Neustadter Straßennamen
Talgrafenstraße: Als Industrie-Barone auch den Speyerbach beherrschten
Als sehr exklusive Adresse zeigt sich die Talgrafenstraße im unteren Bereich des Schöntals. Nicht nur von der Adelsbezeichnung im Namen her, sondern auch von der Anzahl ihrer Anwohner: Die Katholische Kindertagesstätte St. Elisabeth und ein einziges Wohnhaus sind auf den ersten Blick in der knapp hundert Meter langen Verbindung von der Quellen- zur Wolfsburgstraße zu entdecken
Mit einer Adelsbezeichnung hat der Straßenname allerdings nichts zu tun. Er geht auf die Industriellen zurück, die sich in früherer Zeit im Schöntal zwischen Neustadt und Lambrecht angesiedelt hatten. Grund dafür war die Wasserkraft des damals noch kräftiger fließenden Speyerbachs und seiner Zuflüsse. Sie lieferte die Energie für Mühlen, Hammer- und Sägewerke, aus denen später oft Papier- und Tuchfabriken entstanden.
Von Tuch bis Pech
Ob es die Tuchfabrik Oehlert am Eingang zum Kaltenbrunnertal war, die Papierfabrik Knöckel oder die Pechfabrik Heck – „ihre Gründer genossen ihren erarbeiteten Reichtum nicht im Verborgenen, sondern zeigten ihn auch gerne in der Öffentlichkeit“, erzählt Heimatforscher Axel Rehe und ergänzt: „Da wurde auch mit vierspänniger Kutsche gefahren, um zu zeigen, wer man ist.“ So ist es nicht verwunderlich, dass der Volksmund schnell den Titel „Talgrafen“ für die Mitglieder dieses Industrie-Adels parat hatte. Rehe erinnert sich, dass die sogenannte Talschlacht zwischen Stadt und Talgrafen es sogar auf einen der jährlich neu gestalteten Fasnachtsorden der Neustadter Karnevalisten gebracht hatte.
Die Auseinandersetzung um Wasserrechte fand im 19. Jahrhundert statt. Dabei ging es um Wasserläufe oder Weiher im Tal. Sie wurden von den Fabrikanten für ihre Zwecke gestaltet – mittels Schützen und Wehren. Das missfiel sowohl den Bürgern als auch der Stadtpolitik. So forderte der Stadtrat, die Wehre und Schütze zu entfernen – worauf die Fabrikbesitzer allerdings nicht eingingen.
Stadt macht mobil
Der Streit eskalierte vermutlich, keine Seite wollte nachgeben, so dass die Stadt zu einer Strafexpedition gegen die Talgrafen „mit bewaffneter Macht“ aufrief. Die gesamte Polizeitruppe und ein Dutzend städtischer Arbeiter machte mobil, um im Kampf gegen die industriellen Wasser-Rebellen das städtische Wasserrecht zurückzuerobern. Doch die Talgrafen hatten mit ihren Arbeitern die umkämpften Wehre besetzt und schlugen bei dem folgenden Handgemenge die Streitmacht der Stadt zurück. Zum Glück gab es keine Toten, aber Kämpfer beider Seiten trugen doch einige Blessuren davon.
Ein interessantes Detail zur Stellung der sogenannten Talgrafen ist dem RHEINPFALZ-Archiv zu entnehmen: „Bei festlichen Veranstaltungen im Neustadter Saalbau saßen die Talgrafen mit ihren Familien und Freunden nicht unten im Saal, sondern auf dem Podium –so wie in den deutschen Residenzstädten der Adel in den Logen saß. Zu den Konzerten des Cäcilienvereins verstand es Kommerzienrat Knöckel als Vorsitzender, junge Leutnants aus den Garnisonen Landau, Weißenburg, Hagenau und Straßburg heranzuziehen, die als flotte Tänzer und in schmucken Uniformen der Neustadter Damenwelt gerade recht kamen. Denn im Kaiserreich schmückte sich das wohlhabende Bürgertum, der Geldadel, gerne mit Offizieren, die fast durchgängig dem oft verarmten Blutadel entstammten.“
Die Serie
Neustadt zählt 650 Straßen. 150 davon sind nach Persönlichkeiten benannt, andere nach Gewannen, historischen Begriffen, Partnerstädten, Orten oder ganz allgemeinen Dingen. In unserer Serie werden einige dieser Straßennamen und die Geschichte dahinter vorgestellt.