Wachenheim
Ulan & Bator im Badehaisel: Der feine Filzer des Wahnsinns
Das Duo gastierte im Badehaisel Wachenheim – und hinterließ ein Publikum zwischen Lachmuskelkater und philosophischer Verwirrung. Samstagabend halb Acht: Die Kulturkneipe ist rappelvoll. Gefühlt 100 Besucher, mittendrin vier wuschelige Vierbeiner. Es beginnt wie es nicht beginnen kann: Zwei Typen, eingetackert in steingraue Konfirmandenanzüge, stehen auf der Bühne wie frisch aus dem Theater-Fegefeuer, ziehen sich Bommelmützen über. Die ringelgestrickte Narrenkappe wird hier zum Arbeitsgerät, zur intellektuellen Helmfrisur gegen den Alltagsunsinn.
Hinter den Kunstfiguren mit dem Namen der Hauptstadt der Mongolei verbergen sich Sebastian Rüger und Frank Smilgies, beide Absolventen der renommierten Ernst-Busch-Schauspielschule Berlin – wo man lernt, wie man auch ohne Sinn mit Haltung dasteht. Der eine hat Schauspiel in Graz und Berlin studiert, der andere Regie. Aus einem Theaterexperiment haben sie eine Kabarettformat entwickelt, das seit bald zwei Jahrzehnten erfolgreich durch die Republik taumelt – zwischen Denkakrobatik, Wortspiel und Wahnwitz.
Die grauen Zonen des Geistes
Ulan & Bator, der Name wie eine Reiseroute durch die grauen Zonen des Geistes. Was sie machen, nennen andere Kabarett, bei ihnen steht, alliterierend, das „krazy“ davor. Ihr neues Programm „Undsinn“ lebt aus Dialogen, die klingen, als hätten Beckett, Kafka und ein schlecht gelaunter Callcenter-Agent gemeinsam Theaterprobe. Im Badehaisel, sonst eher Heimstadt für Liedermacher mit Weltschmerzgarantie, wird der Abend zur Eskalation des Absurden. Mal schieben sie sich in zerebraler Slapstick-Manier Sprachfragmente zu wie heiße Kartoffeln, dann wieder dozieren sie mit Professorenblick über den Nutriscore beim Wasserstoffkauf und Molekularantriebe auf Weizenkleie-Basis und zielen dabei auf globale Gefahrgut-Verschiffung und die Auswirkungen des Brexit.
Ihre Figuren sind Karikaturen der Gesellschaft, aber nicht mit der Brechstange gezeichnet, sondern mit dem feinen Filzer des Wahnsinns. Dabei zeigen die Zwei durchweg hohe Schauspielkunst in sämtlichen Facetten, sei’s als Pantomime, Körpertheater, Slapstick oder mit großem Gestus als Klassik-Rhapsoden. So amüsiert man sich über den herrlich verschwurbelten Dialog „Echo & Narziss“: „Liebe – Resonanz / erfahren – Panzer fahren“, über alte weiße Männer im Kulturbetrieb, die „Phrasen-Beton“ dreschen und pseudotiefsinnige Popsongs („Zuverzicht: „Dia ohne Betes / Katze ohne WLAN / Oli ohne Garchen“). Kein Regie-Einfall, dafür echt: Die kulturaffinen Vierbeiner im Publikum fiepten an passender Stelle mit.
Klamauk mit Haltung
Zwischendurch gibt’s Fan-Gebete mit rituellem Endreim für Iron Maiden und Dialog-Fetzen für einen „Change“ aus Social Media. Hinter allem Klamauk zeigt sich Haltung. Wenn es im „Fischer-Dialog“ nur „braune kopflose Aale, geangelt am rechten Rand“ zu fangen gab, brandet Applaus auf. Ebenso bei der Klassifizierung von Schmerz: „Phantomschmerz, Friedrischmerz, der schlimmste …“.
Mit einem Konvolut genialer Absurditäten an Bord surfen Ulan & Bator zielsicher durch ihr selbstgestricktes Dada-Universum. Da wird – „schummelschummelschummel, wo ist die Lücke“ konzerntypisches Steuergebaren in entlarvenden Stabreimen beschworen. Einer der Höhepunkte im zweiten Teil des Programms war ein arabeskenhaft verschlungener, gastroenterologischer Dialog, vorgetragen mit dem großen Besteck eines antiken Tragöden. Und so kam man in den Genuss klassischer Hexameter und auf das Mindesthaltbarkeitsdatum von Koriander. Wow! Aber was kann danach noch kommen? Die Parodie auf Popstars „mit Message“ in Körpersprache und Bühnen-Performance. Ähnlichkeiten mit Helene F., Herbert G. und Joe C. sind wohl rein zufälliger Natur.
Bommelmützen en miniature
Und weil zur postironischen Performance von heute natürlich auch der passende Merchandise gehört, gab’s nach der Show keine CDs, keine Bücher, sondern Bommelmützen. En miniature, als Eierbecher. Ironisch, natürlich. Und bestimmt, ganz bestimmt, aus handgesponnener mongolischer Leguan-Wolle.
Was bleibt? Viel Gelächter, viel Grübeln. Wie einst vor 14 Jahren hinterließen Ulan und Bator wieder ihre kabarettistischen Kratzspuren auf der Bretterbühne. Auf den nächsten Auftritt des Duos ebendort wollen Badehaisel-Team und Publikum aber nicht mehr so lange warten. Bis dahin bleibt der liturgische Gesang der Wachenheimer Ursprache im Ohr: „Debi Hobbedit, Dehooo“.