Deidesheim
Fernsehstar Tine Wittler feiert mit „Halbnackte Bauarbeiter“ in Deidesheim Premiere
Dabei kann einem diese Ute schon gehörig auf die Nerven gehen, wie sie so beharrlich neben der Spur ist. Die Grafikerin, die mit Freundin (oder besser: Mitbewohnerin) Kirsten eine WG in Berlin bildet, gestaltet in ihrem Beruf Anzeigen für Stützbandagen, und ähnlich freudlos verhält es sich mit ihrem Liebes- und Beziehungsleben. Ihr Alltag pendelt zwischen Dönern und „Golden Girls“ im Fernsehen. Sex wäre eigentlich schon einmal ein Thema, aber irgendwie kommt es nicht dazu. Das ist aber vielleicht auch keine Überraschung, wenn man sich so dusslig anstellt – und ständig so schlecht gelaunt ist. Eines Tages allerdings steht die fleischgewordene Johnny-Depp-Phantasie vor ihrer Tür und es beginnt eine witzige Liebesjagd voller Fettnäpfchen und Alltagsskurrilitäten.
Neurotikerin in der Midlife-Crisis
Tine Wittler gibt diese neurotische Frau in der Midlife-Crisis in diesem Bühnen-Solo sehr gekonnt und glaubhaft, auch wenn man merkt, dass sie keine klassische Schauspielerin ist. Auch dass sie die ganze erste Hälfte ihrer atemlosen Emotionsachterbahn ohne funktionierendes Mikrofon auskommen muss, überspielt die Blondine mit der unverwechselbaren Stimme locker. Sie haut kesse Sprüche raus und sorgt mit ihrem spießigen Verhalten für Fremdschäm-Effekte. Sie nervt und trifft zugleich den Nerv der Zuschauer, die regelmäßig Zwischenapplaus einstreuen. Dabei sind ihre Macken zwischenzeitlich kaum auszuhalten, und einen Typen wie diesen Michael, der sie da auf dem Flur so unverfroren anmacht, hat sie – der Gedanke drängt sich schnell auf – eigentlich gar nicht verdient. Dabei ist der einfach zum Reinbeißen. „Der Kerl hatte sogar erotische Zähne“, findet Ute. Aber zugleich vergrault sie ihn so gut sie nur kann.
„Ein bisschen Ute steckt in uns allen“
„Ein bisschen Ute steckt in uns allen“, meint Tine Wittler nach dem Schlussapplaus augenzwinkernd. Dass das Leben im Grunde ein Ansammlung von verpassten Chancen ist, kann man vielleicht als Grundtenor des Buchs von Martina Brandl bezeichnen, die an dem Abend übrigens auch im Zuschauerraum weilte. Tine Wittler, die hier erstmals in einem abendfüllenden Solostück spielte, jedenfalls hat ihre Chance genutzt – auch wenn nach ihrer eigenen Wahrnehmung schauspielerisch durchaus noch „Luft nach oben“ ist.