Am Rande der Bande RHEINPFALZ Plus Artikel Fußball: Erinnerungen der Niederkirchenerin Lorette Braun an Fritz Walter

Ihr Arbeitszimmer in Niederkirchen ist gefüllt mit Erinnerungsstücken an Fritz Walter: Lorette Braun steht hier hinter einem Dek
Ihr Arbeitszimmer in Niederkirchen ist gefüllt mit Erinnerungsstücken an Fritz Walter: Lorette Braun steht hier hinter einem Deko-Exponat von der WM 2010.

Am 31. Oktober vor 100 Jahren ist Fritz Walter in Kaiserslautern geboren worden. Die Niederkirchenerin Lorette Braun hat den Fußball-Weltmeister von 1954 ab 1987 zu Marketing-Aktionen von Sektkellereien begleitet, betreut noch immer die Fritz-Walter-Edition. Dabei hat sie zunächst mit dem Namen Fritz Walter gar nichts anfangen können.

Mehr als nur ihr Beruf verband Lorette Braun aus Niederkirchen in der Verbandsgemeinde Deidesheim mit dem Fußball-Weltmeister von 1954, Fritz Walter, und seiner Frau Italia. Aus Promotion- und Benefizaktionen entwickelte sich alsbald ein vertrauensvolles Verhältnis mit regelmäßigen persönlichen Begegnungen. „Wir waren schon so etwas wie eine Familie“, betont Braun, die das Fußballidol über 15 Jahre lang begleitet hat.

Alles begann zunächst sachlich schlicht. Lorette Braun wurde 1987 die Betreuung der Fritz-Walter-Edition und begleitender Marketing-Aktionen bei der Sektkellerei Schloss Wachenheim übertragen. Als sie 1996 zur Sektkellerei Deidesheim von Familie Reis wechselte, gingen Fritz Walter und seine Sektreihe quasi mit. Ein fixer Betrag jeder verkauften Flasche floss in die Fritz-Walter-Stiftung zur Nachwuchsförderung.

„Wer ist denn Fritz Walter?“

„Als die Wachenheimer mich beauftragen, war ich absolut unwissend. Wer ist denn Fritz Walter?“, hatte sie zunächst ahnungslos gefragt. Bald bestens informiert, sollte sie Promotion-Aktionen mit dem Weltmeister von 1954 durchführen. „Ich habe folglich bei Walters in Alsenborn angerufen, wurde dann quasi einbestellt. Italia Walter hatte die Daumen drauf, nahm stets eine strenge Zensur vor. Ich habe ihre Musterung glücklicherweise bestanden und durfte Fritz von da an zu Autogrammstunden und anderen Veranstaltungen fahren“, erzählt Braun. Italia achtete streng auf das Styling ihres Mannes, Krawatte und Sakko durften nicht fehlen. „Kaum aber im Auto, legte er die offizielle Montur erleichtert ab“, plaudert Lorette weiter. „Ehe wir zurückkehrten, machte er sich dann wieder fein. Auch die Nase wurde gepudert, damit er ,anstännich’ aussah, worauf Italia Wert legte“, erinnert sich Lorette Braun an ihrer beider Geheimnis.

Mit Sekt im Gepäck durch die Republik

Autogrammtouren und Veranstaltungen führten – mit Sekt im Gepäck – durch die ganze Republik. Aber der Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft war sich auch nicht zu schade, kleinere ehrenamtliche Aktivitäten der Region zu unterstützen. „Einmal war er sogar in unserer Niederkirchener katholischen Bücherei, die ich 17 Jahre lang betreute, um Autogramme zu geben“, erinnert sich Braun. Unter seiner Schirmherrschaft stand 1997 unter anderem ein Benefizspiel der „Pälzer Parre“ mit einer Deidesheimer Auswahlmannschaft für ein chilenisches Kinderheim, auf der einen Seite verstärkt mit dem ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter Markus Merk, auf der anderen mit dem früheren FCK-Profi Hans-Peter Briegel. „Fritz war ein liebenswerter Mensch, grundehrlich und direkt“, betont Lorette. „Autogramme schrieb er mit Engelsgeduld, er malte seine Unterschrift mit dem typischen großen ,F’ akribisch und mit Hingabe. Jede Korrespondenz beantwortete er selbst handschriftlich“, weiß Braun auch von dessen Sekretärin Renate Kehl, die ihn 40 Jahre lang unterstützt hat.

