Freinsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Servais Haanen, Wahl-Pfälzer und scheidender Macher der „Akkordeonale“, im Interview

Akkordeonmusik ganz unterschiedlicher Stile in ganz unterschiedlichen Besetzungen mit Künstlerinnen und Künstlern aus ganz unter
Akkordeonmusik ganz unterschiedlicher Stile in ganz unterschiedlichen Besetzungen mit Künstlerinnen und Künstlern aus ganz unterschiedlichen Ländern – das ist das Konzept des Akkordeon-Festivals »Akkordeonale«, das Servais Haanen 2009 begründete – eigentlich aus einer Notlage heraus, wie er im Interview erklärt. Das Foto entstand 2024 in Neustadt und zeigt neben Haanen die Schottin Esther Swift (links) und die Norwegerin Irene Tillung.

Der niederländische Musiker kam vor 26 Jahren nach Deutschland – der Liebe wegen.

„Wenn ich Akkordeonmusik höre, geht mir das Herz auf“, sagt Servais Haanen, Kopf der „Akkordeonale“, über sein vom Deutschen Musikrat zum „Instrument des Jahres“ erwähltes „Arbeitsgerät“. Hans Kraus hat sich mit dem in Freinsheim lebenden Musiker über sein zu Unrecht oft als Quetschkommode abgewertetes Spielgerät unterhalten und über seinen Abschied von dem von ihm begründeten Festival.

Herr Haanen, Sie stammen aus den Niederlanden, leben aber schon lange in Deutschland, erst in Hambach, dann in Colgenstein, jetzt in Freinsheim. Spielt der Ort eine Rolle für die Musik?
Der Wohnort ist wichtig, weil die Pfalz für mich die schönste Region in Deutschland ist und ich hier gerne lebe. Und wenn das Herz voll ist, hört man das auch in meiner Musik.

Wie sind Sie selbst zum Akkordeon gekommen? Was macht das Instrument für Sie so besonders?
Ich bin in Maastricht aufgewachsen, und da gab es eine große Akkordeonszene. Am Wochenende schallte Akkordeonmusik aus den Cafés, und es gab damals zwei Akkordeonorchester: ein sozialistisches, das von der Pisspottenfabrik getragen wurde - die haben Kloschüsseln hergestellt - und ein katholisches. Die sind mit ihren großen Akkordeons durch die Straßen marschiert und haben tolle Musik gemacht. Und natürlich die Schifferkneipe bei uns auf der Ecke, wo zu Akkordeonmusik getanzt wurde. Ich habe mich da schon als Vierjähriger immer reingeschlichen, weil ich von dem Akkordeonisten völlig fasziniert war. Sowas wollte ich auch. Eine befreundete spanische Musikerin hat es sehr schön auf den Punkt gebracht: Es ist einfach das wunderbarste, komplexeste, vielfältigste und vollständigste Instrument. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Sie sind nicht nur Musiker, sondern auch Komponist. Wie würden Sie Ihre eigene musikalische Handschrift oder Ihren Stil beschreiben?
Eigenwillig und dennoch sehr zugänglich für jedes Ohr. In meinen Kompositionen kommen immer Momente vor, die einen aufhorchen lassen, weil unerwartet doch etwas anderes kommt, als man erwartet hätte. Noch niemand konnte mir bis jetzt sagen, was für einen Stil ich eigentlich spiele. Natürlich hat meine Musik Einflüsse aus Minimal, Klassik, Folk, Jazz und so weiter, aber viele sagen einfach „typisch Haanen“. Ein Musikerfreund hat es mal so ausgedrückt: Meine Kompositionen sind eine „Folklore Imaginaire“, für die das Volk noch nicht gefunden ist.

