Deidesheim
Turmschreiber Andreas Maier stellt sich in der IGS Deidesheim vor
Es war eine ziemlich interessante Show, die Maier den 16 Schülerinnen und Schülern bot – auch wenn bis zuletzt unklar blieb, ob die hohe Intellektualität und intensive Art der Selbstbefragung, die aus seinen Texten spricht, beim „Publikum“ wirklich ankam. Immerhin hatte er sich bei der Textauswahl auf das Auditorium eingestellt, denn seine Ich-Erzähler bewegten sich etwa im gleichen Alter. Allerdings liegt ihre Jugend schon ein paar Jährchen zurück.
Ein ganz neuer Text mit „Steppenwolf“-Bezug
Als erstes stellte der 54-Jährige einen nach eigenen Angaben erst vor wenigen Tagen entstandenen Text vor, der in einem Sammelband über Hermann Hesse erscheinen soll. Der jugendliche Protagonist wandelt da irgendwann in den frühen 80ern – einer „Zeit der großen und leeren Begriffe“ – in „Steppenwolf“-Manier durch das für Maier unvermeidliche oberhessische Kleinstadt-Milieu und kann sogar auf ein „Transzendenzerlebnis“ wie weiland Harry Haller verweisen, als er eines Nachts die Leuchtinschrift „Nur für Verrückte“ über einer gotischen Pforte erblickt.
„Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das selbst verstehe, was ich hier lese“, schränkte Maier eventuell angesichts seiner unbestreitbaren Beschreibungsmeisterschaft aufkommende Ehrfurcht allerdings gleich wieder ein – um bald darauf mit den 17- und 18-Jährigen eine Diskussion über Transzendenzerfahrungen in der Musik, der Kunst, der Liebe „oder auch durch Drogen“ aufzunehmen. Er beschrieb dafür den „ersten wirklich transzendenten Moment“ seines Lebens beim Hören einer Gitarrenversion der „Mille Regretz“ des Renaissance-Komponisten Josquin Desprez. Seine Aussage, Laute sei wie Holzkarren, Gitarre wie Porsche, sorgte sogar für Lacher.
Über einige Bemerkungen zu seiner musikalische Sozialisation und zur Entscheidung, letztlich doch nicht Musik zu studieren, gelangte er dann zu seinen Anfängen als Schriftsteller – und die lange Durststrecke bis zum ersten Roman-Erfolg, der sich 2000 mit „Wäldchestag“ einstellte. „Es ging jahrelang nur schief, aber ich habe es immer wieder probiert“, erklärte er.
Ein Auszug aus dem neuen Manuskript „Die Heimat“
Zum Schluss präsentierte er dann auch noch einen Manuskript-Auszug aus dem neuen Roman, an dem er gerade arbeitet, „Die Heimat“, Band neun seines auf elf Teile angelegten Zyklus „Ortsumgehung“. Die Passage führt wieder weit in die Vergangenheit zurück, in den Religionsunterricht bei einer katholischen Ordensschwester namens Adelheid an der Grundschule, die ihren Schülern mit größter Detailfreude die Qualen christlicher Märtyrer im Orient in die Seele brannte. Auch hier gilt, was man wohl generell von Maiers Prosa sagen kann: Sie ist ein bisschen selbstbezogen, im eigenen Kosmos schwelgend, aber auf alle Fälle brillant und oft auch sehr witzig geschrieben. Bei den IGS-Schülern führte die letzte Passage außerdem immerhin noch zu einer kleinen Austausch über persönliche Religiosität, wobei der Schriftsteller seinem Prinzip treu blieb, lange Antworten auf kurze Fragen zu geben.
Für ihn beginnt nun gleichsam der Abschiedsreigen in Deidesheim, denn es handelt sich um seinen letzten Aufenthalt als Turmschreiber. Er charakterisierte die Turmschreiberei vor den Schülern zwar wenig charmant als „das kleinste und unwichtigste Stipendium, das ich in meinem ganzen Leben erhalten habe“, die Landschaft und auch der Wein aber hätten es ihm angetan. Und vielleicht auch ein bisschen die Menschen, sonst hätte er wohl nicht bei seiner Sprechstunde am Dienstag im Turm um schlappe vier Stunden überzogen.
Termine
Öffentliche Lesungen mit Andreas Maier gibt es am Sonntag, 19. September, um 11.30 Uhr am Pavillon beim Turm in Deidesheim (bei schlechtem Wetter im Weinmuseum) und am Mittwoch, 22. September, um 19 Uhr in der Ortsvinothek der Città-Slow-Partnergemeinde Maikammer. Was er lesen werde, entscheide sich spontan, erklärt der Autor. Zu weiteren Sprechstunden im Deidesheimer Turm lädt er heute, Donnerstag, sowie am Dienstag, 21. September, von 14–16 Uhr.