Neustadt „Immer weniger Respekt“

Am Neustadter Marktplatz verbringt Katja Weickert gelegentlich ihre Mittagspause.
Am Neustadter Marktplatz verbringt Katja Weickert gelegentlich ihre Mittagspause.

Rheinpfalz-Sommerinterview (2): Ein lockeres Gespräch – nicht drinnen im Konferenzraum, sondern draußen an einem schönen Ort. Unsere Gesprächspartnerin heute: Katja Weickert, Leiterin der Polizeiinspektion Neustadt und Mutter eines kleinen Mädchens.

Frau Weickert, Montag, 11 Uhr: Was würden Sie normalerweise jetzt gerade machen?

Die ersten Besprechungen sind so um 9 Uhr. Da blickt man zurück auf das vorangegangene Wochenende und guckt, was einen in der nächsten Woche erwartet. Und wie läuft das morgens daheim? Sie haben ja eine kleine Tochter, zudem Hühner. Wer macht die Tochter fertig, wer füttert die Hühner? Das ist unterschiedlich. Mein Mann arbeitet im Schichtdienst, auch bei der Polizei. Wenn meine Tochter schon fit ist, kümmern wir uns beide um sie und das Frühstück. Einer von bringt sie dann zu meinen Eltern. Und die Hühner? Die versorgt meistens mein Mann. Dennoch, Sie machen ja unglaublich viel. Leitungsfunktion, Familie, Kind, im Verein engagiert, Musik und Sport. Ich fühle mich allein durch die Aufzählung schon gestresst. Machen Sie auch mal Pause? Ja, schon. Neben der Arbeit, die ja mit 70 Prozent auch reduziert ist, setze ich den Schwerpunkt absolut auf die Familie. Der Sport leidet zurzeit etwas, da muss ich mal wieder dran arbeiten. Wobei meine Tochter inzwischen ganz begeistert auf dem Fahrrad mit fährt. Da lassen sich Familie und Sport dann kombinieren. Aber in punkto Arbeitsbelastung ist die Lage angesichts der personellen Situation sicher nicht einfach. Ja. Insofern sind es auch nur auf dem Papier 70 Prozent. Je nach Einsatzmaßnahme ist das auch mal mehr, in ruhigeren Zeiten kann man die Überstunden dann abbauen. Gibt es die, die ruhigeren Zeiten? Ja, schon. Also ich hoffe, dass die nächsten Wochen ruhiger werden ... Aber insgesamt sind die Anforderungen doch gewachsen. Beim Thema Sicherheit beispielsweise. Ja, das stimmt. Wir haben heute als Polizei Problemfelder zu beachten, die wir vor ein, zwei Jahren noch gar nicht auf dem Schirm hatten. Beispielsweise den islamistischen Terrorismus. Das hat ja Auswirkungen auf alle möglichen Veranstaltungen, siehe Berliner Weihnachtsmarkt. Das erfordert eine ganz andere Denk- und Sichtweise der Polizei, bis hinunter auf Inspektionsleiterebene. Wir müssen uns vielschichtiger und facettenreicher aufstellen. Und das erfordert auch Ressourcen. Das heißt mehr Personal? Ja. Das ist ja auch von der Landesregierung so vorgesehen, dass mehr junge Kollegen eingestellt werden. Aber es dauert natürlich eine Weile, bis die ihre Ausbildung durchlaufen haben und sozusagen auf der Straße ankommen. Frau Weickert, Sie sind in Speyer geboren, in Schifferstadt aufgewachsen, waren dann mal in Germersheim, jetzt arbeiten Sie hier in Neustadt. Wir gefällt Ihnen die Stadt? Ich fühle mich hier als Inspektionsleiterin sehr wohl, weil die Stadt teilweise doch eher ländlich geprägt ist. Einerseits gibt es den Stadtkern, der ja sehr schön ist und auch mal praktisch für einen Einkaufsbummel, andererseits die Ortsteile, wo das Leben doch ein ganz anderes ist. Wie kam’s eigentlich zu der Entscheidung für die Polizei? Das ist doch immer noch mehr ein Männerberuf. Das war immer mein Wunsch, schon als Kind. Und warum? Durchs Fernsehen? Teilweise schon. Als Kind schaut man natürlich die Serie „Großstadtrevier“ und ist begeistert. Dann hat mich irgendwann mal ein Bekannter zusammen mit einer Freundin eingeladen zur Polizei nach Schifferstadt. Da war ich, glaube ich, in der zweiten oder dritten