Sie haben 2009 die „Akkordeonale“ ins Leben gerufen, eine Art wanderndes Festival. Wie kam es dazu?
Vor 26 Jahren kam ich nach Deutschland wegen der Liebe. Da war es für mich ganz schwer, Arbeit als Akkordeonist zu finden. Niemand kannte mich hier. Der Kuchen war schon verteilt, und es gestaltete sich sehr schwierig, irgendwo mit meiner Musik dazwischenzukommen. Eigentlich aus Not entstand so die Idee eines Festivals rund um das für mich schönste Instrument der Welt: die „Akkordeonale“. Meine Idee war, dem Publikum zu zeigen, was das Akkordeon in anderen Teilen der Welt zu bieten hat und was es musikalisch sonst noch so draufhat. Und außerdem, um meine eigene Musik zu spielen. Mit meiner Frau, der Künstlerin Kristine Talamo-Spiegel, gründete ich also 2009 die „Akkordeonale“ – das, soweit wir wissen, weltweit einzige tourende internationale Akkordeonfestival. Was für eine verrückte Idee, ein ganzes Festival rund um ein damals noch recht ungeliebtes Instrument! Zum Glück haben einige Veranstalter an uns und die Idee geglaubt. Und das Publikum auch.

Wie würden Sie das Konzept der „Akkordeonale“ beschreiben?
Die „Akkordeonale“ war von Anfang an international aufgestellt und tourt immer nach Ostern fünf Wochen kreuz und quer durch die Republik. Jedes Jahr in neuer Besetzung teilen sich fünf Akkordeonisten und zwei Begleitmusiker die Bühne. Im Mittelpunkt der Konzerte stehen neben den Soli die gemeinsamen Ensemblestücke. Das ist spannend, weil wir nicht nur die eigene Musik spielen, sondern auch die Musik der anderen, Stile und Rhythmen, die wir vorher noch nie gespielt haben. Alle lernen etwas, egal, ob klassisch ausgebildet oder mit traditioneller Musik und ohne Notenkenntnisse aufgewachsen. Es kann auch überraschend und lustig sein, was dabei herauskommt oder womit manche Schwierigkeiten haben: Zum Beispiel hatte ein Musiker von den Kapverden Probleme, einen Walzer zu spielen – auf seiner Insel kennt man einfach keine Stücke im Dreiviertel-Takt. Oder eine hochausgebildete Finnin, die nichts mit kolumbianischer Musik anfangen konnte, weil es nur zwei Akkorde im ganzen Stück gab. Wir stehen bei aller Stilvielfalt und unterschiedlichen Musikerpersönlichkeiten als eine Band auf der Bühne, bei der alle einander unterstützen. Übrigens hatten wir bereits 73 Musizierende aus 37 Ländern und vier Kontinenten bei der „Akkordeonale“ dabei. Es gab also eine Menge zu hören und zu erleben.

Wie wählen Sie die Musiker und Musikerinnen aus? Was muss neben dem Können noch passen?
Oft gehe ich von einem Musikstil aus, den ich unbedingt im Programm haben will. Dazu suche ich dann, was meiner Meinung nach passt, um einen möglichst großen Spannungsbogen aufzubauen. Das ist ein extrem komplexer Prozess. Ich lade übrigens ganz bewusst niemanden ein, der schon einen großen Namen hat und bereits überall und andauernd zu sehen ist. Es gibt so viele Super-Musikerinnen und -Musiker, die keiner kennt, die aber absolut hörenswert sind. Auch versuche ich, junge Leute dabeizuhaben, um ihnen eine Chance zu bieten, in größerem Zusammenhang aufzutreten. Mir ist wichtig, dass die Musizierenden zusammenpassen, sozial sind auf der Bühne und außerhalb der Konzerte. Schließlich hängen wir fünf Wochen lang intensiv aufeinander. Zweiter wichtiger Punkt ist natürlich die Musik. Die Musiker sollen ihren eigenen Stil einbringen und etwas spielen, was man normal nicht hört.

Die deutschen Landesmusikräte haben das Akkordeon zum „Instrument des Jahres 2026“ gekürt, und Sie sind Schirmherr für Rheinland-Pfalz. Wie finden Sie das?
Irgendwie war ich schon immer Schirmherr für das Akkordeon, jetzt ist es offiziell, und die letzten 18 Jahre wurde ich, sogar weltweit, auch so wahrgenommen. Es regnete Anfragen von überall, um bei der „Akkordeonale“ mitzuspielen. Aber es ist trotzdem eine Ehre. Der nächste Schritt wäre dann vielleicht, europäischer Botschafter des Akkordeons zu werden, idealerweise mit Amtssitz im Hambacher Schloss – aber die Villa Ludwigshöhe täte es auch, weil ich ja nicht aus der Pfalz weg will.

