Grünstadt
Sekt und Schmöker
„Einschließen & Genießen“ heißt ein Angebot der Grünstadter Buchhandlung Frank, und es ist wörtlich gemeint: Für zweieinhalb Stunden können sich Gruppen nach Ladenschluss einsperren lassen und im Angebot stöbern. Wer möchte, kann auch früher gehen – aber warum sollte man? Ein Besuch vor Ort.
Die Szene taugt nicht nur für einen Zeitungsartikel, sie taugt für ein ganzes Buch. Da liegt es auf einem runden blauen Tisch und heißt „Frauen in der Buchhandlung“, Nina George hat es geschrieben, und es liegt gleich neben „Mit Rilke durch Venedig“. Rilke, apropos. Es gibt noch ein ganzes Rilke-Regal, das eventuell wichtig sein kann an diesem Abend. „Hinter Rilke“, sagt Buchhändlerin Monika Strefler und lacht, „ist die Toilette.“ Sie selbst wird sich den Abend über in einem Kabäuschen, wie sie es so hübsch nennt, aufhalten und ein bisschen was arbeiten, aber immer zur Verfügung stehen, wenn jemand Fragen hat. Über vegane Kochbücher, aktuelle Bestseller oder die Frage, wie die Reiseführer im mit den Worten „In 80 Büchern um die Welt“ überschriebenen Regal angeordnet sind: „Nach Ländern und innerhalb der Länder alphabetisch.“
Sieben Euro Eintritt
Ein Dutzend Frauen sind heute die „Frauen in der Buchhandlung“, nicht im Essay, in echt. Sieben von ihnen gehören einer sonst achtköpfigen Freundinnengruppe an, die sich seit über 30 Jahren jeden Monat in Grünstadt trifft und immer etwas anderes unternimmt: Sie veranstalten Spieleabende, gehen ins Kino, ins Theater oder wandern. Es wäre auch ein schöner Stoff für einen Roman. Fünf weitere Damen, Freundinnen, Bekannte, haben sich für den Abend in der Buchhandlung an- und eingeschlossen. Das Angebot „Einschließen & Genießen“ gilt für acht bis maximal 15 Personen. Jede von ihnen bezahlt sieben Euro und bekommt dafür nicht nur die Gelegenheit, zweieinhalb Stunden ganz in Ruhe zu schauen, zu stöbern und zu schmökern, sondern auch noch Sekt und Knabbereien.
„Einschließen“ ist durchaus wörtlich zu nehmen. Bevor sie sich hinter Rilke zurückzieht, sperrt Monika Strefler um 19.30 Uhr die Ladentür von innen zu. Der Schlüssel bleibt aber stecken – für den Fall, dass jemand früher gehen möchte. Warum aber sollte man? „Am Abend habe ich eher Zeit und auch die Ruhe“, sagt Gisela Poignée, die sich vorgenommen hat, nach Krimis und nach veganen Kochbüchern zu schauen. Und sich auch mit ihren Freundinnen auszutauschen. „Wenn jemand etwas Schönes gelesen hat“, sagt sie, „wird das gerne weiterempfohlen oder verliehen.“ Sie interessiert sich auch für „Dunkle Momente“, den Buchtipp der Bad Dürkheimer Buchhändlerin Anja Gößling, der just an diesem Tag in der Bestseller-Kolumne der RHEINPFALZ zu lesen war.
Bei den Kollegen der Dürkheimer Frank-Filiale gibt es das Angebot „Einschließen & Genießen“ nicht – noch nicht? In Grünstadt, dem 2001 eröffneten ersten von mittlerweile sechs Standorten, und in Groß-Gerau seien die Erfahrungen mit dem Angebot sehr gut. Es besteht seit 2019, wurde von der Corona-Pandemie längere Zeit unterbrochen und wird vor allem im Winter drei-, viermal pro Monat gebucht, wie Strefler erzählt. Aber eine Buchhandlung besuchen und stöbern – das kann man doch immer, den ganzen Tag, fast jeden Tag? „Man kann lange bleiben, ist in einer Gruppe, die man kennt, und fühlt sich nicht so beobachtet wie mit Publikum“, zählt die Buchhändlerin die Vorteile auf. Sie ist Teil eines zehnköpfigen Teams und zuständig für Kinder- und Jugendliteratur, Kochbücher, das moderne Antiquariat und die Non-Book-Abteilung. Und was hat die Buchhandlung davon, eine halbe Stunde nach Ladenschluss wieder zu öffnen? „Wir bleiben im Gespräch.“ Und: Es darf alles gekauft werden, was die Damen ausgesucht haben. Oder bestellt.
Ein Fund für die Enkelkinder
Es gibt Geschäfte, die – gegen einen größeren Obolus – gar die Übernachtung in ihren Räumen anbieten. In Grünstadt schläft heute jeder in seinem eigenen Bett. Aber bis dahin gibt es noch viel zu erzählen, zu erkunden, zu entdecken. Kea Jacobi, Rektorin der Grundschule am Ritterstein in Sausenheim und Oma dreier Enkelkinder, stöbert in der Ecke für Kinder und Jugendliche. „Ich glaube, das nehme ich mit“, sagt sie und deutet auf „Stups, der kleine Osterhase“ von Rolf Zuckowski. „Ich mag die Klassiker gerne.“ Ein Erstlesebuch für das älteste Enkelkind hat sie auch noch entdeckt. In ihrer Familie, erzählt Jacobi, werde sehr viel gelesen. Sie selbst mochte zum Beispiel die zwei „Gretchen“-Bücher von Susanne Abel sehr. Die deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte scheint gerade überhaupt ein großes Thema in der Literatur zu sein – neben New Adult, das in der Buchhandlung viel Platz bekommen hat, und neben all den Romanen, die vom Erwachsenwerden erzählen und meistens eine Freibadszene auf dem Cover haben. Eine Frau hat „Die Schwestern von Auschwitz“ in der Hand. Eine andere wird „Trialog“ mitnehmen, ein Buch, in dem eine Frau mit palästinensischen Wurzeln, Jouanna Hassoun, und ein deutscher Jude mit israelischen Wurzeln, Shai Hoffmann, über den Konflikt in Israel und Gaza sprechen. Es gibt noch vieles zu entdecken an diesem schönen langen Abend.
An dem Buchhändlerin Strefler noch mit einem Vorurteil aufräumt. Es seien gar nicht nur die Frauen, die in Buchhandlungen kommen. Sie habe, sagt sie und lacht wieder, auch sehr viele männliche Kunden.