Klasse. Ich war begeistert, dass ich die Polizei so hautnah erleben durfte. Sportlich fit muss man für den Beruf schon sein, oder? Ja, natürlich. Zu meiner Zeit hat Sport in der Grundausbildung eine sehr große Rolle gespielt. Später dann leider weniger. Was ein fertig ausgebildeter Polizist an Sport treibt, das ist praktisch komplett in seiner eigenen Verantwortung. Privat machen Sie auch Kampfsport. Kam das durch die Polizei oder haben Sie das schon früher gemacht? Das hab’ ich in meiner Jugend schon gemacht. Als ich im Schichtdienst war, war’s mir wichtig, Selbstverteidigung ständig trainieren zu können. Heute ist es ein Ausgleich zum Büroalltag. Welche Rolle spielt denn das Thema Gleichberechtigung bei der Polizei? Das ist ein Thema, natürlich. PI-Leiterinnen gibt es ja nicht so viele in Rheinland-Pfalz. Da wird man schon mal drauf angesprochen. In Besprechungen bin ich öfter die einzige Frau in einer großen Männerrunde. Und dann wahrscheinlich auch noch eine der jüngsten. Ja, das kommt noch dazu. Aber ich bin das gewohnt, es macht mir nichts aus. Und die Männer? Sind die es auch gewohnt? Mittlerweile schon. Wenn man neu in einer Führungsposition ist, muss man sich natürlich ein Stück weit etablieren. Aber ich denke, das ist mir gut gelungen. Anfang Juli stand bei der Polizei mit der Beisetzung von Helmut Kohl ein Großeinsatz an. Inwiefern waren Sie da mit eingebunden? An dem Tag selbst, als Helmut Kohl verstorben ist, hatte ich Bereitschaftsdienst. Da war ich dann schon freitags im Polizeipräsidium in Ludwigshafen, wo erste Einsatzmaßnahmen koordiniert wurden. Für den Gesamteinsatz hatte ich den Einsatzabschnitt Verkehr zu leiten. Da war ich schon am Rotieren. Wo waren Sie dann samstags? Ich war den ganzen Tag im Einsatz. Erst in Ruchheim, wo die Hubschrauber gelandet sind, dann bei der Aufstellung des Trauerzuges, später in Speyer. Wie war die Stimmung? Also, in den zwei Wochen Vorbereitungszeit waren natürlich alle angespannt und im Stress. Aber am Einsatztag selbst hat eigentlich alles reibungslos funktioniert. Von daher konnten wir relativ entspannt sein. Waren Sie eigentlich schon einmal körperlicher Gewalt ausgesetzt? Ja, sicher. Ich wurde auch schon verletzt, auch so, dass ich eine Woche krank geschrieben werden musste. Das empfand ich aber nie als so schlimm wie das, was psychisch auf Polizisten einwirkt. Sprich Beleidigungen. Oder wenn man angespuckt wird. Nimmt das zu? Ja. Das muss man wirklich sagen. Also, der Schutzmann, wie er früher wahrgenommen wurde, dieses Bild hat sich komplett gewandelt. Man wird als Polizist anders wahrgenommen. Weniger Respekt? Ja, deutlich weniger Respekt. Gleichzeitig wächst das Sicherheitsbedürfnis ... Ja, das widerspricht sich. Einerseits werden wir angepöbelt und beleidigt, andererseits erwartet der Bürger, dass wir sofort da sind, wenn wir gebraucht werden. Das sind wir natürlich auch und tun es gerne. Aber da sollten sich die Leute vielleicht doch manchmal überlegen, wie sie mit der Polizei umgehen. Frau Weickert, die letzte Frage gehört Ihnen. Okay. Wie nehmen Sie denn die Polizei in Neustadt wahr? Oh, ich hatte bisher zum Glück nie Probleme. Wenn ich mal in eine Kontrolle geraten bin, hatte ich immer den Führerschein dabei und auch nichts getrunken ... Zur Person Katja Weickert (37) ist Leiterin der Polizeiinspektion (PI) Neustadt, die 80 Mitarbeiter umfasst. Die gebürtige Speyererin, die auch Mutter eines kleines Mädchens ist, hat diese Funktion seit November 2016 auf einer 70-Prozent-Stelle, vor der Geburt ihrer Tochter hatte sie von Oktober 2014 bis September 2015 in der gleichen Funktion eine 100-Prozent-Stelle.

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