Deidesheim
Schauspielerin Tanja Götemann startet Kulturreihe im „Casino“
Erst im Januar hat Tanja Götemann ihren Wohnsitz fest nach Deidesheim verlegt, doch schon zuvor pendelte sie seit fünf, sechs Jahren regelmäßig an die Weinstraße – „weil mein Lebensgefährte hier lebt“, wie sie berichtet. Etwa genauso lang ist sie dem Boulevardtheater Deidesheim verbunden: 2017 wirkte sie hier erstmals bei einer Produktion mit, der Komödie „Boeing Boeing“, in der sie eine der drei Stewardessen spielte, mit denen der bigamistische Hauptprotagonist gleichzeitig verlobt ist. Seitdem gehört sie zum festen Darsteller-Pool der Bühne und führte im vergangenen Jahr bei „Ausgerechnet Mallorca“ auch erstmals Regie. Im Stück „Kerle sind ihr Hobby“, das im März Premiere feierte, waren dann die Rollen gegenüber „Boeing Boeing“ quasi verkehrt. Da gibt sie nun eine toughe, selbstbewusste Frau, die gleichzeitig zwei Männer an der Angel hat, die natürlich nichts voneinander wissen.
„Ich bin inzwischen ein totaler Deidesheim-Fan“, sagt die 55-Jährige, und so fiel es ihr auch nicht schwer, sich mit dem Gedanken anzufreunden, ihre Zelte in Mannheim abzubrechen, als sich im vergangenen Jahr die Gelegenheit ergab, zusammen mit ihrem Partner Jörg Guhmann die leerstehende Wein- und Cocktailbar „Casino“ in der Schlossstraße zu übernehmen. „Ich hatte als junge Frau in Mannheim schon mal selbst eine Kneipe“, erzählt die Schauspielerin, doch den gastronomischen Teil des Projekts verantworte hauptsächlich Guhmann, der als gelernter Koch, Inhaber eines großen Catering-Unternehmens und ehemaliger Betreiber von „Guhmanns Weingarten“ in Forst über die einschlägige Erfahrung verfügt. Sie selbst kümmert sich vorrangig um das Kultur-Programm, das das Paar unter dem Titel „Kultur im Casino“ künftig im historischen Ballsaal aufbieten will. Aber sie stehe trotzdem auch regelmäßig an der Bar, versichert sie – „schon morgen wieder“.
Götemann greift beim Programm auf ihr Netzwerk zurück
Es gebe zwar in Deidesheim bereits ein beachtliches Kulturangebot, findet Götemann, aber sie glaubt, dennoch mit anspruchsvollen und zugleich unterhaltsamen Theaterstücken und Kleinkunstprogrammen in Hochdeutsch in eine Lücke stoßen zu können. Mit dem Begriff „Kultur mit Substanz und Humor“ umschreibt sie ihr Konzept, das jetzt in der Premieren-Saison im Herbst Kabarett zum Thema Wein, eine Weinkomödie, eine Weihnachtskomödie und ein weihnachtliches Märchenstück für Kinder im Programm hat. Letzteres inszeniert die Schauspieler-Kollegin Eva Berlejung mit ihrem „Wunschtheater“, das künftig generell das „Casino“ als Heimstätte nutzen wird.
Wie Berlejung sind auch alle anderen Protagonisten der Auftakt-Saison von „Kultur im Casino“ Kollegen oder Freunde, meistens sogar beides. Götemann greift hier auf ein enges Netzwerk vor allem im Rhein-Neckar-Raum zurück. Eva Berlejung, die Gründerin und Leiterin des „Wunschtheaters“, zum Beispiel führte auch 2017 bei „Boeing Boeing“ Regie. Götemann wirkte zudem schon in zahlreichen ihrer Weihnachtsstücke mit. Auch jetzt bei „Weihnachten in Gefahr“, das ab 23. November gespielt wird, ist sie wieder mit im Boot.