Sie haben das Akkordeon in unterschiedlichsten Stilrichtungen präsentiert – welche Zukunft hat das Instrument Ihrer Meinung nach?
Musik entwickelt sich dauernd weiter, ob in der Klassik, Volksmusik, im Jazz oder Pop. Ich denke, dass das Akkordeon, weil es ein relativ junges Instrument ist, noch eine große Zukunft vor sich hat. Seine Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft. Ich lasse mich gerne überraschen.

Gibt es ein Stück oder eine Interpretation, die für Sie die Seele des Akkordeons besonders gut einfängt?
Nein, sobald ich Akkordeonmusik höre, egal welcher Art, geht bei mir das Herz auf.

Wie würden Sie Ihre Sicht auf das Akkordeon zusammenfassen?
Das Akkordeon ist eine mechanische Kiste, die meist nach Plastik ausschaut und dadurch den Eindruck erweckt, kein seriöses Instrument zu sein. Aber das täuscht. Es ist ein Instrument der ungeahnten Möglichkeiten: Eine einfache Melodie kann schon berühren, gleichzeitig kann es ein ganzes Orchester am Gurt sein. Trotzdem wird es oft belächelt, und für manche klebt noch immer das Bierzelt-Image dran. Ich werde meistens mitleidig angeguckt, wenn ich sage, dass ich Akkordeon spiele. Leute fangen dann gleich an, über etwas anderes zu reden, das Wetter oder so. Ich vermute, dass neben Blockflöten und Mundharmonikas das Akkordeon das am meisten vergessene, meist eingestaubte Instrument in deutschen Haushalten ist. Dennoch hat es in den letzten Jahren mehr und mehr aus seiner etwas spießigen Nische herausgefunden und erfreut sich einer wachsenden Popularität quer durch alle Musiksparten. Daran war auch die „Akkordeonale“ nicht ganz unbeteiligt. Und Instrument des Jahres zu sein, poliert das Image natürlich ebenfalls auf.

Die diesjährige Akkordeonale wird nach Ihrer Aussage ja nun die letzte unter Ihrer Ägide sein. Danach geben Sie den Staffelstab weiter (siehe „Zur Sache“). Welche Tipps würden Sie der nächsten Generation junger Akkordeonist(inn)en mit auf den Weg geben?
„Unter den Blinden ist der Einäugige König“, also spielt nicht das, was andere schon tausendmal gespielt haben, das kennen wir schon. Wenn es euch gelingt, etwas noch nicht Gehörtes zu präsentieren, besteht die Chance, eine internationale Karriere hinzulegen. Ich bin beispielsweise in Deutschland weltberühmt in einem kleinen, feinen Kreis. Versucht unbedingt, ein Booking-Büro für euch zu interessieren – ohne so jemanden geht gar nichts. Und passt bloß auf, dass ihr euch nicht abhängig macht von Zuschüssen, Stipendien oder Förderungen, denn darauf kann man sich nicht verlassen. Die sind rar gesät, werden gelegentlich gekürzt oder ganz gestrichen. Als Akkordeonist und Akkordeonistin ist man Einzelkämpfer, wie überhaupt alle selbständigen Musiker und Kunstschaffenden. Das sollte euch bewusst sein.

Zur Sache: Abschied und Neuanfang bei der „Akkordeonale“

Nach 18 Jahren geht für Servais Haanen eine Ära zu Ende: Die diesjährige „Akkordeonale“ wird die letzte unter seiner Leitung sein. Der Exil-Pfälzer aus Holland blickt mit Dankbarkeit auf fast zwei Jahrzehnte voller intensiver musikalischer Begegnungen zurück. „Ich habe so viele tolle Musikerinnen und Musiker auf der Bühne erlebt, und etliche Menschen sind mir richtig ans Herz gewachsen – vom Publikum über die Veranstalter bis zur Presse. Meine musikalische Familie hat sich enorm vergrößert“, erzählt er.

