Maikammer
VG-Bürgermeisterwahl: Amtsinhaberin contra Quereinsteiger (mit Video)
Frau Flach, Herr Großmann, Sie stecken nun kurz nach der Bundestagswahl wieder in einem Wahlkampf. Wie läuft das bei Ihnen?
Flach: Es ist keine einfache Situation, die Wählerinnen und Wähler noch einmal zu motivieren, von ihrem Stimmrecht Gebrauch zu machen, um eine ähnlich hohe Wahlbeteiligung zu bekommen wie bei der letzten Wahl. Auch für die Verwaltung ist es eine Herausforderung, nach so kurzer Zeit noch einmal eine Wahl durchzuführen.
Großmann: Ich bin eigentlich positiv überrascht. Bei den Menschen, die ich bisher im Haustür-Wahlkampf getroffen habe, war das Interesse groß. Eine Verbandsbürgermeisterwahl ist ja näher an den Menschen dran als eine Bundestagswahl. Dennoch ist es so, dass oft noch Bundesthemen diskutiert werden. Aber ich bin zuversichtlich, dass die Wahlbeteiligung wieder hoch sein wird.
Herr Großmann, Sie sind Agraringenieur und freiberuflicher Dozent. Verwaltungserfahrung haben Sie nicht. Wie können Sie das kompensieren?
Die Frage haben mir schon einige Leute gestellt. Es stimmt, ich habe keine Verwaltungserfahrung, aber sehr viel Erfahrung im Projektmanagement. Ich denke, das ist ein Pluspunkt. Es ist ja vielleicht auch eine Chance, wenn jemand, der nicht aus der Verwaltung kommt, die Verantwortung übernimmt. Der bringt einen ganz anderen Blick mit ein.
Frau Flach, wie sehen Sie das? Ist das ein ungleicher Kampf?
Um es einmal vorweg zu nehmen: Ich finde es sehr positiv, dass die Wählerinnen und Wähler eine echte Wahl haben. Was die Vorbildung angeht: Nach meinen Erfahrungen ist es es angesichts der komplexen Aufgabenstellung für unsere Verbandsgemeinde sehr hilfreich, wenn man im juristischen und verwaltungsmäßigen Bereich vorgebildet ist, gerade in kleinen Verwaltungen, die kein Rechtsamt haben.
Was motiviert Sie beide, sich politisch zu engagieren?
Großmann: Die Grünen, die ja in der Verbandsgemeinde Maikammer noch eine sehr junge Gruppierung sind, sind immer davon ausgegangen, dass die etablierten Parteien oder die Freien Wähler jemanden ins Rennen schicken würden. Es hat uns überrascht, dass es da niemanden gibt. Und Frau Flach, Sie haben es schon gesagt: Eine Wahl ist erst dann eine wirkliche Wahl, wenn mindestens zwei Namen auf dem Stimmzettel stehen. Also haben wir intern gesucht. Von den weiblichen Mitgliedern hat sich niemand gemeldet. Wir hatten dann eine Klausur und da habe ich gesagt: Okay, ich werfe meinen Hut in den Ring. Ich bin noch nicht lange in Maikammer, aber ich bin ein sehr engagierter Mensch.
Frau Flach, was treibt Sie an?
Ich habe eine starke emotionale Bindung zu der Region hier. Ich bin ja in Edenkoben geboren und aufgewachsen, war dann längere Zeit nicht mehr hier, habe beruflich andere Dinge gemacht. Es gab nur wenige Verbandsgemeinden, in denen ich mir so ein politisches Engagement hätte vorstellen können. Maikammer hat immer dazu gehört. 2018 gab’s dann die Chance, hier zu kandidieren. Und das, was ich damals erwartet habe, hat sich bestätigt: Die Verbandsgemeinde Maikammer ist ein Schatz. Die Aufgabenstellung der Verbandsgemeinde bietet eine große Gestaltungsmöglichkeit, und die Zusammenarbeit mit unseren Bürgerinnen und Bürgern zur positiven Gestaltung der Lebensqualität bereitet mir viel Freude.
