Neustadt
Nüchtern und glücklich: Fünf Winzer tun sich für alkoholfreien Wein zusammen
„Feeling of happiness“, also „Glücksgefühl“, diesen Namen haben vier Winzer aus Duttweiler und ein Kollege aus Lachen-Speyerdorf einem Wein und einem Perlwein gegeben, den sie im vergangenen Jahr gemeinsam auf den Markt brachten. Jeder von ihnen habe sich schon zuvor mit dem Gedanken beschäftigt, entalkoholisierten Wein zu produzieren, erzählen die drei Winzer und zwei Winzerinnen, die in der Probierstube des Weinguts Kühborth-Sinn in Duttweiler am Tisch sitzen.
Er habe sich über die verschiedenen Methoden der Entalkoholisierung informiert, berichtet Simon Breitling, der mit seiner Mutter das Weingut Breitling & Walter führt. Die Qualität der alkoholfreien Weine, die sie probiert hat, habe sie nie überzeugt, sagt Alexa Sinn. Ebenso erging es Jochen Momm vom Weingut Momm.
In der Vergangenheit künstliche Aromen zugesetzt
Im Winter 2022/23 waren Momm, Sinn und Frank Schäfer, Chef des in Lachen-Speyerdorf ansässigen Weinguts Schäfer, bei einem Kollegen zu einer Jungweinprobe eingeladen. Dabei hätten sie auch alkoholfreien Wein probiert und „die Qualität hat uns sehr angesprochen“. Dem Wein seien über ein neues Verfahren nach der Entalkoholisierung die Aromastoffe wieder zugeführt worden. Zusammen mit dem Alkohol würden Wein die meisten Aromastoffe entzogen, deshalb seien in der Vergangenheit alkoholfreiem Wein meistens künstliche Aromen zugesetzt worden, erklären die fünf überwiegend jungen Winzer. Inzwischen sei es möglich, die natürlichen Aromastoffe quasi „aufzufangen“ und dem entalkoholisierten Wein wieder zuzusetzen.
„Uns war klar, wenn wir alkoholfreien Wein herstellen, dann mit Aroma-Rückgewinnung“, erzählen Momm und Schäfer. Klar sei auch gewesen, dass sie zu dritt nicht genug verkaufen können, damit die Herstellung rentabel ist. Entalkoholisierung und Aroma-Rückgewinnung seien recht teuer und der Kundenkreis, der alkoholfreien Wein kauft, wachse zwar, sei aber noch überschaubar. „Wir haben uns überlegt, mit wem wir uns vorstellen können, zusammenzuarbeiten, das geht nur, wenn man sich versteht“, sagt Sinn. „Wir haben jüngere Winzer gefragt, weil die offener sind für Neues“, verrät Momm. Beim Duttweilerer Weinfest im August 2023 wurde aus dem Trio endgültig ein Quintett. Breitling und Julia Spies, Jungwinzerin im Weingut Wolfgang Spies, kamen dazu.
Schwierige Suche nach Name und Etikett
Sie waren sich schnell einig, dass die gemeinsamen Weine ein Weißwein und ein weißer Perlwein als Cuvée aus nachhaltig bewirtschafteten pilzwiderstandsfähigen Rebsorten sein sollten. In der Folgezeit überlegte sich bei der Weinlese und beim Ausbau im Keller jeder, welche Weine für das gemeinsame Produkt geeignet wären, erzählen Breitling und Spieß.
Im Frühjahr des vergangenen Jahres trafen sich die fünf Winzer und jeder brachte einige Weine aus seinem Betrieb mit, berichtet Breitling, wie es weiterging. „Es wurde probiert, aussortiert und dann mehrfach immer wieder andere Weine miteinander verschnitten“, ergänzt Spies. „Die große Herausforderung war, dass der Wein uns allen schmecken muss“, erzählt Sinn. Doch das sei einfacher gewesen als gedacht. Die Rebsorten Sauvignon Blanc, Carladis Blanc, Muscaris und Solaris sind in dem Cuvée enthalten.
Schwieriger sei es gewesen, sich auf Namen und Etikett zu einigen, blickt Schäfer zurück. „Wir hatten viele Ideen und haben sie wieder verworfen“, berichtet Momm. „Feeling of happiness“ sei die Idee von Julia Spies gewesen und habe bei allen Anklang gefunden, erinnert sich Schäfer. Die Produzenten einigten sich auch darauf, dass der Perlwein „Flower“ und der Weißwein „Flower blanc“ heißen sollten. Für das Etikett habe es ebenfalls zahlreiche Ideen gegeben, mit denen seien sie zu einer Grafikerin gegangen – und die habe dann etwas ganz anderes gemacht, sagt Momm. Wie der Name erinnert das Etikett ein bisschen an Hippie-Flower-Power, doch mit modernem Design.
Einziges Problem ist manchmal der Preis
2500 Flaschen wurden im Weingut Momm abgefüllt, je zur Hälfte Weiß- und Perlwein. Verkauft wird „Flower“ und „Flower blanc“ in den fünf Weingütern. Die Resonanz sei durchweg positiv, sowohl von Kollegen als auch von Kunden, Freunden und Familie. Alle hätten den Wein als „toll“ bewertet. Nur der 89-jährige Opa von Julia Spies war nicht wirklich angetan von dem, was seine Enkelin da macht. „Für ihn ist das kein Wein“, sagt Julia Spies. Das einzige Problem sei manchmal der Preis, so die Erfahrung von Sinn: „Manche Kunden verstehen nicht, dass ein alkoholfreier Wein den gleichen Preis hat wie ein Wein mit Alkohol.“
Auch vom Jahrgang 2024 wird es wieder einen alkoholfreien Weiß- und einen Perlwein geben. Geplant ist die doppelte Menge. Die Entalkoholisierung und die Aroma-Rückgewinnung seien in der Relation dann günstiger. Einige Kollegen seien von den Weinen so überzeugt, dass sie sie sogar mit eigenem Etikett verkaufen möchten, berichtet Schäfer.

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