Gleichzeitig gibt es einen frischen Wind für das Festival: Alex de Almeida, ein junger brasilianischer Akkordeonist, der in Deutschland lebt, wird die Veranstaltungsreihe künftig weiterführen. Haanen versichert: „Er wird seinen eigenen Stil finden, das muss er auch. Ich bin gespannt auf alles, was noch kommt.“ Die diesjährige „Akkordeonale“ führt das Ensemble zu 33 Stationen, drei davon in der Region: Mußbach, Bad Bergzabern und Karlsruhe. Im Mittelpunkt der Konzerte stehen, wie gewohnt, solistische Einlagen der Musiker und gemeinsame Ensemblestücke, in denen sich die unterschiedlichen Stilrichtungen und kulturellen Einflüsse zu einem faszinierenden Klangteppich verweben. Servais Haanen selbst bildet dabei nach wie vor das Herz der „Akkordeonale“. Von ihm stammen die meisten Stücke, und er ist auch für die wechselnden Zusammensetzungen während der Show, ob in Duo-, Trio- oder Komplettformation, verantwortlich.

Zu seinem persönlichen Abschied als Motor der „Akkordeonale“ treten in diesem Jahr mit Ausnahme des Saxophonisten Diogo Picão nur Musiker und Musikerinnen auf, die schon einmal bei der „Akkordeonale“ dabei waren. Adriana de Los Santos, die mit ihrer südbrasilianischen Gaucho-Musik schon zu den Gästen der frühen Akkordeonale-Jahre zählte, bringt ihre Chamamé-Tradition in das Festival ein. Zabou Guérin aus Frankreich ist für ihre stilistische Vielseitigkeit und ihre lebendige Bühnenpräsenz bekannt, während der italienische Akkordeonist Maurizio Minardi expressiv italienische, jazzige und folkloristische Elemente zu einem eigenen Klangkosmos kombiniert. Dimos Vougioukas aus Griechenland bereichert das Programm mit griechisch-balkanischen Akzenten. Johanna Stein aus Deutschland ist als cellistische Ensemblepartnerin und wiederkehrendes Gesicht beim Festival unverzichtbar und wird geschätzt für ihre stilübergreifende Musikalität. Schließlich ist noch der portugiesische Saxophonist Diogo Picão als Begleitmusiker und einziger „Akkordeonale“-Frischling Teil der diesjährigen Besetzung.

Last but not least wirkt selbstverständlich der kreative Kopf und Ensembleleiter Servais Haanen sowohl als Musiker als auch als Moderator mit, dessen humorvolle Ansagen von Beginn an den unverwechselbaren Charakter der „Akkordeonale“ prägten. Die Musiker begegnen sich auf der Bühne, aber auch im Probenraum und auf der Reise, die das Festival über fünf Wochen durch die Lande führt. Haanen selbst freut sich darauf, auch in den kommenden Jahren als Zuhörer dabei zu sein, während Alex de Almeida darauf gespannt ist, Neues einzuführen und Traditionelles zu erhalten – mit eigener Handschrift, innovativen Ideen und dem gleichen Enthusiasmus, der die „Akkordeonale“ seit ihrer Einführung im Jahr 2009 prägt und unverwechselbar macht.

Noch Fragen?

Die „Akkordeonale“-Konzerte in der Region finden statt am Mittwoch, 8. April, 20 Uhr, im „Tollhaus“ in Karlsruhe (Tourneestart), Samstag, 18. April, 20 Uhr, im Herrenhof in Neustadt-Mußbach und Freitag, 24. April, 20 Uhr, „im Haus des Gastes“ in Bad Bergzabern. Karten unter www.akkordeonale.de oder www.reservix.de.

Wahl-Pfälzer: „Die Pfalz ist für mich die schönste Region in Deutschland“, sagt der in Freinsheim lebende Servais Haanen.
Wahl-Pfälzer: »Die Pfalz ist für mich die schönste Region in Deutschland«, sagt der in Freinsheim lebende Servais Haanen.
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