Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Neustadt: Ausstellung im Herrenhof zeigt aktuelle Kunst aus Polen, der Slowakei und der Pfalz

Das Balkenkreuz zeigt, woher der böse Flieger kommt: „Letadlo 1 + 2“ von Witold Zareba (Polen), Linolschnitt, Holzschnitt, Digit
Das Balkenkreuz zeigt, woher der böse Flieger kommt: »Letadlo 1 + 2« von Witold Zareba (Polen), Linolschnitt, Holzschnitt, Digitaldruck auf Karton. Foto: Pöschl

Seit 2004 kooperiert das Institut für Kunstwissenschaft und Bildende Kunst der Universität Landau mit der Hochschule in Częstochowa (Tschenstochau) in Polen, die ihrerseits schon seit längerem eine Partnerschaft mit Kollegen aus dem slowakischen Ružomberok unterhält. Daraus resultiert eine spannende künstlerische Begegnung zwischen Ost und West, deren Ergebnisse jetzt im Mußbacher Herrenhof zu sehen sind.

Neustadt-Mussbach. „Man kann wirklich nicht auf den ersten Blick erkennen, aus welchem der drei Länder die Werke jeweils sind“, sagt Tina Stolt, neben Günther Berlejung eine der Macherinnen auf deutscher Seite, über die Ausstellung, die tatsächlich vor allem eines zeigt – dass sich Kunst in Europa heute längst nicht mehr in nationale Schubladen stecken lässt und vermutlich gerade deshalb ausgesprochen vielfältig daherkommt. Stilistisch reicht das Angebot von Figurativem über Op-Art und Konstruktiv-Konkretes bis zu Informel und Abstraktem Expressionismus, technisch von Malerei, Zeichnung, Druckgrafik, Bildhauerei, Objektkunst und experimenteller Fotografie bis zu diversen Mischformen. Elf Künstlerinnen und Künstlern aus Polen stehen dabei drei aus der Slowakei und drei aus Landau gegenüber – neben Stolt und Berlejung noch Volker Krebs, der ebenso wie Letzterer 2017 in Ruhestand ging. Alle sind oder waren Professoren und Dozenten der jeweiligen Hochschulen. Nachdem 2013 an gleicher Stelle schon einmal Werke von Studenten aus Landau und Tschenstochau sowie Partner-Unis in Frankreich und Rumänien zu sehen waren, kommen jetzt also die Lehrer zum Zuge.

Bei Witold Zareba klingen dunkle Seiten der Geschichte an

Allerdings lässt sich beim Rundgang bei einigen Werken doch eine Art „nationale Befindlichkeit“ erkennen: bei Witold Zarebas „Letadlo“-Serie zum Beispiel, was, wenn Google nicht lügt, auf Polnisch wohl Flieger heißt und von wo es sprachlich auch nicht mehr weit ist zu „letalny“ = tödlich. Tatsächlich setzen sich die auf Pappe gezogenen Drucke an der Wand zu Kampfflugzeugen des Ersten Weltkriegs zusammen, die sich fatalerweise durch das schwarze Balkenkreuz auch noch eindeutig als deutsch zu erkennen geben. Für die Ängste, die sich mit „Deutschem aus der Luft“ bis heute in Polen verbinden, steht vermutlich der Totenkopf, der eine der fliegenden Kisten so martialisch ziert.

Auch ansonsten sind die polnischen Künstler vorwiegend mit Serien vertreten: Jerzy Piwowarski zum Beispiel zeigt Fotografien mit dem Titel „Lichtinszenierung“, in denen sich der Raum fast völlig in roten Linien auflöst, Beata Bebel-Karankiewicz Action-Painting in der Tradition Jackson Pollocks, Marek Mielczarek schwarz-weiß-graue Assemblagen, die mit übereinandergelegten Gittern Op-Art-Effekte erzeugen, und Wlodzimierz Kulej gleich daneben informelle Mischtechniken mit Wülsten, Graten und Verwerfungen, dass Antoni Tàpies seine helle Freude dran gehabt hätte. In die Mythologie reist dagegen Bartosz Fraczek, der unter anderem dem Minotaurus und dem später von Herkules zur Strecke gebrachten Erymanthischen Eber in farbenfrohen Acrylgemälden die Ehre erweist, während Jakub Jakubowski in seiner Ölmalerei mit dem Landschaftsgenre spielt – allerdings in so abstrahierter Form, dass allenfalls gegenständliche Restbestände übrig bleiben. Krystyna Szwajkowska schließlich besticht mit großformatigen informellen Lithographien, die schon allein technisch eine enorme Herausforderung darstellen.