Ein ähnlich enges Verhältnis besteht zu Carola von Klass. Mit der Wiesbadenerin, die zusammen mit Partnerin Christina Ketzer mit dem Weinkabarett-Programm
Eröffnung mit Hindernissen
„Ja, das Thema Wein spielt schon eine große Rolle im Programm“, erläutert Götemann, und passe ja auch sehr gut zur Location, schließlich wurde das „Casino“ 1886 als exklusives Clubhaus der stolzen Deidesheimer Prädikatsweingutsbesitzer gegründet. Die einstige Pracht hatte zuletzt allerdings etwas Staub angesetzt. Das Lokal war seit Corona geschlossen und hatte auch schon einige Zeit davor nicht mehr regelmäßig geöffnet. Sie hätten sich im Sommer 2023 zum Einstieg entschlossen, berichtet die Schauspielerin, und eigentlich damit gerechnet, schon im Herbst zu eröffnen. Das zerschlug sich allerdings rasch, denn es gab sehr viele Auflagen und unliebsame Überraschungen, zum Beispiel, dass für maßgeblich Teile des Betriebs gar keine Gaststättenkonzession vorlag. So startete die Wein- und Cocktailbar, die aber auch Pizza und Pinsa im Angebot hat, erst in diesem Mai. Das sei aber eigentlich eher eine Art Probebetrieb gewesen, meint Götemann. „So richtig legen wir erst jetzt los.“
Auch die Umgestaltung und Renovierung zog sich länger hin als erwartet. Die große Bar hinten sei dabei kaum verändert worden, so Götemann, die kleine vorne dagegen komplett, und auch der Ballsaal, wo künftig bis zu 80 Zuschauer den Kulturveranstaltungen beiwohnen können, erhielt ein Facelifting, blieb jedoch in seiner historischen Anmutung erhalten. Bühne und Bestuhlung seien variabel, berichtet Götemann. Das „Theater Oliv“, das am 3. Oktober, 19 Uhr, mit dem „Weinprobierspiel“
Eine Vegetarierin wechselt die Seiten
Das Stück mit Boris Ben Siegel und Coralie Wolff handelt von Ludger, dem ziemlich unscheinbaren Lebensabschnittsgefährten von Irene, der sich mit jedem Schluck Rotwein vom braven Dr. Jekyll zum draufgängerischen Mister Hyde verwandelt. Die Komödie hatte im November 2022 im „Theater Oliv“ in Mannheim Premiere. Regie führte Götemann selbst. Die Zuschauer bekommen dabei übrigens drei verschiedene Weine kredenzt.
Weil ein für Halloween angesetztes Musiktheaterstück mit der Mannheimer Schauspielerin Sarah Koch inzwischen abgesagt wurde (im Programm ist es noch aufgeführt), sind danach gleich die beiden Eigenproduktionen der Saison an der Reihe: Das Weihnachtsstück
Ein besonderes Geschenk an die neue Heimatstadt
Am 23. November folgt dann noch die Premiere des Weihnachtsmärchenstücks
Als weiteres Geschenk an ihre neue Heimat hat Tanja Götemann zudem auch noch einen Stadtspaziergang mit dem Titel
Die professionelle Herangehens-weise, die die Schauspielerin hier an den Tag legte, passt aber irgendwie zu ihrer ganzen Karriere. Götemann wurde 1969 in Krefeld als Tanja Artz in eine Theaterfamilie hineingeboren und kam als Zwölfjährige nach Mannheim, wo ihr Vater zum Mitbegründer des Kinder- und Jugendtheaters „Schnawwl“ wurde und ihre Mutter als Souffleuse am Nationaltheater arbeitete. Damals hatte die Tochter bereits ihre ersten Fernsehauftritte hinter sich – in einer ZDF-Show für Kinder. Später wurde sie auch für die Serien „Atlantis darf nicht untergehen“ und „Schwarz greift ein“ gecastet.
„Ich muss mich jetzt erst mal um das hier kümmern“
Da stand für sie längst fest, das Schauspiel zum Beruf zu machen. So absolvierte sie von 1991 an eine Musicalausbildung an der Stage School in Hamburg und studierte ab 1994 an der Theaterwerkstatt Mainz. Als vierfache Mutter seien langwierige Drehs für sie aber irgendwann nicht mehr machbar gewesen, berichtet sie. So verlegte sie sich aufs Theater und viele andere Projekte. Unter anderem ist sie auch Redakteurin und Moderatorin beim Fernsehsender Anixe, wo sie zusammen mit Jörg Guhmann auch eine Kochsendung hat. Dort will sie zum Jahresende aber aussteigen. „Ich muss mich jetzt erst einmal um das hier kümmern“, sagt sie mit Blick auf die „Kultur im Casino“.
Aber umtriebig wird die 55-Jährige, die übrigens auch im „Casino“-Gebäude wohnt, aber weiter sein. Im Oktober spielt sie in Heidelberg in „Globe Talk“, einem Stück, das auf dem Gedankenspiel basiert, was passiert wäre, wenn die DDR 1990 nicht der BRD beigetreten wäre. Und nächstes Jahr steht in Alzey als Audrey in „Der kleine Horrorladen“ auch endlich mal wieder eine Musicalrolle an. Regelmäßig ist die Schauspielerin außerdem auch beim NDR-Satiremagazin „Extra 2“ zu sehen oder mit Tipps für Heimwerker auf der Homepage der Baumarkt-Gruppe „Bauhaus“.
Noch Fragen?
Alle Veranstaltungen finden im Casino 1886, Schlossstraße 10, in Deidesheim statt. Karten (25 Euro, Kindertheater 7/10 Euro) unter 06326 2181711 oder kultur@casino-deidesheim.events. Weitere Infos unter www.tanja-goetemann.com/Veranstaltungen.