Neustadt
Neustadt: Ein Blick nach oben lohnt sich an der Stiftskirche – der gotischen Wasserspeier wegen
Bei den Berichten vom Brand von Notre Dame in Paris wurden oft Bilder der dortigen Wasserspeier gezeigt. Sie gehören zu den bekanntesten Figuren der Kathedrale. Auch in Neustadt, am Chor der Stiftskirche, gibt es eine ganze Reihe figürlicher Wasserspeier. Um sie zu sehen, muss man allerdings schon den Kopf in den Nacken legen.
Neustadt. Wer heutzutage am Chor der Stiftskirche vorbeigeht, läuft nicht mehr Gefahr, bei kräftigem Regen einen Guss abzukriegen. Die Funktion der 14 Speier, die an den von Fialen, Steintürmchen, bekrönten Strebepfeilern in Höhe des abschließenden Gesimses hervorspringen, ist stillgelegt. Ursprünglich sorgten sie dafür, dass das vom Dach ablaufende Regenwasser von den Wänden der Kirche ferngehalten wurde. Im Rücken der Figuren bildete man eine Rinne, legte sie mit Metall aus und führte ein Rohr durch den Mund oder das Maul des Speiers, damit er angemessen spucken konnte. Das war so, bevor man Fallrohre montierte.
Die 14 Wasserspeier sind der einzige figürliche Schmuck am Äußeren der Stiftskirche
Während viele große gotische Kirchen reichlich steinernen Figurenschmuck an den Außenwänden haben, sind an der Stiftkirche die Wasserspeier die einzigen Steinfiguren. Wie in der Gotik üblich, haben sie die Form von Monstern. Ihre Aufgabe war es, bösen Zauber vom Hause Gottes abzuhalten. Das Böse sollte vor Seinesgleichen erschrecken und das Weite suchen. Das himmlische Jerusalem, das die Kirche darstellte, mussten sie in Ruhe lassen und damit auch die Gräber der pfälzischen Kurfürsten aus dem Hause Wittelsbach, die die Stiftskirche als Ihre Grablege bauen ließen.
Die Gestaltung der Wasserspeier gab den Steinmetzen Gelegenheit zu kreativer Entfaltung. Zwar waren Drachen, Teufel, Tiere, Menschen und Mischungen davon üblich, aber im Detail bot sich ein weites Feld für Erfindungsreichtum.
Beim Blick nach oben hilft ein Fernglas, um Einzelheiten zu erkennen
Beim Blick nach oben hilft ein Fernglas, um Einzelheiten zu erkennen. Da entdeckt man einen hockenden Menschen, der ein angewidertes Gesicht in seiner Kapuze versteckt, einen Eber, der brüllt, eine Satansfigur mit Widderkopf und hauerähnlichen Unterzähnen, einen Menschen, der seinen Mund mit den Händen zur Fratze zieht, ein Monster mit Löwenmähne und so weiter. Die Wasserspeier stammen aus der Bauzeit der Kirche, also aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Erwähnt werden sie eigens allerdings nie in den Dokumenten. Auch über Restaurierungen ist nach Aussage des städtischen Denkmalpflegers Stefan Ulrich nichts bekannt.
Die berühmten „Chimären“ von Notre Dame in Paris wiederum sind eigentlich gar keine Wasserspeier, sondern Figuren, die nach deren Muster gestaltet wurde. Sie stammen auch nicht aus dem Mittelalter, sondern wurden im 19. Jahrhundert an der oberen Balustrade angebracht. Berühmt wurden sie vor allem durch die Verfilmung des Romans „Der Glöckner von Notre Dame“. Richtige bauzeitliche Wasserspeier gibt es in Notre Dame aber auch.
Verwandte der Monster an den Kirchen sind die „Neidköpfe“ an den Bürgerhäusern
Dass die Wasserspeier in Neustadt nur am Chor angebracht sind, der heute bis auf ein Joch zum katholischen Teil der Kirche gehört, liegt daran, dass das Langhaus weniger aufwendig gebaut wurde. Während der Bauzeit beschlossen die Wittelsbacher, sich fürderhin in Heidelberg begraben zu lassen. Da konnte der Rest der Kirche in Neustadt gerne etwas bescheidener ausfallen.
Eine ähnliche „apotropäische“, also Zauber abwehrende Funktion wie die Wasserspeier haben übrigens auch die „Neidköpfe“, die an Profanbauten angebracht wurden. Sie sollten den bösen Blick, die Missgunst der Mitmenschen und die Dämonen abwehren und sind deshalb meist in gut sichtbarer Höhe angebracht. Zu sehen ist so ein Neidkopf zum Beispiel am Haus Rathausstraße 32 oder an den Enden der Balken über dem Tor zum Steinhäuser Hof.