Deidesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Internationale Kunsttage: Auf zu neuen Ufern

Im Vordergrund arbeitet Dylan Bowen, im Hintergrund Hyunjin Kim – hier in der Synagoge.
Im Vordergrund arbeitet Dylan Bowen, im Hintergrund Hyunjin Kim – hier in der Synagoge.

In Deidesheim sind die internationalen, mehrfach ausgezeichneten Profi-Tonkünstler zur 17. „Intonation“ zu Gast. Für sie bedeuten die Tage nicht „in alten Fahrwassern möglichst viel zu produzieren“, sondern inspiriert vom ungewohnten Umfeld ihre Spontaneität im Ton auszuleben und zu neuen, „keramischen Ufern“ aufzubrechen.

Bereits mitgebrachte Arbeiten werden ausgestellt und zum Verkauf angeboten. Im Arbeitsfluss treiben lassen sich dieses Mal außer den Gastgebern Friederike Zeit Narum und Svein Narum die gebürtige Ukrainerin Janina Myronova aus Polen, Kirsten Jäschke und die gebürtige Koreanerin Hyunjin Kim aus Deutschland, Reinhilde van Grieken aus Belgien und Dylan Bowen aus England. Kleine Besuchergruppen schauen in der ehemaligen Deidesheimer Synagoge vorbei, wo Bowen eigenwillige, dreidimensionale Figuren formt. Er ist Keramiker in vierter Generation. Sein Vater habe bereits Narum aus Norwegen als Jugendlichen in einem mehrwöchigen England-Aufenthalt ans künstlerische Töpfern herangeführt.

„Mein Urgroßvater war Bernard Leach, der als Meister der englischen Keramik unterrichtet und als Buchautor in Europa sehr bekannt war“, schildert er seine Wurzeln. Leach hatte vor über 100 Jahren den Rakubrand in Japan kennengelernt. Sein Urenkel hat seinen Stil in der Sliptechnik gefunden. Dass Bowen schon einmal am Symposium teilgenommen habe, habe sich als Glücksfall erwiesen, berichtet Zeit Narum. Seine eingeflogenen Ausstellungsstücke seien nämlich noch nicht vom Flughafen freigegeben worden. Aber er könne so einige beim letzten Mal entstandene und in der Galerie gelagerte Arbeiten ausstellen.

Anlehnung an das Corona-Virus

Neben Bowen formt Kim vorsichtig ihre noch weichen, kugelig vereinten Tonschleifen aus, aus denen zarte Metallspänchen glitzern. „Ich will Gefühle und Emotionen in ihren Facetten darstellen, denn Wut ist beispielsweise nicht gleich Wut“, schildert sie die Bedeutung fertiger Objekte in unterschiedlichen Farben und ihrer aktuell gefertigten verschlungenen Pfade, die sich an manchen Stellen öffnen. Am aktuellen Werk fehlten noch die Spitzen um die Kugel, meint sie in Anlehnung an ein Corona-Virus, dessen Auswirkungen sie sehr beschäftigt hätten. Die Öffnungen der Kugel verliehen ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die zurückliegende Zeit auch Neues hervorbringen möge.

Weitgereist ist Myronova und hat ihren „Taiwanesischen Zyklus“ runder, farbenfroher Menschen ausgestellt. Sie arbeitet an weiterer Zwischenmenschlichkeit mit Tieren und zeigt Besuchern Handyfotos ihrer aus Keramik geformten Familie. Die hat sie bereits früher in monumentaler Größe entstehen lassen und sie in mehrere Teile zerlegt gebrannt.

Inseln und Fjorde der Farbigkeit

Findig muss auch Jäschke bei der Fertigung ihrer „Atmosphäre atmenden Mondgefäße“ vorgehen. Die mit rund 45 Zentimetern Durchmesser auffallenden Gefäße bilden in der Galerie, dem zweiten Arbeitsort des Symposiums mit den nötigen Brennöfen, einen reizvollen Kontrast zu Zeit Narums schwedisch inspirierten „Inseln und Fjorden der Farbigkeit“. Die Gefäße sind im Brand milchigweiß verglast, geheimnisvoll kühl schimmernd und glatt strukturiert wie Teile der Mondoberfläche. Wer eines ihrer Kunstwerke in den ebenso universellen wie individuellen Formen kaufe, halte ein Unikat nach einigen Prototypen in Händen, schildert Jäschke. Denn sie habe tüfteln müssen, wie groß der Körper sein dürfe, um nicht in der Hitze des Brandes seine Rundungen zu verlieren. „20 Prozent Volumenverlust muss ich einkalkulieren und den Stand stabil halten“, beschreibt sie einige ihrer Überlegungen.

Zeit Narum hat sich intensiv mit den Glasuren ihrer farbenfrohen Landschaften – zum Perspektivwechsel auf den Kopf gestellt – auseinandergesetzt. Dank dreier Stipendien zu den Themen „neue Glasurentwicklung“, „Geheimcode“ und „Zwillinge“, habe sie Ideen vor ihren „Deidesheimer Kunsttagen“ entwickeln und so in den zurückliegenden Monaten trotz Abgeschiedenheit zielgerichtet produktiv sein können, freut sich Zeit Narum.

Ofen Marke Eigenbau

Farbe wagt auch van Grieken, immer wieder fasziniert von der Wandelbarkeit ihres Werkstoffs auf der Töpferscheibe, der nach Entwürfen dieses Mal unter ihren Händen so kunstvoll wie präzise zu dekorativ montierten Organteilen wird. Svein Narum arbeitet derweil im Garten der Galerie geduldig an einem formvollendeten Ofen Marke Eigenbau mit pfiffigem Belüftungssystem und zwei Feuerkammern. Er soll holzbefeuert, dank variabler Sauerstoffzufuhren, Temperaturen von über 1000 Grad erreichen. „Ich habe bereits eigene Engobe-Arbeiten zum Trocknen fertiggestellt, mit denen ich in Kürze diesen Ofen testen möchte“, meint Narum gespannt. Am Wochenende sollen dann auch die Besucher das Bauwerk in seiner Funktion bestaunen können. Dass das Symposium bereits am Sonntag wieder mit der feierlichen Finissage für alle Besucher und Grußworten des Bürgermeisters ende, sei zwar schade, bedauert Zeit Narum. Aber innerhalb der sozialen Netzwerke könne man ja jederzeit weiterhin in Kontakt bleiben, freut sich die Keramikerin.

Info

Die 17. Intonation kann von Gästen noch bis zum 24. Oktober täglich von 15 bis 18 Uhr sowie nach telefonischer Absprache besucht werden; Vorträge der Künstler finden am 23. und 24. Oktober ab 13 Uhr und die Finissage mit frisch gebrannten Symposiums-Werken am 24. Oktober ab 12 Uhr statt; es gelten die aktuellen Coronavorschriften, www.friederikezeit.de, www.intonation-deidesheim.de.

Im Vordergrund arbeitet Reinhilde van Grieken, im Hintergrund Kirsten Jäschke – hier im Atelier.
Im Vordergrund arbeitet Reinhilde van Grieken, im Hintergrund Kirsten Jäschke – hier im Atelier.
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