Neustadt
Schüler helfen der Denkmalpflege beim Entziffern einer historischen Inschrift
Ausgangspunkt der Geschichte waren Arbeiten am Gebäude des Protestantischen Dekanats in der Schütt 9/Landschreibereistraße 8, bei denen im Bauschutt eine Eisentafel mit einer lateinischen Inschrift gefunden wurde. Das war im Jahr 2009. Der Fund landete in einer Schublade, in der erst kürzlich von Michael Landgraf, dem Leiter des im gleichen Gebäudes angesiedelten Religionspädagogischen Zentrums, wiederentdeckt und dem Neustadter Denkmalpfleger Stefan Ulrich übergeben wurde.
Doch es geht noch weiter: In Ulrichs Team in der Denkmalschutzbehörde arbeitet Susanne Zipelius. Deren Sohn Leander wiederum lernt am KRG Latein. So entstand die Idee, dass der altsprachliche Unterricht hier eine ganze praktische, gegenwartsbezogene Anwendung in der Erkundung der Ortsgeschichte finden könnte. Bei Sabine Gäbe, Lehrerin am Kurfürst-Ruprecht-Gymnasium, fiel die Anfrage auf denkbar fruchtbaren Boden. Denn sie ist eine Expertin für mittellateinische Philologie, also des Lateinischen des Mittelalters, das sich vom klassischen Latein der Antike deutlich unterscheidet. Die Inschrift auf der Eisentafel ist zwar im Grunde Neulatein, folgt aber Prinzipien, die man auch schon im Mittelalter kannte.
Irgendwann diente die Tafel Soldaten als Zielscheibe
Auch die Schüler waren mit dem Vorschlag, die Tafel zum Gegenstand des Unterrichts zu machen, gleich einverstanden und gingen mit großem Interesse zur Sache. Das Objekt selbst ist 21,5 x 14,2 Zentimeter groß und hat ein stattliches Gewicht von 1,5 Kilogramm. Die Tafel ist beidseitig beschrieben. Daher kann man davon ausgehen, dass sie auch beidseitig gelesen werden sollte. Sie war also nicht an einer Wand angebracht, sondern stand vermutlich auf einem Stein, worauf auch die Bezeichnung „lapidem“ in Zeile 10 hinweist.
Wo genau die Tafel angebracht war, kann man nicht mehr feststellen. Sie bezeugt, was auch bereits zuvor bekannt war, dass der Ratsherr Michael Trentel und seine Ehefrau Susanna das Gebäude, in dem sich heute das Dekanat befindet, im Jahre 1741 errichten ließen. Sie weihten es der Jungfrau Maria und ergänzten die lateinische Datierung „Anno MDCCXLI Die XXV Februarii“ (25. Februar 1741) durch Angaben zum damals regierenden Papst (Benedikt XIV.), Kaiser (das Amt war nach dem Tod des Habsburgers Karl VI., Vater von Maria Theresia, gerade vakant) und Kurfürsten (Karl Philipp).
Die Erwähnung der heiligen Jungfrau und des Papstes deuten an, dass die Trentels Katholiken waren und das Gebäude damit später einen markanten konfessionellen Wandel durchlief. Die stattliche Vierflügelanlage bezog aber wohl auch vorhandene ältere Teile mit ein. „Das mit bemerkenswerter Ausstattung versehene Anwesen veranschaulicht die barocke Ausbauphase der Straße und gibt mit bis ins 16. Jahrhundert zurückreichenden Strukturen Auskunft über die historische Bebauung am Südrand der Altstadt“, heißt es dazu in der Denkmaltopographie.
Es ist wie in der Fahrschule: Erst die Theorie, dann die Praxis
Bei der Entzifferung der Inschrift, die mit einer Anrufung Gottes beginnt, sahen sich die KRG-Schüler vor eine ganz praktische Herausforderung gestellt. Bei Inschriften wird generell oft mit Abkürzungen gearbeitet, in diesem Fall kamen aber noch Löcher hinzu, die wohl auf Einschüsse hindeuten. Denkmalpfleger Ulrich vermutet, dass sie während der Eroberung der Stadt 1798 Soldaten der französischen Revolutionsarmee als Zielscheibe gedient haben könnte. Die Größe der Löcher, 3 bis 5 Zentimeter, könnte dazu passen.
Es war also Detektivarbeit für das KRG-Team, die fehlenden Buchstaben zu ergänzen. Recht einfach fiel die noch bei einem fehlenden „F“ bei „Familia“, denn die Familienmitglieder werden im weiteren Text genannt. Die Ergänzung eines Wortes beginnend mit „MA“ erwies sich da schon als schwieriger. Hier wurde „RITI“ ergänzt, denn genannt sind offenbar die Ehemänner („mariti“) der Töchter. Die Tafel erinnert also nicht nur an den als „Senator“ bezeichneten Bauherren und seine Ehefrau, sondern an die ganze damalige Familie Trentel.
Die Schüler jedenfalls freuten sich nach eigenem Bekunden sehr über die aktuelle Anwendung ihres Wissens und die Abwechslung im Unterricht. „Es ist wie in der Fahrschule“, erklärt einer der Zehnklässler, „man hat den theoretischen Unterricht, und dann geht es in die Praxis!“