Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Interview mit Winzer Christian Nett: Muss alkoholfreier Wein sein?

Entalkoholisierte Weine sollen auch für ein Genusserlebnis sorgen, sagt Winzer Nett.
Entalkoholisierte Weine sollen auch für ein Genusserlebnis sorgen, sagt Winzer Nett.

Alkoholfreier Wein ist zwar immer noch ein Nischenprodukt, findet sich bei renommierten Weingütern aber immer öfter im Sortiment. So auch bei Christian Nett vom Weingut Bergdolt-Reif & Nett in Duttweiler. Er erklärt Axel Nickel, warum er auf diesen Zweig setzt und warum weitere Winzer mitmachen sollten.

Herr Nett, muss alkoholfreier Wein sein?
Ja, fürs Weingut, aber auch für mich persönlich. Mir geht es dabei um ein gutes Produkt, das unser Sortiment gut ergänzt. Die gleiche Frage könnte ich auch so stellen: Müssen Sekt, Traubensaft oder Rotwein sein? Mir geht es um eine Erweiterung unseres Portfolios. Ich hätte schon 2018 alkoholfreien Wein – beziehungsweise heißt es ganz korrekt entalkoholisiert – gemacht, aber das ging damals noch nicht so, dass ich auf die Flaschen mein Etikett hätte drucken wollen.

Was trinken Sie eigentlich lieber?
Beides. Wenn man am nächsten Tag fit sein muss, ist der alkoholfreie Wein eine gute Alternative. Man kann nun guten Wein genießen und muss nicht auf Saft oder Cola ausweichen. Das finde ich gut. Uns begeistert auch die alkoholfreie Rieslingschorle. Wenn in den alkoholfreien Wein Kohlensäure kommt, sind wir schon sehr nah am Ursprungsprodukt. Auch für meinen Vater ist die alkoholfreie Schorle eine tolle Alternative, denn wenn er als Jäger unterwegs ist, darf er wirklich nur 0,0 Promille haben.

Wer kauft denn alkoholfreie Weine?
Überzeugte Weintrinker für den alkoholfreien Wein zu begeistern, ist zugegeben schwieriger. Aber sporadische und neue Kunden sind da ganz offen. Für die ist alkoholfreier Wein ein normales Getränk. Sie probieren es. Wenn es schmeckt, kaufen sie es gerne. Bei den Käufen merken wir aber inzwischen schon, dass durchaus alle Gruppen zugreifen. Manche nehmen gemischte Boxen, einige sogar nur alkoholfrei. Für viele ist inzwischen entscheidend, dass sie am Tag drauf fit sein müssen. Für sie ist alkoholfreier Wein eine gute Option, um trotzdem anstoßen und genießen zu können. Das gilt beispielsweise für Sportler nach Erfolgen. Für sie ist es richtig schön, wenn sie dann nicht nur ein Glas Wasser haben.

Christian Nett
Christian Nett

Wobei: So ganz einfach ist das mit dem alkoholfreien Wein ja nicht ...
Genau, da es bei der Produktion von alkoholfreiem Wein sehr viele Vorschriften gibt. Der Vorgang der Entalkoholisierung darf nur von registrierten Betrieben mit Brennrecht durchgeführt werden. Wir setzen auf den Prozess mit Vakuumdestillation und Aromarückgewinnung. Durch diese Rückgewinnung wird über Filter der Geschmack des Weins zurückgeführt und der alkoholfreie Wein bekommt seine ursprünglichen Aromen zurück. Die sind so genau, dass man die Handschrift des Winzers und sogar das Terroir, also die Weinbergslage, erkennen kann.

