Neustadt Man sieht nur per Video gut
Neustadt. Ein millionenfach verkauftes Buch mit einer ganz eigenen Poesie als Musical auf der Bühne, kann das gutgehen? Ja und nein, das erwies sich am Freitagabend mit „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry, mit Musik geschrieben von der Sopranistin Deborah Sasson und Texten von Jochen Sautter, in Neustadt.
Es war eine gute Leistung des 16-köpfigen Ensembles, begleitet von zehn Musikern unter Leitung von Aleksandra Kulpa, das wurde vom Publikum im nicht ganz ausverkauften Saalbau, darunter viele Kinder, auch honoriert. Die zauberhafte Zartheit der Vorlage ging bis auf wenige berührende Momente aber im Hagel von Videotechnik und grellbunter Bühnenadaption weitgehend unter. Man sieht nur per Video gut: Nichts für „Der kleine Prinz“-Puristen also. Die bekannte Geschichte entfaltet sich als Mischung aus realem Bühnengeschehen und Video-Projektionen. Dabei ist Technik Trumpf: „Der kleine Prinz“ im „Amazing Technicolor Dreamcoat“, um mit Andrew Lloyd Webber zu sprechen. Durch den Einsatz transparenter Vorhänge entsteht ein 3-D-Effekt: Rosen erblühen aus dem Nichts, die Sonne geht über der Wüste auf, Blitz und Donner entladen sich im Saal und, ein visueller Höhepunkt, ein Schwarm Vögel formiert sich zu Adlerschwingen auf dem Rücken des kleinen Prinzen. Das sieht alles sehr schön aus, und trotzdem lässt es einen irgendwie seltsam kalt. Die Szenen, die wirklich das Herz berühren - denn „man sieht nur mit dem Herzen gut“ - sind nicht diejenigen, in denen mit viel technischem Tamtam gearbeitet wird. Sondern es sind diejenigen, in denen die Regie nahe an der im besten Sinne zu verstehenden Einfachheit der Vorlage bleibt. Da ist zum Beispiel die Begegnung des kleinen Prinzen (mit glockenklarem Tenor: Moritz Bierbaum) mit dem Fuchs (Johanna Mucha), in der es rein mit Gesang und Schauspiel gelingt, Emotionen zu wecken. Es ist eine Szene, in der Moritz Bierbaum nicht wie sonst gezwungen ist, als unterkühlter „Mann, der vom Himmel fiel“ wie ein unbeweglicher Zuschauer auf der Bühne zu stehen, sondern mal sein schauspielerisches Vermögen zeigen darf. Und sie gipfelt in einem wunderbar gesungenen Duett. Bei den Anfangsszenen, in denen der in der Wüste abgestürzte Pilot (Bariton Benoit Pitre mit französischem Akzent) der Titelfigur begegnet, sieht es noch so aus, als wolle sich das Musical ganz eng an der Vorlage orientieren: der Elefant in der Schlange, das Schaf in der Kiste, alles ist da. Doch später entfernt sich das Bühnengeschehen immer mehr vom Buch. Das ist nicht per se schlecht. Isabel Waltsgott sorgt als Laternenanzünder für Step-Tanz und Akrobatik auf der Bühne, und als Schlange singt Nicole Ciroth zu orientalischen Klängen sogar dann bombensicher, wenn sie kopfüber am Trapez hängt. Für einen Höhepunkt sorgt Christina Schulz als die vom Prinzen so geliebte Rose: Sie packt mal eben die Femme fatale aus und wickelt alle im Publikum um den kleinen Finger. Aber dann: Ist Ari Gosch als schrulliger Geograph noch nah dran an de Saint-Exupéry, werden die Auftritte der schrägen Gestalten wie des Eitlen (Michael Chadim als Tango-Torero), des Trinkers (Jonas Wichmann), des Geschäftsmanns (Daniel Hauser) und des Pillenhändlers (Pascal Jounais) ganz bewusst grell inszeniert. Das gipfelt in der getanzten Schlussszene des ersten Teils um den König (ebenfalls Ari Gosch), in der die Anspielungen auf Angela Merkel, Uli Hoeneß und Dieter Bohlen nur so prasseln. Schmissig, witzig und unterhaltsam, doch ziemlich weit weg von der Vorlage. Und manchmal wird es auch ein bisschen zu viel: Zum Beispiel, wenn das leicht übermotivierte Bauchtanzballett bei der Begegnung des Prinzen mit der Schlange irgendwie fatal an „Ein Kessel Buntes“ erinnert. Fazit: „Der kleine Prinz“ als Musical - das ist gute Unterhaltung auf technisch hohem Niveau mit gefälliger Musik, professionell vorgetragen. Man muss es aber nicht unbedingt gesehen haben. Was bleibt, ist die Idee, das Buch mal wieder in die Hand zu nehmen. In einer stillen Stunde, ausgerüstet nur mit eigener Phantasie.