Da sind wir fast schon bei der nächsten Frage: Sie leben beide hier in einer Region, in der andere Urlaub machen. Was schätzen Sie besonders an Ihrer Heimat?
Flach: Einmal natürlich die tolle Landschaft mit ihren sehr guten Freizeitmöglichkeiten und einer wirklich hervorragenden Infrastruktur. Wir haben eine gute gesundheitliche Versorgung, es gibt Angebote für ältere Menschen, aber auch für Familien, beispielsweise das Kalmitbad. Darüber hinaus gefällt mir der Menschenschlag hier. Die Leute sind Macher. Wenn sie etwas wollen, finden sie auch einen Weg, das hinzukriegen.
Herr Großmann, Sie sind noch nicht so lange hier. Was gefällt Ihnen an der Region?
Wir sind ja eher zufällig hier gelandet. Meine Frau und ich, wir sind beide in der Entwicklungshilfe tätig und haben lange alle fünf Jahre woanders gelebt. In Asien, Afrika und zuletzt in Kolumbien. Als wir 2018 zurückkamen, lebten wir im Ballungsraum Frankfurt. Dann kamen Corona und das Homeoffice. Wir beschlossen, aus der Stadt hinauszuziehen. Ich wollte wieder in eine ländliche Region, ich stamme ursprünglich aus einem Dorf in Bayern. Dass wir in Maikammer ein Haus fanden, das uns gefiel, war der reine Zufall. Was wir hier sehr schnell gemerkt haben, ist, wie offen und zugänglich die Menschen hier sind. Das macht es einem Neuankömmling leicht, Freundschaften zu schließen.
Kommen wir mal zu den Aufgaben der Verbandsgemeinde. Dazu gehört die Feuerwehr. Nun wachsen die Herausforderungen für die Wehren ständig, unter anderem durch den Klimawandel. Denken Sie, dass das mit ehrenamtlichen Kräften auch künftig noch zu schaffen sein wird?
Flach:
Das ist eine spannende Frage. Die Anforderungen werden auch, aber nicht nur durch den Klimawandel größer, Stichwort Starkregenkonzept. Aber auch im technischen Bereich ändert sich so manches, dadurch auch in der Ausbildung. Wir versuchen, so lange wie möglich mit ehrenamtlichen Strukturen weiterzumachen. Ob das auch in Zukunft ein tragfähiges Konzept ist, muss man sehen. Mein Ziel ist es, die Wehren von allem, was mit Verwaltung zu tun hat, zu entlasten, um Freiräume zu schaffen. Das große ehrenamtliche Engagement der Feuerwehrkameraden ist nicht hoch genug einzuschätzen. Als kleines Zeichen der Anerkennung gewähren wir den Kameraden den freien Eintritt ins Kalmitbad.
Großmann: Wir waren ja beide vergangene Woche bei einer Feuerwehrübung und waren beide beeindruckt, wie professionell die freiwilligen Feuerwehren arbeiten. Insofern ist das unbedingt ein Pfund, das man behalten sollte. Schon das Ehrenamt an sich ist sehr wertvoll, beispielsweise für den Zusammenhalt im Dorf. Andererseits, wenn die ehrenamtlichen Kräfte überfordert werden, muss man über eine hauptamtliche Unterstützung nachdenken.
Die nächste Frage geht zuerst an Sie, Herr Großmann: Welche Rolle spielt der Klimaschutz auf lokaler Ebene und welche sollte er spielen?
Klimaschutz hat immer zwei Aspekte: die Eindämmung des Klimawandels und die Anpassung an das veränderte Klima. Was mich von Anfang an begeistert hat, ist die Nachhaltigkeitsstrategie der Verbandsgemeinde. 2019 ist das losgegangen, 2021 ist das Dokument fertig geworden. Das liest sich im Grunde genommen wie das Parteiprogramm der Grünen, da sind alle Aspekte von Nachhaltigkeit abgebildet. Ein sehr beeindruckendes Dokument. Was mir noch fehlt, ist der umfassende Monitoringbericht. Wo stehen wir in der Umsetzung der über hundert Maßnahmen? Zum Teil fehlen auch die genauen Zielvorgaben.
