen und natürlich Elfenbeinschmuck, das bald auch noch um eine Schirmabteilung erweitert wurde. 1880 war dann schon der nächste Ortswechsel angezeigt: Kreuder kaufte das Anwesen des Weinhändlers Labroisse in der Oberen Hauptstraße (Nr. 30) und baute den Laden um. Mehr und mehr wurde die Schirmabteilung nun Hauptabsatzquelle des Geschäfts. Ein großes Lager an „Sonn- und Regenschirmen“, aber auch an „Spazierstöcken, Meerschaum-Waaren sowie allen Rauch-Requisiten“ verheißt eine Anzeige im Neustadter Adressbuch des Jahres 1896. 1913 schließlich übergab Kreuder die Leitung des Betriebs an seinen Schwiegersohn Jakob Leisler. Der Ruheständler, ein begeisterter Wanderer, der zu den Mitbegründern der Neustadter Ortsgruppe des Pfälzerwald-Vereins gehörte, starb 1932 im gesegneten Alter von 94 Jahren . Nach Jakob Leislers Tod, der bereits im Jahr 1925 verstorben war, führte dessen Frau Anna, Kreuders Tochter, das Geschäft mit Hilfe ihres Sohnes Wilhelm weiter. Dieser verlegte den Betrieb dann 1935 erneut, diesmal in ein historisches Anwesen in der Hauptstraße 71/73, das er in den 1950er-Jahren dem Zeitgeist entsprechend modernisieren ließ, wofür das Stadtbauamt auf Beschluss des Stadtrats extra die geltende Baulinienführung aufhob, wie die RHEINPFALZ 1953 berichtete. Nach Wilhelm Leislers Tod 1981 führten dessen Söhne Walter und Ludwig das Taschen- und Schirmgeschäft in vierter Generation noch bis Mitte 2003 weiter, ehe sie das denkmalgeschützte Anwesen aus der Zeit der Spätgotik und der Renaissance an den Unternehmer Manfred Vetter verkauften, der es sofort umfassend, aber bestandschonend sanieren ließ. Damit schloss sich gleichsam der Kreis, denn Vetter war ein Nachfahre jener Elise, die den Hessen Johann Carl Kreuder einst zum Bleiben in der Pfalz animiert hatte. Heute befindet sich in dem Gebäude eine Filiale von Apollo-Optik.

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