Neustadt
Mußbach: Große Retrospektive für Georg Wiesert alias Mebo im Herrenhof
Einzelausstellungen sind eher selten im Herrenhof. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, dass es schon einen gewaltigen Fundus braucht, um die riesige Kunsthalle überhaupt angemessen zu füllen. Für den Deidesheimer Georg Wiesert alias „Mebo“, dessen Gemälde, Zeichnungen und Objekte von Sonntag an in Mußbach zu sehen sind, ist das allerdings kein Problem – und dabei hat er die größten Formate gar nicht mitgebracht.
Neustadt-Mussbach. Mebo ist so etwas wie der große Unbekannte der regionalen Kunstszene. Präsent war der inzwischen 76-Jährige zwar irgendwie immer, schließlich führte der gebürtige Neustadter nach abgebrochenem Kunst-, dafür aber erfolgreichem Pharmazie-Studium von 1980 an fast 30 Jahre lang die St. Ulrichs-Apotheke in Deidesheim, aber mit Ausstellungen machte er sich eher rar. Das ist umso erstaunlicher, als sein Atelier in der Deidesheimer Bahnhofstraße aus allen Nähten platzt und der „Apotheker wider Willen“ ein vor Energie nur so strotzender Künstler ist, der wie im Rausch arbeitet und zum Beispiel bei seinen spontanen Zeichenorgien in Cafés oder Bars, auf Märkten oder Festen ganze Berge von Blöcken verbraucht. „Mein Rekord liegt bei 120 Blättern an einem Tag“, erklärt er jetzt beim Rundgang durch die Ausstellung im Herrenhof.
Die Bretagne ist Mebos Seelenheimat
Dort sind zahlreiche von diesen schnellen Skizzen, die doch immer das Wesentliche auf den Punkt bringen, nun auch zu sehen – eine 2015 in Berlin entstandene Serie auf Kuchenkartons zum Beispiel, viele aber auch aus Mebos Wahlheimat Frankreich, bevorzugt der Bretagne, mit deren Geschichten und keltischen Legenden sich der Künstler immer wieder intensiv beschäftigt hat. Ein ganzer Zyklus von Arbeiten in ganz verschiedenen Techniken kreist etwa um den fiktiven Briefwechsel zwischen dem Zauberer Merlin und dessen vom Künstler imaginierten weiblichen Gegenpart Orpheline. „Merlins Grab“ kann man in der Schau sogar in Form einer Installation begegnen, die eine Art Miniatur-Dolmen darstellt. Aber auch eine Anverwandlung der Legende um die versunkene Stadt Ys und diverse Küstenimpressionen mit Austernbänken im Spiel der Gezeiten fallen ins Auge. Dass sich viele der größeren Öl-Acryl-Gemälde über mehrere Bildträger verteilen, hat dabei auch praktische Gründe – die direkt vor Ort gemalten Bilder sind so im Auto leichter zu transportieren.
Die Schrift spielt immer eine große Rolle
Stilistisch lassen sich die Werke kaum auf einen Nenner bringen. Die Gemälde und Zeichnungen oszillieren zwischen Abstraktion und expressiver Gegenständlichkeit und drücken damit viel von der inneren Unruhe des Künstlers aus, der sich schon in so vielem ausprobiert hat – Ältere erinnern sich vielleicht noch an seine Aktivitäten in der regionalen Theaterszene der 80er und 90er Jahre. Die Retrospektive in Mußbach konzentriert sich nun allerdings auf die bildende Kunst – wenn auch mit charakteristischen Übergängen zu anderen Genres. Die Schrift zum Beispiel spielte für Mebo immer auch eine große Rolle. Viele seiner Bilder und Skizzen fordern zur Lektüre auf.
Ein Halbroboter steht für technoiden Ordnungswahn
Noch bunter wird es, wenn man sich die Objektkunst betrachtet. Das Spektrum reicht hier vom geschnitzten Hartkäse über einen Kofferberg und eine Papierrolleninstallation („Merlins Schriftrolle“), die nicht jeder gleich als Kunst identifizieren wird, bis zu jenem fast volkstümlich anmutenden Heiligen Ulrich, der über viele Jahre die Deidesheimer Apotheke zierte. Noch charakteristischer ist vielleicht der erst jüngst entstandene „Roi Gradlon“, halb Mensch, halb Roboter, und für Wiesert ein Symbol für technoiden Ordnungswahn.
Natürlich bilden die rund 90 Werke aus fünf Jahrzehnten nur einen kleinen Ausschnitt von Mebos gewaltigem Œuvre. Es wird dem Betrachter auch kaum gelingen, in alle Verästelungen dieser privaten Mythologie einzutauchen. Wer kommt schon auf die Idee, einen Pfälzer Saumagen als Galaxis darzustellen? Mebo selbst deutet das Diptychon „Zahlenreihe versucht sich am Chaos“ aus dem Jahr 2005 als Schlüsselwerk, denn es stehe für das Wechselspiel von Ordnung und Chaos, Sinnlichkeit und Rationalität, und das sei irgendwie das Hauptthema all seiner Bilder.
Die Ausstellung
Die Ausstellung „Opus Mebo“ wird am Sonntag, 18. August, um 11.15 Uhr in der Herrenhof-Kunsthalle eröffnet und läuft bis 8. September. Zur Vernissage steuert die Wachenheimer Tänzerin Angela Foid mit einem Tanzpartner eine Performance bei. Für Musik sorgt der Weinheimer Jazzgitarrist Jochen Pöhlert. Laudatorin ist die Kunsthistorikerin Sigrid Gensichen aus Dossenheim. Öffnungszeiten: mittwochs 18-20 Uhr, samstags 14-18 Uhr, sonntags 11-18 Uhr. Eintritt: 2,50 Euro. Am Weinstraßenerlebnistag ist die Ausstellung allerdings geschlossen. Außerdem steht am Samstag, 31. August, ab 19.30 Uhr eine Event-Night mit dem Titel „Mebo plus X“ an, bei der Wiesert zusammen mit befreundeten Künstlern Musik, Theater, Tanz und Literatur aufbietet. Karten hierfür (13 Euro) bei Tabak Weiss in Neustadt (06321/2942) oder der Papierschatulle in Mußbach (06321/60360).