Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Feuerwehr übt: Jeder Handgriff muss sitzen

Nach einigen Minuten ist beim dritten Versuch der imaginäre Brand gelöscht.
Nach einigen Minuten ist beim dritten Versuch der imaginäre Brand gelöscht.

Bei einem Grundlehrgang übten Mitglieder der Jugendfeuerwehr Neustadt und Quereinsteiger Brandbekämpfung, Erste Hilfe und mehr.

Normalerweise ist die Feuerwache in der Lindenstraße nicht besetzt, ihre Dienstkleidung legen die freiwilligen Wehrleute nur an, wenn es einen Notruf gibt. Anders am Samstag: Da herrscht reges Treiben auf der Wache, denn zurzeit absolvieren 17 Anwärter aus Neustadt und Umgebung den 70-stündigen Grundlehrgang der Feuerwehr. Nach einer knappen Stunde Theorieunterricht am Morgen wird es spannend: Die Praxis ruft. Auf dem Gelände der Wache werden verschiedenste Notsituationen geprobt. So müssen die Anwärter zum Beispiel einen unter einem Container eingeklemmten Dummy befreien oder ihn auf einer sogenannten Schleifkorbtrage fixieren und dann ein Treppenhaus hinunterbugsieren.

Richtig aufregend wird es bei der Brandbekämpfung. Wie bei einem echten Einsatz sitzt die gesamte Gruppe zu Beginn der Übung im Löschfahrzeug. Der einzige Unterschied: Einen echten Brand gibt es nicht. Gruppenführerin Julia Böckmann öffnet die Beifahrertür und ruft: „Absitzen!“ Jetzt geht alles blitzschnell: Innerhalb von Sekunden hat die Löschgruppe, bestehend aus Angriffs-, Wasser- und Schlauchtrupp, das Fahrzeug verlassen und ist in Stellung. Nachdem die Gruppenführerin genaue Anweisungen gegeben hat, kann es losgehen: Schläuche und andere Gerätschaften werden mit geübten Handgriffen aus dem Löschfahrzeug entladen, ausgerollt und montiert. Schnell ist eine Steckleiter zusammengebaut und an den Schlauchturm angestellt.

Alles nochmal von vorne, wenn ein Fehler passiert

Jetzt unterläuft den Feuerwehranwärtern der erste Fehler: Der Angriffstruppführer erklimmt den ersten Stock des Turms und lässt ein Seil hinab, an dem seine Kollegen am Boden den Schlauch fixieren, sodass er diesen zu sich hinaufziehen kann. „Dieses Vorgehen wäre ab dem zweiten Stock richtig“, erklärt Pressesprecher Bernd Kaiser. „Bis zum ersten Stock kann der Schlauch jedoch ganz einfach an der Ausrüstung der Leiter hochgetragen werden.“ Also alles noch einmal von vorne, denn der Ablauf der Übung muss reibungslos sitzen.

Während die Löschgruppe sich auf den zweiten Durchgang vorbereitet, erklingen auf einmal zahlreiche Pieper. Sofort ist allen klar: Es gibt einen Einsatz. Glücklicherweise sind so viele der Feuerwehrleute auf der sonst zumeist leeren Wache, da geht das Ausrücken umso schneller. Innerhalb weniger Minuten haben zahlreiche Wehrleute unter Blaulicht und Sirenen das Gelände verlassen. Der Grundlehrgang kann trotzdem ohne Unterbrechung weitergehen. Der Notruf wird sich später als Fehlalarm entpuppen.

Nach wenigen Minuten ist der Brand gelöscht

Auch ein zweiter Versuch der Löschübung muss aufgrund eines kleinen Fauxpas abgebrochen werden. Beim dritten Durchgang sitzt dann alles. Wieder erklimmt der Angriffstruppführer über die Leiter den Schlauchturm. Währenddessen wird ein Hydrant geöffnet, Schläuche werden angeschlossen und über Schlauchkupplungen miteinander verbunden. „Hierbei ist es wichtig, dass jeder seine Aufgabe kennt und genau weiß, was er wann und wo zu tun hat“, erklärt Pressesprecher Clemens Litty. Tatsächlich sitzt dieses Mal jeder Handgriff. Während der Mann auf dem Turm den imaginären Brand im Gebäude bekämpft, löschen zwei weitere Anwärter vom Boden aus.

Nach einigen Minuten ist der Brandbekämpfung Genüge getan. „Zweites Rohr Wasser halt!“, ertönt es aus dem Schlauchturm. Nach und nach wird das Wasser aus allen drei ausgelegten Schläuchen gestoppt. Die Übung ist erfolgreich zu Ende gebracht. Gruppenführerin Böckmann ist zufrieden mit der Leistung ihrer Löschgruppe: „Der letzte Durchgang war schon wesentlich entschlossener“, lobt sie in der Nachbesprechung. Den ein oder anderen Verbesserungsvorschlag gibt es trotzdem.

Die Gründe der Anwärter, am Grundlehrgang teilzunehmen, sind vielfältig. Auch haben nicht alle bereits Erfahrungen bei der Feuerwehr gesammelt, einige sind Quereinsteiger. So zum Beispiel Michelle Schuster. „2015 gab es einen Brand in meiner Wohnung, da war ich elf Jahre alt“, berichtet sie. „Damals war ich sehr froh, dass die Feuerwehr uns geholfen hat.“ Das habe sie motiviert, sich selbst den Rettungskräften anzuschließen.

Sarah Schönig sieht in der Feuerwehr eine Möglichkeit, wieder ein Hobby aufzunehmen, nachdem sie vor Jahren das Segelflugzeugfliegen aufgegeben hatte, um sich um ihre Kinder kümmern zu können. „Jetzt sind die Kinder alt genug, und ich habe wieder mehr Zeit für mich“, erklärt sie. „Bei der Feuerwehr finde ich nicht nur eine abwechslungsreiche und aufregende Beschäftigung, sondern kann gleichzeitig etwas Gutes für die Gesellschaft tun.“

Niels Seiberth und Vincent Zähringer sind beide seit Jahren bei der Jugendfeuerwehr aktiv. Ihr Ziel sei es immer gewesen, irgendwann in den aktiven Dienst überzugehen. „Der Grundlehrgang macht großen Spaß“, findet Zähringer. „Die Ausbilder sind nett und fördern uns gut“, fügt Seiberth hinzu.

Feuerwehr fühlt sich an wie eine große Familie

Über eines sind sich alle Anwärter einig: Sie lieben den Teamgeist bei der Feuerwehr. Es fühle sich an wie eine große Familie. „Bei uns gibt es keine Einzelkämpfer“, betont auch Pressesprecher Kaiser.

Ob der Grundlehrgang bei allen Teilnehmern Wirkung gezeigt hat, stellt sich nächsten Samstag bei der Prüfung heraus. Wer diese besteht, darf dann mit auf Einsätze fahren und das Handwerk für die nächsten zwei Jahre aus erster Hand lernen. Auch zahlreiche Lehrgänge müssen in dieser Zeit absolviert werden. Erst danach ist die Ausbildung zum Feuerwehrmann abgeschlossen.

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