Deidesheim
Lotte Reimers kann ohne Stress nicht leben
Im Gespräch wirkt Lotte Reimers wie seit Jahrzehnten. Ihre Gedanken und Ideen sprudeln, der Stift mag ihren Sätzen kaum zu folgen. Und dennoch tritt sie 2021 auf die Bremse. „Mein Hausarzt würde mich am liebsten unter eine Glasglocke stellen, er meint ich hätte zu viel Stress“, verrät sie. Doch sie ist ungehörig, weil sie weiß, was ihr gut tut. „Wenn mir der Stress genommen würde, ginge ich ein wie eine Primel.“
Der Wecker dient als Kontrolleur
Nun, dennoch muss sie gestehen, dass ihr der Körper, der ihr seit ihrer Kindheit Probleme bereitet, in den vergangenen Monaten nicht immer gehorcht hat. Wirbelsäulenprobleme, altersgemäße Einschränkungen, mehr verrät sie dazu nicht. Die Krankenhausaufenthalte und Arztbesuche raubten ihr Zeit, die sie nicht mit ihren „Geschöpfen“ verbringen konnte. Und auch die körperliche Kraft, um die schweren Kreationen aus dem noch feuchten Ton im Atelier zu bewegen, ist geschwunden.
Jetzt ist der Wecker ihr Kontrolleur. Sie stellt ihn auf 30 Minuten. Eine halbe Stunde also, in der sie in der Werkstatt kleine Gefäße zaubert oder am Schreibtisch die zahlreichen Nachfragen nach der vermissten Werkschau beantwortet. Dazwischen Telefonate, Kontakte zu Museen. Wie etwa zum „Grassi-Museum für angewandte Kunst“ in Leipzig. Es ehrt die Künstlerin vom 12. April bis zum 2. Oktober 2022 mit einer Foyer-Ausstellung zum 90. Geburtstag. Unter dem Motto „90 mal 90 mal 90“ hat Reimers daher fleißig gearbeitet. Zum 90. überlässt sie dem Museum 90 kleine Exponate, die zum Preis von 90 Euro zugunsten des dortigen Freundeskreises verkauft werden sollen.
Auch einige größere Werke waren Pflicht
Das handliche Format konnte sie trotz ihrer Einschränkungen relativ gut bearbeiten. Und sie freut sich: „Auch für diese etwa handtellergroßen Exemplare habe ich neue Glasuren entwickelt, um ein interessantes Gesamtbild zu erhalten.“ Doch dabei gab es ein technisches Problem. Damit der Brennofen optimal arbeitet, die Temperatur gleichmäßig den Ton härtet, mussten auch einige größere Gefäße erschaffen werden. Sie verspricht: „Diese 15 neuen Keramiken kommen in einen kleinen Katalog für die Sammler.“
Dabei hat sie wieder gehörig geschwitzt. „Ein Elefantenbaby ist herausgekommen“, schmunzelt sie. Sie meint damit nicht etwa die Form, sondern das Gewicht. Als das Gefäß mit Terrassenansatz und dem kleinen spitz zulaufenden „Gebirge“ fertig „gebaut“ war, konnte Reimers es nicht vom Arbeitsplatz auf den Trockenplatz bewegen. „Es musste mir jemand helfen. Es war eine heikle Sache, er musste achtsam sein, um nicht wieder alles zu zerstören“, erzählt sie. Die folgenden Brennakte und Glasuren hat das Gefäß überstanden. Die Glasur wirkt wie ein verhangener Sternenhimmel. Auf die dunkle Grundierung folgten goldschimmernde Tupfer, und das „Elefantenbaby“ reiht sich inzwischen ein in die wundersame alljährliche Ernte.
„Es ist eigentlich alles wie immer“, sagt die Künstlerin
Reimers bleibt sich also treu. Sie sei froh, dass sie ihre Exponate „aufbaut“, also nicht mit der Töpferscheibe arbeitet. Denn dann müsste sie solange an einem Stück arbeiten, bis es fertig ist. Doch bei ihrer Technik könne sie die nötigen Pausen einlegen. So geht es mehrmals täglich von ihrer Wohnetage hinunter in das Atelier. Die alte Holztreppe bewältigt sie langsam, aber sicher. Für kleine Spaziergänge benötigt sie aber einen Rollator. Versorgt wird sie in ihrem Haus mit „Essen auf Rädern“, ein Notrufknopf um den Hals vervollständigt ihre Zugeständnisse an ihr Alter.
Auch wegen Corona hält sie sich überwiegend „unter Verschluss“. Kontakte nach „draußen“ gibt es per Telefon und Post. Ansonsten freut sich die Keramikkünstlerin, dass sie noch weiter arbeiten kann: „Es ist eigentlich alles wie immer“, sagt sie. „Ich baue den Ton auf, brenne, glasiere, mache meine ausführlichen Notizen zu jedem Exponat, nur die Gefäße sind kleiner geworden.“