Ältester Teilnehmer mit über 90 Jahren ist Werner Lubos, der einen wandhohen Kirchenfenster-Entwurf in Acryl präsentiert sowie ein weiteres Bild, das erkennbar von diesem Format inspiriert ist. Beides korrespondiert sehr schön mit zwei riesigen Unikatdrucken von Tina Stolt gleich nebenan, die wiederum fast zu antworten scheinen auf drei wandfüllende Mischtechniken auf Stoff von Wlodzimierz Karankiewicz, die im vorderen Teil der Ausstellungshalle den Blick auf sich ziehen. Die Landauer Professorin zeigt zudem noch zwei ihrer fragilen „Baldachine“, begehbare, Installationen aus Stahlgestellen mit bedrucktem Plexiglasdach, die sie 2018 für eine Ausstellung in der ehemaligen Synagoge in Weisenheim am Berg geschaffen hat. Auch ihre früheren Kollegen Krebs und Berlejung sind mit bekannten Werkgruppen vertreten: Krebs mit meisterlich gearbeiteten figurativen Klein-Skulpturen aus weißem Marmor, teilweise mit Stahlapplikationen, Berlejung mit mehrschichtigen Folienbildern und archaischen Holzstelen mit Tiergeweihen.

Die Positionen sind gegensätzlich, aber der Gesamteindruck stimmt

Sowohl Skulptur als auch Malerei präsentiert auch der Slowake Rastislav Biarinec, der als Bildhauer vor allem großformatig arbeitet. Für Neustadt beschränkte er sich jetzt aber auf einen mittelgroßen abstrakten Betonguss auf Cortenstahl-Sockel, den er um ein Gemälde mit dem Titel „Gemeinsame Werte“ ergänzte, das weitere Güsse zeigt – auf blauem Grund und in der Anordnung der EU-Sterne. Sein Landsmann Pavol Rusko schickte dagegen die Serie „Snowflake of Joy“ auf die Reise, konkret-konstruktivistische Acrylkompositionen in der Art bunter Schneekristallen auf jeweils monochromem Hintergrund. Ján Kudlicka, der dritte Slowake, schließlich zeigt ebenfalls konstruktivistisch inspirierte Mischtechniken, allerdings mit sehr reduzierter Farbpalette, bei denen vor allem die ausgestanzten Löcher in der Leinwand auffallen.

Insgesamt bietet die Schau einen schönen Überblick zum Teil höchst gegensätzlicher künstlerischer Positionen. Dafür wird man dann auch gerne in Kauf nehmen, dass man die Namen vielleicht nur schwer aussprechen kann.

Die Ausstellung

Die Ausstellung „Korrespondenz – Korespondencje“ wird am Sonntag, 27. Oktober, um 11.15 Uhr in der Kunsthalle des Mußbacher Herrenhofs eröffnet. Zur Einführung spricht Prof. Tina Stolt (Universität Landau). Für Musik sorgt das Trio „Gipsy Gold“. Die Schau ist bis 17. November jeweils mittwochs 18–20 Uhr, samstags 14–18 Uhr und sonn- und feiertags 11–18 Uhr zu sehen. Eintritt: 2,50 Euro.

Irgendwie steckt Europa drin: Beton-Plastik und Gemälde von Rastislav Biarinec (Slowakei).
Irgendwie steckt Europa drin: Beton-Plastik und Gemälde von Rastislav Biarinec (Slowakei). Foto: Pöschl
Aus einem Block: „Figur im Quader“ von Volker Krebs.
Aus einem Block: »Figur im Quader« von Volker Krebs. Foto: Pöschl
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