Neustadt Hoch oben in Pilatus Gerichtshof

Die Geschichte beginnt, wie sie auch in der Bibel steht: Mit dem Einzug von Jesus nach Jerusalem zum Passahfest. Was dann folgt, sind die Stationen der Karwoche, die die freie Kirchengemeinde „Er-lebt“ bei ihrer Osterzeitreise für die Zuschauer des Stationentheaters am Ostermontag nachgestellt hat – mit viel Herzblut und der einen oder anderen passenden Requisite. Mit einem Krug und einem Tuch steht Petrus am „Deidesheimer Tempel“. Zugegeben, es ist nicht Petrus, der dort demonstriert wie Jesus ihnen die staubigen Füße wusch – obwohl er von seinen Jüngern als König angesehen wurde. Es ist Alexander Mai, der mit viel Überzeugung eine Rolle spielt. „Nein Herr, eigentlich bin ich es, der dir die Füße waschen sollte“, ruft er. Dann erzählt er den Zuschauern, die wie Gläubige einer Prozession zum Tempel gefolgt sind, dass er damals nicht verstanden habe, was Jesus den Jüngern bedeutet habe. „Ich habe nicht verstanden, dass es nicht wirklich um Schmutz, sondern um die Schuld in den Herzen der Jünger ging, die Jesus ihnen nehmen wollte.“ Zum fünften Mal hat Pastor Johannes Klein mit seiner freien Kirchengemeinde die Zeitreise durch die Haardter Wingerte und den nahen Wald nun schon organisiert. Rund 130 Menschen, darunter über 30 Kinder, führten die Gemeindemitglieder am gestrigen Ostermontag 90 Minuten lang durch die Passionsgeschichte Christi. Anschaulich und ohne umständliche Bibelübersetzungen ließen die Laienschauspieler die Zuschauer die Leidensgeschichte nachfühlen. Zum Beispiel in einem herrlich verwilderten Grün, das die Kulisse des Gartens Gethsemane bildete, wo Jesus schließlich gefangen genommen worden war. Dort gestand Petrus erneut: „Damals habe ich das alles noch nicht begriffen.“ An anderer Stelle berichteten die Emmausjünger, dargestellt von Jerusha Hofsäß und Tobias Seyfert, mit viel Temperament von den hohen Erwartungen der damaligen Menschen an den Sohn Gottes. Überhaupt war Jesus, wenngleich auch nicht als Rolle im Stationentheater besetzt, während der gesamten Zeitreise fast plastisch greifbar in den Erzählungen der Schauspieler. Begeistert von der Darstellung der Schauspieler zeigte sich Stefan Fey. Der 53-jährige Neustadter ist Mitglied der „Er-lebt-Gemeinde“, zu der rund 40 Menschen gehören. „Schade, dass nicht mehr Personen gekommen sind“, sagt er aber. „Nächstes Jahr werde ich sicher aus meinem Bekanntenkreis einige zum Mitlaufen bewegen können.“ Auch das angekündigte Regenwetter sollte auf den Besuch der bildhaften Darstellung des Ostergeschehens keinen Einfluss haben, fand er. Doch der Himmel hatte gestern Vormittag ohnehin ein Einsehen mit den Pilgern und ließ die dicken Regenwolken vorüberziehen. Auch Markus Zahn, der aus Schifferstadt kam, betonte: „Ich finde die Art der Darstellung sehr beeindruckend.“ So waren es besonders die einzelnen Stationen mit spärlichen, aber bedeutungsstarken Requisiten, die die Zuschauer in ihren Bann zogen. Wie etwa die vier edlen Holzstühle, die den herrschenden jüdischen Hohen Rat symbolisierten. Schnell fanden die damaligen Ratsherrn dort den Schuldspruch und sprachen beim römischen Herrscher Pontius Pilatus vor. Dieser residierte bei der „Scheffelwarte“ – auf wertvollen Orientteppichen. Danach gingen die Schauspieler nicht nur zur Kreuzigung, sondern auch zum Kernthema der Osterbotschaft über: der Auferstehung. Die letzte Station des Theaters bildete eine kleine Sandsteinbucht an einem Wingert, an dessen Seite ein riesiger Felsbrocken aus Plastik lag. Zunächst überrascht, dann voller Begeisterung verkündeten die Schauspieler die freudige Botschaft: „Jesus ist auferstanden!“ Am Ende der Reise ist eines sicher: Wenn der Stein, der mit der Osterzeitreise der freien Kirchengemeinde angestoßen wurde, einmal seine weiten Kreise zieht, dann werden sich noch mehr Menschen am Startpunkt Welschterrasse auf den Weg machen, um Petrus, Maria und den Emmaus-Jüngern auf deren historischen Stationen in der Karwoche zu folgen.