Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadter Kino-Geschichte(n): Das „Palast-Lichtspielhaus“ war Neustadts zweites Kino

Das Ehepaar Emilie und Jacob Simon im Jahr 1913 vor seinem Möbelhaus in der Friedrichstraße 5, bei dem bereits der Ausverkauf be
Das Ehepaar Emilie und Jacob Simon im Jahr 1913 vor seinem Möbelhaus in der Friedrichstraße 5, bei dem bereits der Ausverkauf begonnen hat. Im April 1914 eröffneten die Simons hier dann das Palastkino, das zweite Neustadter Kino, das bis 1962 bestand.

Das „Palast-Lichtspielhaus“ in der Friedrichstraße 5 war das zweite Kino, das in Neustadt eröffnet wurde. 1914 war das, in direkter Konkurrenz und vis-à-vis des „Metropol“, das bereits seit 1913 existierte. Das einsaalige „Kinematografen-Theater“ bestand bis 1962. Sein Gründer war ursprünglich Möbelhändler.

Neustadt. Quasi am Vorabend des Ersten Weltkriegs – aber das wusste da noch keiner – schwelgte das Neustadter Bürgertum also im kulturellen Hochgefühl einer weiteren kinematographischen Sensation. Ermöglicht hatte sie Jacob Simon, der sein Haus, in dem er zuvor ein Möbelgeschäft zu „kompletter Wohnungseinrichtung“ betrieben hatte, radikal umgestalten ließ. Und dabei die ästhetischen Ansprüche des Zeitgeistes aufs vorzüglichste bediente. So jedenfalls ist es den euphorischen Presse-Berichten rund um die mit Spannung erwartete Eröffnung am 11. April zu entnehmen.

Im Kinosaal mit seinen 600 Plätzen dominierten Rot, Gold und Lila

Rot, Gold, Lila prunkte das Farbenspiel des prachtvoll ausgestalteten Kinosaals, der in Parkett und auf der Empore fast 600 Plätze vorhielt. Einen Hauch des alten Glanzes lassen Lehne und Sitzschale eines Kinositzes sowie eine der hochartifiziellen, mit Glasstreifen besetzten Lampen (Leihgeber: Fritz Ehresmann) anklingen, die der Ausstellungsbesucher in der Villa Böhm derzeit bewundern kann. Bereits das Entrée des neuen Kinos vermittelte ein Gefühl von Exklusivität. Ein Portal mit vier reliefverzierten Pfeilern leitete in ein schmuckes, mit Korbsesseln und dunklem Kiefernholz möbliertes Foyer. Es ist daher nicht ganz zu verstehen, warum das Kino im Neustadter Volksmund angeblich „Flohkino“ genannt wurde.

Der Premierenabend jedenfalls war ein Gesellschaftsereignis ersten Ranges. Aufgelistet beispielsweise im „Generalanzeiger“ vom 14. April finden sich neben den Honoratioren der Stadt „Neustadt an der Haardt“ auch in akribischer Abfolge die ausführenden Handwerksbetriebe. Hochgelobt werden neben Jacob Simon, dem Schöpfer und Betreiber des neuen Etablissements, die Akteure des Abends: das im Graben vor der Leinwand agierende Bühnenorchester, der Dramaturg F. G. Hartmann, dessen „Prolog“ den Aufstieg der „stummen Schwester des Theaters“ – gemeint ist die sich damals noch ohne Ton abspulende Filmkunst – in poetischen Worten feiert.

Als „weniger erfreulich“ hingegen beurteilt der Kritiker von damals den Beitrag eines Sängers: „Herr Joseph Frübis“, heißt es da, „dessen Kantilene auch wesentlich an klanglichem Reiz gegen früher eingebüßt hat. Der hier ebenfalls gespendete Lorbeer mutete daher direkt etwas deplaciert an.“ Kritikerschelte, elegant.

Zur Premiere gab’s Landschaftsbilder und ein Ehedrama

Beifall dagegen finden die filmischen Kostproben des Abends: ein „packendes“ Ehedrama unter dem Titel „Die Standuhr“ und Landschaftsbilder der „Insel Java“. Da der damals schon 52-jährige Jacob Simon nicht zuletzt ein gewiefter Geschäftsmann war, wusste er sein neues Metier prächtig in Schwung zu halten. Das opulente Schiffdrama „Atlantis“, nach einem Roman von Gerhart Hauptmann und die teuerste Filmproduktion der Zeit, löste gleich nach der Eröffnung wahre Publikumsstürme aus.

