Neustadt Unwiderstehlich gute Laune

Neustadt. Dass Klezmer, die emotionale Musik östlicher Juden, in der die Klarinette eine Hauptrolle spielt, und der Gypsy-Swing, von Django Reinhardt mit der Gitarre im Paris der 1930er Jahre quasi „erfunden“, sehr gut miteinander harmonieren, zeigte sich beim Konzert von Joscho Stephan und Helmut Eisel im Innenhof des Neustadter Rathauses.
Die Chemie stimmte – die Chemie zwischen den Musikern, aber auch zwischen Musikern und Zuhörern, quasi von den ersten Tönen an. Das Joscho-Stephan-Quartett mit Helmut Eisel betrat die Bühne und spielte „Daphne“, einen der Klassiker Django Reinhardts– und die Fünf hatten das Publikum am Wickel. Das blieb dann so bis zum nicht enden wollenden Beifall und zu der, eigentlich waren sie schon fast am Einpacken, doch noch spendierten zweiten Zugabe. Aber was sie aus „Daphne“ machten: Das Stück dürfte etwa dreimal so lange gedauert haben, wie es Django Reinhardt einst gespielt hatte, und etwa zwei Drittel davon war reine, überschäumende, virtuose Improvisation. Joscho Stephan, dessen Spiel an der Gitarre kaum technische Grenzen kennt – ebenso wenig Grenzen scheint sein musikalischer Erfindungsreichtum zu kennen –, forderte mit seinen Improvisationen Helmut Eisel heraus. Und der, mit seiner Klarinette, die in ihrer Emotionalität eine eigenständige Persönlichkeit zu sein scheint, nahm die Herausforderung an, ließ sie antworten, forderte selbst heraus, nahm die Impulse Joscho Stephans seinerseits wieder auf. Sebastian Reimanns Violine kam dazu, aber dieses erste Stück war vor allem Sache der beiden, Eisel und Stephan. Das war wie ein perfekter Sprung vom Zehn-Meter-Turm in den Pool, der von den Zuhörer gebildet wurde. Danach konnte es nur noch ebenso schwungvoll weitergehen. Eisel übernahm mit einer eigenen Komposition die Regie, „Ursulas Freilach“, oder „Freylekh“, gewidmet einer Tänzerin aus Kaiserslautern. Ein „Freilach“, erklärte er, ist ein Klezmer-Stück im 2/4 Takt. Eisel, der aus Saarbrücken stammt, kommt ursprünglich vom Jazz (noch ursprünglicher war er Informatiker), bis er Giora Feidman begegnete und damit der Klezmer-Musik. Bis heute arbeiten beide gerne zusammen. Eisels Klarinette lacht und singt, manchmal wie Louis Armstrong, sie kann kichern, sich lustig machen, dann aber auch sehr melancholisch werden oder mit langen, tiefen Tönen über dem schnell-rhythmischen Gypsy-Swing kreisen wie ein großer Vogel im Segelflug. Immer aber agiert sie wie eine eigene Person. Mit dem Titel „Joseph, Joseph“, entstanden um 1940 herum, erzählte Eisel eine Geschichte vom Swing in der Nazi-Zeit: Er war als „undeutsch“ verboten, manche Musiker schafften aber das Kunststück, Swingtitel umzutaufen und der Reichsmusikkammer als echt deutsche Tanzmusik unterzujubeln, so wurde aus „Joseph, Joseph“ „Sie will nicht Blumen, will nicht Schokolade“. Hier aber hatten die Zensoren mal reingehört, die Platte wurde verboten. Anschließend wurde es „klassisch“ mit Edvard Griegs „Danse Norwegienne Nr. 2“. Das Stück bildete die Vorlage für einen Swing-Titel des Joscho-Stephan-Quartetts, in dem Sebastian Reimann mit einem fulminanten Violinsolo das Grieg-Stück quasi „klassisch“ vorstellte und außerdem zeigte, was für ein phantastischer Geigenvirtuose er ist. Eingebettet wurden die „klassischen“ Klänge in einen langsamen Swing, bei dem die Klarinette ihre sehr eigenen melancholischen Klangfarben hinzufügte. Sehr melancholisch-emotional war auch Eisels Komposition, Giora Feidman gewidmet, „The Ballad of the lonesome Maestro“. Für den erkrankten Kontrabassisten des Quartetts war Jochen Lauer aus Saarbrücken eingesprungen, ein Vollblut-Jazzer , der eigene Soli beisteuerte. Stets gibt Günter Stephan mit der Gitarre einen zuverlässigen Rhythmus vor, in dem die Höhenflüge der Solisten ihre Bodenhaftung halten. Er ist übrigens Joscho Stephans Vater und amüsiert sich offensichtlich, wenn ihn sein Sohn bei der Moderation auf den Arm nimmt. Überhaupt die Moderation: Joscho Stephans coole, freche Sprüche, die er offenbar ganz spontan aus dem Augenblick heraus findet, bringen die Musiker ebenso zum Lachen wie das Publikum. Aber die ganze überschäumende musikalische Kreativität auf derart hohem Niveau machte einfach unwiderstehlich gute Laune.