Die Bilder an den Wänden des Arbeitszimmers von Familie Braun in Niederkirchen erzählen Geschichten, schildern Ereignisse und emotionale Begegnungen. Viele davon sind Geschenke von Fritz Walter mit persönlicher Widmung oder liebevollen Grüßen, ebenso auch kleine Fotoalben oder Gedenkmünzen zu besonderen Ereignissen oder Geburtstagen.

Täglicher Anruf um 11.30 Uhr

Bei den meisten offiziellen Anlässen war auch Ehemann Raimund Braun, damals selbstständiger Malermeister, mit von der Partie. Ebenso gab es viele private Treffen in Alsenborn und Lokalen der Umgebung, so zu Weihnachten, Geburtstagen und alljährlich am Valentinstag. „Wir pflegten ein freundschaftliches Verhältnis, für mich war er wie ein Opa“, erzählt Lorette gerührt. Tägliches Ritual: „Jeden Vormittag musste ich um 11.30 Uhr bei ihm anrufen. Wehe, ich kam nicht dazu! Er wollte mich einfach hören, ganz ohne besonderen Anlass.“ Bei Heimspielen auf dem Betzenberg machten die Brauns häufig einen Abstecher nach Alsenborn. „Italia saß immer im feschen Rot-Weiß-Dress vor dem Fernseher. Fritz spazierte derweil durch den Park, es war ihm zu nervenaufreibend, die Spiele anzuschauen, weshalb er so gut wie nie ins Stadion ging“, erzählt Raimund Braun. Ab und zu habe Walter ins Zimmer reingeschaut und sich bei seiner Frau erkundigt: „Wie steht’s donn, was is bassiert, hot jemand ä Dor geschoss?“, ahmt ihn Lorette in perfektem Westpfälzisch nach.

Größen der Fußball-Welt kennengelernt

Nahezu endlos scheint die Reihe gemeinsamer Erinnerungen mit den Walters zu sein. Zu den Höhepunkten zählt der „Fritz-Walter-DFB-Pokal“ 1994 (40 Jahre Weltmeisterschaft 1954 Bern) in Baden-Baden. Beim Gala-Abend im Bénazet-Saal des Kurhauses hatten sie ihre Plätze am Ehrentisch direkt neben Fritz und Italia. Unvergessen bleibt auch der 75. Geburtstag 1995 in der Sporthalle in Mehlingen, bei dem beide mit einigen Freunden als kleiner Chor unter Leitung von Trompeter Walter Scholz ein „Halleluja für Fritz Walter“ sangen. Ein großes Ereignis war auch die goldene Hochzeit der Jubilare 1998 mit prominenten Gästen. „Wir haben auf den Veranstaltungen unheimlich viele Größen der Fußballwelt persönlich kennengelernt, so Otmar Walter, Horst Eckel oder Werner Liebrich“, erzählen beide. Nicht fehlen dürfen in dieser Reihe Franz Beckenbauer, Uwe Seeler, Otto Rehhagel, Karl-Heinz Feldkamp oder Rudi Michel. Im Fritz-Walter-Haus begegneten sie auch den Darstellern des mehrfach ausgezeichneten Films „Das Wunder von Bern“.

Bis zum Ende pflegten Lorette und Raimund Braun die langjährige enge Freundschaft und wissen, dass er den Tod seiner Frau Italia 2001 nicht verkraften konnte. Die letzte Ehre gaben sie ihm gemeinsam mit tausenden Fußballfans bei seiner Beisetzung im Juni 2002 auf dem Kaiserslauterer Hauptfriedhof. Lebendig bleibt die Erinnerung im Herzen von Ehepaar Braun. Sie könnten mit ihren persönlichen Exponaten eine Ausstellung bestücken. Bei der Sektkellerei Deidesheim widmet sich Lorette Braun nach wie vor der Fritz-Walter-Edition. Alljährlich sponsert die Kellerei bei der großen Fritz-Walter-Gala im Herbst den Sektausschank. Alle bedauern, dass die Gedenkgala „100 Jahre Fritz Walter“ auf dem „Betze“ in diesem Jahr Corona-bedingt ausfallen muss.

Zum Benefizspiel in Deidesheim 1997 mit den Pälzer Parre gaben Fritz Walter (vorne links) und Hans-Peter Briegel (neben Walter)
Zum Benefizspiel in Deidesheim 1997 mit den Pälzer Parre gaben Fritz Walter (vorne links) und Hans-Peter Briegel (neben Walter) Autogramme. Raimund und Lorette Braun (in der Mitte) waren ebenso dabei wie der Ehrenvorsitzende des TuS Niederkirchen, Franz Schalk (hinten links) und Bürgermeister Stefan Gillich (rechts hinter Lorette Braun).
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