Aber im Weinberg und das Jahr über ist die Arbeitsweise identisch?
Ja, das Grundprinzip ist simpel. Mache ich einen guten Wein, wird daraus auch ein guter alkoholfreier Wein. Ich verwende für die alkoholfreien Produkte nie Reste, sondern immer hochwertige Produkte und meine besten Weine. Da durch das Entalkoholisieren 13 Prozent Volumen verloren gehen, bekommen wir ein entsprechend intensives Aroma. Die Königsdisziplin ist nun, rebsortenreinen alkoholfreien Wein zu machen und dabei auch aufs Barrique oder so zu setzen. Man muss sich da über die Abläufe sehr viele Gedanken machen, da man nichts anreichern darf.

Inzwischen haben Ihre alkoholfreien Weine etliche Auszeichnungen gewonnen. Ist das wichtig?
Wir haben im Mai 2022 erstmals bei der Messe Pro-Wein in Düsseldorf alkoholfreie Weine vorgestellt. Anfang 2023 waren wir dann bei Wettbewerben dabei und konnten gleich zweimal gewinnen. Inzwischen sind die Wettbewerbe auch für alkoholfreie Weine sehr gut organisiert. Ich finde das gut, denn alkoholfreier Wein ist ein anderes Produkt, das man für sich bewerten muss – ähnlich wie Beerenauslese, Sekt oder Liter-Riesling. Die Prämierungen helfen den Kunden dabei, die (für sie passenden) Weine auszuprobieren.

Muss man denn auch im alkoholfreien Segment breit aufgestellt sein oder reichen da ein, zwei Weine?
Mein Ansatz war, dass wir breit aufgestellt sein wollen. Ob man das muss, weiß ich nicht. Aber ich habe direkt mit drei, vier Weinen begonnen. Meine Kunden wollen Vielfalt. Wäre das nicht so, würde es ja reichen, auch bei den Weinen mit Alkohol einfach nur weiß und rot anzubieten. Aber die Kunden haben unterschiedliche Geschmäcker und möchten verschiedene Weine – egal ob mit oder ohne Alkohol. Bei alkoholfrei war für mich klar, dass Riesling dabei sein muss. Außerdem noch Sauvignon blanc und Burgunder. Da der Aufwand beim Produkt so hoch ist und zudem noch 13 Prozent verloren gehen, ist das Preisniveau entsprechend. Unsere alkoholfreien Weine beginnen bei 13 Euro, unter zehn Euro geht das gar nicht, wenn man wie wir nur beste Weine nimmt. Wir profitieren dabei davon, dass die Kunden im alkoholfreien Segment nicht so preissensibel sind. Für sie zählt neben dem Geschmack primär der Gesundheitsgedanke.

Generell wird im Weinbau viel über einen Absatzrückgang geklagt. Sind alkoholfreie Weine auch mit Blick darauf wichtig?
Mir hilft er. Wenn es allerdings alle Winzer so machen würden, wäre es schwierig, denn so groß ist der Markt im alkoholfreien Segment noch nicht. Aber je öfter Kunden gute Erfahrungen mit alkoholfreien Weinen machen, desto besser ist das für uns alle und desto größer kann das Segment werden. Wir müssen also auch bei den alkoholfreien Weinen generell auf ein gutes Niveau kommen. Unser Gesamtpaket im Segment muss größer werden. So bietet die Top-Gastronomie immer öfter auch alkoholfreie Essensbegleitungen an. Die Lokale wollen aber nicht nur Weine von einem Winzer haben. Wenn wir da alle zulegen, können wir die nächsten Schritte gehen und neue Multiplikatoren für uns und unsere Produkte gewinnen. Hilfreich und wichtig für uns wäre eine entsprechende Qualitätsprüfung, dass wir die Weine dann auch mit der Lage ausweisen und so deren Herkunft unterstreichen können. Die Weichen müssen wir im Weinbau entsprechend stellen. Ganz konkret könnten wir in unserer Region so auch unsere Struktur mit den Familienbetrieben erhalten. Die Branche muss sich Gedanken machen und schauen, dass mehr Schwung ins alkoholfreie Segment kommt.

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