Geschickt setzte Simon auch im weiteren auf Abwechslung, ließ Komödie auf Tragödie, Naturbetrachtung auf Lehrfilm, Historisches auf Zeitgenössisches folgen. Wie es euch gefällt. Avis-Zettel und Plakate geben davon eindrucksvoll Zeugnis. Mit dem neuen Format Tonfilm, der in den späten 1920er Jahren die Zunft der Film-Pianisten und -Orchester allmählich ins Abseits drängte, erlebte die Sparte einen neuen fulminanten Boom. Stars wie Richard Tauber, Hans Albers, Henny Porten, Charlie Chaplin oder Harry Piel grüßten die Neustadter Passanten überlebensgroß vom Plakat über dem Palast-Theater.

Die braune Hetze war schon 1931 zu spüren

Leider schränkte das heraufdräuende „braune“ Zeitalter die längst liebgewordenen cineastischen Spielräume drastisch ein. Auch Jacob Simon bekam das zu spüren. Als er den 1930 in den USA produzierten Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ nach dem Bestseller von Erich Maria Remarque im Folgejahr auf den Spielplan stellte, hatte das massive Drohungen zur Folge: Man wies darauf hin, dass „das Laufenlassen dieses Films für die nationale Bevölkerung Neustadts eine grobe Herausforderung, für alle Frontkämpfer, Kriegsbeschädigte, nicht zuletzt für zwei Millionen Gefallene und Hinterbliebene eine große Beleidigung bedeuten würde“. Und Gauleiter Merkle – „nicht mit mir verwandt!“, betont die Museumsleiterin – drohte unverhohlen Konsequenzen an in seinem „mit deutschem Gruß“ unterzeichneten Drohschreiben. Simon lenkte ein, setzte den Streifen ab.

Nicht anders endete fast zeitgleich das Debakel um den Operettenfilm „Viktoria und ihr Husar“. Der Tondichter Paul Abraham, in den 20er Jahren einer der angesehensten Komponisten, und Richard Oswald, der den Streifen in den Ufa-Ateliers Berlin produziert hatte, waren beides Juden. Im Vorspann, so heißt es in einem Presse-Kommentar des Jahres 1931, habe „die ganze Judengesellschaft sogar die Frechheit, sich den deutschen Publikum zu zeigen: Friedmann, Abraham, Grünwald, Falkenstein usw. … Das dürfte genügen, alle anständigen Deutschen vom Besuch dieses Films und dieses Kinos abzuhalten.“ Ja, so bittere Einblicke kann eine Ausstellung über ein Thema bereithalten, dass von den meisten nur als Unterhaltung wahrgenommen wird.

Wie eine Recherche im RHEINPFALZ-Archiv ergab, zeigte das Kino im Februar 1962 noch den US-Katastrophenfilm „Der Teufel kommt um 4“. Im November des gleichen Jahres eröffnete in dem Gebäude bereits ein Edelstolz-Supermarkt. Heute befindet sich hier das Modehaus „Stahler’s“.

Noch Fragen?

Die Ausstellung zur Kino-Geschichte Neustadts läuft bis 5. Januar 2020 im Stadtmuseum in der Villa Böhm. Öffnungszeiten: mittwochs und freitags, 16–18 Uhr, samstags und sonntags, 11–13 und 15–18 Uhr. Führungen für Gruppen und Schulklassen nach Vereinbarung unter 06321/855540.

Kino und PR gehörten schon immer zusammen: automobile Werbekampagne für das Palastkino im Jahr 1927 – mit den Leinwandstars Char
Kino und PR gehörten schon immer zusammen: automobile Werbekampagne für das Palastkino im Jahr 1927 – mit den Leinwandstars Charlie Chaplin und Harry Piel.
Der Eingang mit den charakteristischen Pfeilern. Die Komödie „Wenn die Liebe Mode macht“ lief 1932.  Foto: Stadtarchiv Neustadt
Der Eingang mit den charakteristischen Pfeilern. Die Komödie »Wenn die Liebe Mode macht« lief 1932.
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