Neustadt Träume von der grünen See

«Neustadt». „Spätestens alle drei Jahre müssen wir euch wieder einladen, wir freuen uns sehr“, begrüßte Rolf Raule vom Kulturverein Wespennest am Samstag das Trio „Ion-tach“ im derzeit nur noch für Kulturveranstaltungen geöffneten Wirtshaus Konfetti. Tatsächlich verbindet „Iontach“ und die „Wespen“ eine langjährige Zusammenarbeit, in die man auch das Publikum mit einschließen kann, denn viele der aus der gesamten Rhein-Neckar-Region angereisten Gäste an diesem Abend sind „Wiederholungstäter“.
Die irische Folksängerin Siobhan Kennedy stammt aus dem Nordosten der Republik Irland, lebt aber seit Jahren nahe Bremerhaven. Grund war und ist ihr Mann, der Gitarrist Jens Kommnick, der bereits seit seiner Teenagerzeit tief in die irische Musikszene eingetaucht ist. Beide standen schon mit unzähligen Musikern auf der Bühne, hierzulande am bekanntesten vielleicht Reinhard Mey und Allan Taylor. Neu bei „Iontach“ ist Akkordeonist und Geiger Nick Wiseman-Ellis aus dem englischen Norwich, der 2016 Gründungsmitglied Angelika Berns ablöste. Die Band war und ist international geprägt, ihre Erzählungen über ihr Musikerfreunde, mit denen sie viele Stücke einleiten, beginnen oft mit „haben wir in Deutschland kennengelernt, lebte aber in Schweden, kommt eigentlich aus Irland“, und enden dann mit „ist schließlich nach Australien ausgewandert.“ In guter Tradition des irischen Geschichtenerzählens umrahmen die drei ihre Lieder mit Geschichten, erzählen, wo und warum die Stücke entstanden sind und erleichtern dem Publikum so den Zugang zur Musik. Eine Vielzahl an Instrumenten wird im Laufe des Abends eingesetzt: Das Knopfakkordeon von Wiseman-Ellis natürlich und zwei Geigen, irisch Fiddle genannt, dann die von Kennedy gespielte Flute, eine besondere Art der Querflöte, aber auch eine Bouzouki, äußerlich einem Banjo ähnelnd, Gitarre, Keyboard und Cello, alles vier von Kommnick gespielt. Der Rhythmus der nun einsetzenden beschwingten irischen Tanzlieder, die sich im Laufe des Abends mit Gesang abwechseln, geht oft von einem belebten „Jig“ zu einem noch schnelleren „Reel“ über, der ursprünglich aus dem schottischen Hochland stammt. Eigenartig erscheint dabei die Taktung vor allem des Jigs: Dass nämlich bei 6/8 oder gar 9/8 Takt so vollendete harmonische Melodien herauskommen, ist kaum zu glauben, passt aber zu dem irischen Namen der Band „Iontach“, der wie Kommnick erklärt, je nach Betonung nicht nur „wunderbar, klasse“, sondern eben auch „seltsam, verwunderlich“ bedeuten kann. Das Spektrum ihrer Musik reicht von jahrhundertealter Tradition über die zeitgenössische „Humble Hymn“ des Isländers Svarvar Knutur, die den Segen der eigenen Fehler besingt, bis hin zu eigenen Kompositionen vom neuen „Iontach“-Album „A new journey“ . Es sind aber vor allem die Gesänge Kennedys mit ihrer tiefen, warmen Stimme, die unter die Haut gehen. Zum Beispiel „Amhrán Na Cuiginne“, ein gälisches Lied, das vom Butterschlagen auf der von der Viehwirtschaft geprägten Insel handelt: „Buille!, Buille! Schlag, Schlag!“, so der Refrain. Bei dieser Art Musik ist es nicht verkehrt, sich fallen zu lassen und sich Wolken, Strand und grüne See vorzustellen: So fangen sich dann auch junge Füchse spielend in „Foxes in the Field“. Bemerkenswert der A-cappella-Song „Green among the Gold“, der von den vielen Iren handelt, die sich in den staubigen Landschaften Australiens an die grünen Hügel ihrer Heimat erinnern. Auch Musiker und Friedensaktivist Eric Bogle wanderte nach Australien aus, gemeinsam mit John Munro schuf er „All the fine young men“, das die Verführung zu den sinnlosen Massakern auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges beschreibt. Dass die irische See nicht nur wunderschön, sondern auch todbringend sein kann, wird in einem Klagelied über acht Fischer besungen, auf die Kennedy zufällig in einer Zeitung aus den 1940er Jahren im Haus ihres Vaters stieß. Zu einer Überraschung kommt es schließlich bei „Peata Beag“, in etwa „Süßer Liebling“, einem Lied über Wünsche aus einer mystischen Zeit, als Wünsche noch halfen: Spontan singen fast alle 70 Gäste den Refrain mit, und das, obwohl das Irisch-Gälische nun wirklich zu den seltensten Sprachen in Europa zählt. Insgesamt wird die große Vielzahl Instrumente, begleitet von hervorragender Tontechnik, auf höchstem Niveau gespielt. Was das Konzert aber so besonders macht, ist die menschliche Wärme, die die drei Musiker ausstrahlen. So wird kurzerhand von der Bühne aus „Iontach“-Mitbegründerin Angelika Berns angerufen, die zufällig an diesem Abend Geburtstag hat und mit einem von Band und Publikum gemeinsam gesungenem Ständchen überrascht. „Iontach“ stehen also nicht zuletzt auch für Balsam für die Seele in unserer allzu sehr von der Sucht nach Materiellem und Macht beherrschten Gesellschaft.