Frau Flach, viel Lob, aber auch ein paar Kritikpunkte: Was sagen Sie zu dem Thema?
Ich war dankbar, dass wir die Möglichkeit hatten, diese Strategie zu erarbeiten. Das hat nur funktioniert, weil wir Modellprojekt waren und es dadurch Coaching gab. Wir haben dann eine Kraft eingestellt, die uns zwei Jahre lang unterstützt hat. Es war natürlich auch verabredet, dass die Strategie evaluiert und fortgeschrieben wird. Bisher gibt es ein, zwei Zwischenberichte. Die Frage ist nun, wie man ein Monitoring anlegt. Am meisten weiterhelfen würde uns wahrscheinlich eine Evaluation durch ein externes Büro. Aber das hat auch etwas mit Kosten zu tun. Mit eigenem Personal schaffen wir das nicht. Wobei man auch sehen muss, dass ein großer Teil der Maßnahmen in der Zuständigkeit der Ortsgemeinden, zum Teil auch von Privaten liegt. Der nächste Schritt ist jetzt, dass wir uns zusammensetzen mit den Ortsgemeinden, um zu besprechen, wie wir weiter vorgehen.
Was sagt der Projektmanager? Hätten Sie eine Idee, wie man das Ganze evaluieren kann, ohne ein teures Büro einzuschalten?
Großmann: Absolut. Partizipatives Projektmanagement besteht erst einmal darin, dass man die Beteiligten wieder an einen Tisch bringt und die hundert Maßnahmen durchackert. Frau Flach, was Sie als Zwischenbericht darstellen, ist kein Monitoring.
Flach: Da bin ich ganz bei Ihnen, Herr Großmann. Aber um eine fachgerechte Bewertung umzusetzen, brauchen wir zusätzliche personelle Ressourcen. Nehmen wir das Beispiel sozialer Wohnungsbau. Wer soll die Bestandsaufnahme machen?
Großmann: Aber es muss doch irgendeinen Sinn gehabt haben, warum man das damals da rein geschrieben hat. Ansonsten hätte man ja gleich sagen können: Das lassen wir, das schaffen wir ohnehin nicht.
Flach: Nein, es war ja wichtig, ein Ziel hineinzunehmen. Aber wir haben schon bei der Arbeit mit der Strategie gesehen, dass wir innerhalb der Verwaltung zu wenig freie Kapazitäten hatten, um den Fortgang engmaschig zu begleiten. Deshalb haben wir uns mit den Ortsgemeinden zusammen entschieden, eine Kraft einzustellen. Jetzt muss man eben schauen, ob man das noch einmal macht.
Großmann: Im ersten Schritt ging es mir ja nur um die Transparenz. Warum spricht man das am Nachhaltigkeitsstammtisch nicht einmal durch und sagt: Okay, hier konnten wir nichts machen, weil wir die Kapazität nicht haben? Im Moment weiß niemand so richtig, was erreicht worden ist und was nicht.
Ein spannendes Thema, das Sie sicher beide noch beschäftigen wird. Ich würde gerne noch zu einem anderen Punkt kommen, das sind die Grundschulen. Wo steht die Verbandsgemeinde, Frau Flach?
