Neustadt Paasilinna-Bestseller wird zum Puppentheater

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Neustadt-Mussbach. Mit der Visualisierung von Literatur ist es ja so eine Sache: Romanverfilmungen haben schon so manchen Regisseur vor große Herausforderungen gestellt, die Ergebnisse könnten unterschiedlicher nicht sein. Einen Roman-Plot auf eine Figurentheater-Bühne herunterzubrechen, dürfte noch einmal eine Portion anspruchsvoller sein. Am Freitagabend haben sich Anne Swoboda und Stella Jabben in der Parkvilla des Herrenhofs daran versucht.

Arto Paasilinnas Roman „Der wunderbare Massenselbstmord“ haben sich die beiden Frauen als Koproduktion des Theaters „7Schuh“ aus Görlitz und des Theaters „Blaues Haus“ aus Krefeld vorgenommen – ein grandioses Buch über die sieben Phasen der Depression, die im Suizid endet. Am Morgen nach der Johannisfeier treffen da zufällig zwei Männer in einer Scheue aufeinander, die des Lebens überdrüssig geworden sind: Der frühere Oberst Hermanni Kemppainen und der erfolglose Geschäftsmann Onni Rellonen wollen sich umbringen, kommen im Gespräch aber zu dem Schluss, dass dieses Vorhaben doch in der Gruppe viel effektiver und effizienter zu bewerkstelligen sei. Mit einer Zeitungsannonce treffen sie auf zahlreiche Gleichgesinnte und es beginnt eine abenteuerliche Busreise durch Europa, die mit einem gemeinsamen finalen Abgang enden soll. Und auch der misslingt – wie so vieles im Leben der potenziellen Selbstmörder, die während der Fahrt wieder Gefallen finden an den Unwägbarkeiten und Schönheiten des irdischen Seins. Arto Paasilinna erzählt diese Geschichte in seinem Buch liebevoll-sublim mit jeder Menge Humor, sodass der Leser während der Lektüre fortwährend ein Lächeln im Gesicht hat. Swoboda und Jabben tun das auf eine eher boulevardeske Art – und die ist nun mal Geschmackssache. Zweifelsohne haben sich die beiden Frauen der Romanvorlage liebevoll und detailverliebt angenommen, mit einer durchaus kreativen Mischung aus darstellendem und Puppenspiel, Miniaturprojektionen und Licht- und Sound-Effekten: Sie erzählen die Geschichte aus der Sicht zweier Chronistinnen nach, die das Projekt „Massenselbstmord“ nachzuzeichnen versuchen und mit einer Art allwissenden Zentrale kommunizieren, die sie in die jeweiligen Szenarien hineinzusetzen vermag. Dafür haben sie sich ein einerseits karges, andererseits ungeheuer wandlungsfähiges Bühnenszenario erdacht, kreative Figuren gebaut und sich bemüht, dicht an der Romanvorlage zu bleiben und trotzdem spielerische Funktionslust zu entfachen. Und das gelingt durchaus. Allerdings gerät durch die eher komödiantische Aufarbeitung des Plots der dem Buch eigene melancholische Unterton sehr in den Hintergrund – und so mögen sich an dieser Stelle die Geister scheiden: Wer Paasilinna gelesen und auf seine eigene Weise goutiert hat, kann diese Inszenierung durchaus auch gut finden, ebenso erlaubt sei es aber, den etwas weniger professionell anmutenden Auftritt der beiden Damen mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Die Mischung aus Detailverliebtheit und krawallesk-burleskem Spiel in Kombination mit der eher zurückhaltend daherkommenden Romanvorlage ist jedenfalls ein Experiment, das auf individuell unterschiedliche Resonanz stoßen mag. Das Publikum im gut besetzten Saal der Parkvilla machte jedenfalls einen durchaus amüsierten Eindruck, während man der Inszenierung letztlich genauso legitim eher kritisch gegenüberstehen kann. Doch wählen wir zum Vergleich ein Beispiel zum Thema Geschmackssache: Wer findet die Nabokov-Verfilmung von Stanley Kubrick besser, und wer die von Adrian Lyne?

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