Neustadt In Sorge um den Sozialstaat
Temperaturen um die Null-Grad-Grenze sind für den Straßenwahlkampf eine Herausforderung. Christopher Hess, bei der Landtagswahl Direktkandidat der Partei „Die Linke“, bietet an diesem eisigen Morgen am Stand vor dem Jobcenter „warme Getränke gegen soziale Kälte“ an. Wer sich auf ein Gespräch einlässt, nimmt es gerne an. Gegen die Kälte im eigentlichen Sinn hilft es auf jeden Fall. „Warum soll ich denn die Linke wählen?“, fragt ein junger Mann, nachdem er eine Weile mit dem Kandidaten diskutiert hat. „Die Politiker reden doch alle nur und tun nichts gegen die Probleme.“ Eine Sichtweise, die der Wahlkämpfer natürlich so nicht stehen lassen will. Und Argumente, warum man die Linke wählen sollte, hat Hess zahlreiche an der Hand. Doch der 29-Jährige zeigt auch Verständnis für Politikverdrossenheit. Er selbst habe eine „rebellische Phase“ durchgemacht, bevor er vor zweieinhalb Jahren beschloss, sich in einer Partei zu engagieren. Und dafür zu kämpfen, dass die Welt „ein bisschen besser und gerechter“ wird, wie er es ausdrückt. Grund war, dass er Vater wurde. Damit änderte sich nicht nur seine Einstellung zur Politik, sondern auch sein ganzes Leben. Hess beschloss, in Neustadt sesshaft zu werden. Eigentlich war es ein Zufall, dass es den gebürtigen Hessen in die Pfalz verschlug. Hess war von 2011 bis 2012 zweimal auf dem Pilgerweg nach Santiago di Compostella unterwegs. Es sei darum gegangen, sich selbst zu finden, erzählt er. Eine Lehre als Chemielaborant hatte er zuvor abgebrochen. Nach der Zeit auf Wanderschaft besuchte er eine Reihe von Freunden, darunter auch Leute aus Neustadt. „Bei der Gelegenheit lernte ich meine heutige Lebensgefährtin kennen“, erzählt er. Aus einem Besuch wurde ein neuer Lebensabschnitt. Inzwischen ist Hess tagsüber Hausmann und abends Schüler. „Ich will das Abitur nachholen und dann Philosophie studieren“, sagt er. Wenn er trotz Doppelbelastung ein bisschen Zeit übrig hat, engagiert er sich in der Politik. Zum ersten Mal für die Linke kandidiert hat er bei den Kommunalwahlen. Nun wirft er als Direktkandidat bei der Landtagswahl ein zweites Mal seinen Hut in den Ring. Wohl wissend, dass seine Chancen „nahe bei Null“ sind, wie er selbst sagt. Es gehe ihm darum, die Positionen der Linken öffentlich zu machen, sagt er. Er sei in Sorge um den Sozialstaat, der immer mehr abgebaut werde. Und beunruhigt wegen der Stimmung in der Bevölkerung angesichts des Flüchtlingszustroms. Er fahre täglich mit der S-Bahn und da merke er, dass in weiten Kreisen Vorurteile gegen Ausländer bestünden. Auch die Beteiligung deutscher Soldaten an internationalen Einsätzen in Krisengebieten gefällt ihm nicht. Während Hess über die großen Probleme Deutschlands und der Welt diskutiert, kümmert Parteigenossen Fritz Weilacher, Vorsitzender des Kreisverbands Neustadt- Bad Dürkheim, sich um die kleinen Probleme des Straßenwahlkampfs. Zum Beispiel um das Schild „warme Getränke gegen soziale Kälte“, das immer immer wieder auf den Boden fällt. Aber der Kaffee findet auch ohne Schild seine Abnehmer.