Für mich ist es erst einmal ganz wichtig, dass es weiterhin in jeder Ortsgemeinde ein schulisches Angebot gibt. Es gab ja mal eine Diskussion darüber, die sogenannte Zwergschule in St. Martin zu schließen. Wir haben die Herausforderung, dass zwei der drei Schulen in der Verbandsgemeinde in denkmalgeschützten Gebäuden sind. Dennoch haben wir einiges getan. Ein wichtiges Thema für mich ist die Digitalisierung. Da hat es uns geholfen, dass der Bund dafür Fördermittel bereit gestellt hat. Wobei die Verbandsgemeinde auch drei Mitarbeiter finanziert, die für die Administrierung zuständig sind. Es nützt ja nichts, nur digitale Ausstattung zu haben, sie muss auch gepflegt und aktualisiert werden. Eine Herausforderung wird die Ganztagsschule sein, wir haben ja ab 2026 den Anspruch auf einen Ganztagsplatz. Da sind wir aber schon ganz gut aufgestellt durch die Betreuende Grundschule, die die Verbandsgemeinde Maikammer vor geraumer Zeit als eine der ersten im Land eingeführt hat.
Großmann: Ich kann nur das wiedergeben, was ich von Eltern höre und gehört habe. Nachmittags- und Hausaufgabenbetreuung ist ein Thema, das viele Eltern beschäftigt und wo sie Verbesserungspotenzial sehen. Ein anderer Punkt ist die Verpflegung. Viele Eltern wünschen sich gesünderes, besseres Essen, aber das ist natürlich auch eine Kostenfrage.
Zum Schluss noch eine ganz andere Frage: Wie halten Sie’s mit den sozialen Medien?
Flach: Ich war lange Zeit nicht in den sozialen Medien unterwegs, aber irgendwann kam der Punkt, an dem ich nicht mehr umhin konnte, weil ständig irgendjemand erzählt hat, was da so alles gepostet wird. Ich habe mir dann einen Account auf Facebook und auch auf Instagram zugelegt. Ich nutze diese Kanäle, aber sehr dosiert. Ich klinke mich nicht in Diskussionen ein, da schreibe ich höchstens, dass ich für ein persönliches Gespräch zur Verfügung stehe. Ich nutze Facebook und Instagram für die Weitergabe von Information. Auf Tiktok bin ich gar nicht unterwegs.
Großmann: Privat bin ich absolut old-school. Ich habe weder einen Facebook- noch einen Instagram-Account, und Tiktok ist für mich eine völlig fremde Welt. Ich bin für persönliche Kontakte. Aber in der Politik muss man mit der Zeit gehen. In unserem Ortsverband haben wir das Glück, dass es einige junge Leute gibt, die sehr engagiert sind und das für mich übernehmen.
Zur Person
Persönlich/Ausbildung: geboren 1965 in Augsburg, 1984 Abitur, Zivildienst in einem Altenheim und einem Kinderheim, Praktikum auf zwei Biobauernhöfen, Studium der Agrarwirtschaft
Beruf: Viele Jahre in der Entwicklungshilfe, aktuell: freier Dozent an der Frankfurt School of Finance and Management
Partei: Seit Januar 2019 Mitglied bei den Grünen, 2023 Mitbegründer des Ortsverbands der Grünen in der VG Maikammer, seitdem Co-Vorstandssprecher
Ehrenamt: Aktives Mitglied beim NABU Edenkoben - Maikammer, Mitarbeiter beim Arbeitskreis Flüchtlinge Maikammer, Mitglied im Beirat für Migration und Integration, Landkreis SÜW
Persönlich/Ausbildung: geboren 1967 in Edenkoben, 1986 Abitur, 1989 Diplom-Verwaltungsfachwirtin, 1996 Magister Artium
Beruf: 1986 bis 1996: Beamtin bei der Bezirksregierung in Neustadt, 1996 bis 2017: Referentin beim Gemeinde- und Städtebund, seit 2018: Bürgermeisterin der VG Maikammer
Partei: seit 2009 Mitglied in der CDU und im Kreistag SÜW, seit 2017 im Bezirksvorstand der CDU
Ehrenamt: (u.a.) Vorsitz im Verein Erlebnisland Maikammer, im Tourismus- und Heilbäderverband Rheinland-Pfalz, im Aufsichtsrat der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH, Mitglied im Vorstand des Deutschen Tourismusverbandes, im Landesausschuss des Gemeinde- und Städtebundes Rheinland-Pfalz