Neustadt / Deidesheim / Hassloch RHEINPFALZ Plus Artikel Fahrradfahren boomt, aber nicht unbedingt in den Vereinen

Seit Beginn der Pandemie sitzen wieder mehr Menschen auf Fahrrädern.
Seit Beginn der Pandemie sitzen wieder mehr Menschen auf Fahrrädern.

E-Bikes sind ein Verkaufsschlager. Fahrradfahren boomt seit Beginn der Corona-Pandemie. Doch hat der Aufschwung auch Nachteile: Radsportler können sich glücklich schätzen, wenn nach einem Jahr Wartezeit endlich das lang ersehnte Fahrrad oder Ersatzteil geliefert wird. Einige Clubs profitieren vom Boom. Sie haben neue Mitglieder. Doch im Verein zu helfen, kommt nicht für alle in Frage.

Ein Phänomen ist der massiv gestiegene Verkauf von E-Bikes während der Corona-Pandemie. Der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) spricht von einem Verkaufsanstieg von 43,4 Prozent im Jahr 2020 im Vergleich zu 2019. Der gesamte Fahrradbestand in Deutschland ist nach Einschätzung des ZIV 2020 auf 79,1 Millionen Stück gewachsen – darin enthalten sind etwa 7,1 Millionen E-Bikes. Im ersten Halbjahr 2021 wurde dieser Anstieg von 2020 nochmals um weitere 9,1 Prozent überboten. Michael Baum, Vorsitzender RSC Neustadt, erkennt darin einen Trend, der auch Kinder mitzieht. „Die Eltern legen sich E-Bikes zu und begeistern die Kinder so auch für das Fahrradfahren. Dadurch bekamen wir in den Coronajahren über 20 Neuzugänge im Alter von zehn bis 17 Jahren.“

Eine größere Fahrradbegeisterung nahm er besonders in den vergangenen zwei Jahren wahr. Hauptsächlich handelt es sich um Mountainbiker. So auch im RV Edelweiß Deidesheim. Dort habe es 35 neu Mitglieder gegeben, vorwiegend im Alter von 20 bis 30 Jahren. Corona und Beschränkungen habe einen „Waldbezug“ verursacht, sagt der Vorsitzende des RV Edelweiß Deidesheim, Lukas Dommert. „Viele sind gerade in den Lockdowns in den Wald gefahren. Es fühlte sich an wie auf der Autobahn. Überall sind Wanderer und Radfahrer.“

Genießertouren geplant

Nach jahrelanger Inaktivität freut Dommert sich, dass der RV Edelweiß wieder auflebt. Coronabedingt herrsche noch Unsicherheit beim Planen. Aktuell sei alles eher „spontaner Natur“. Angedacht ist Kinder- und Jugendtraining im Mountainbikefahren. Auch „Genießertouren“, schöne Ausfahrten mit anschließendem Einkehren, sind geplant. Corona habe hier jedoch alles verzögert. Aber Dommert ist guter Dinge: „Wenn sich die Situation nächstes Jahr entspannt, geht es mit Vollgas voran.“

Beim ARC Pfeil Haßloch sieht alles ganz anders aus. Hier sei „vom Boom nichts bemerkbar“, verrät der Vereinsvorsitzende Oliver Franke. Aktuell seien „70 Prozent der Vereinsmitglieder jenseits der 70“. Als Grund dafür nennt Franke das Fehlen des Nachwuchses: Das Interesse am Vereinssport lasse nach. „Kinder sind Mitglieder und die Eltern nicht“, sagt Franke. „Vor 30 Jahren war noch die ganze Familie dabei. Heute wollen die meisten einfach ihre Kinder abgeben. Die Beziehung zum Radsport ist abhanden gekommen.“ Der Fahrrad-Boom habe in Haßloch zwar einige Mountainbiker angeschwemmt. Die meisten meinten jedoch nach anfänglichem Interesse, dass sie keinen Fahrradclub brauchten.

Lieferengpässe

Jeder, der sich ein neues Fahrrad kaufen will oder dringend Ersatzteile benötigt, muss sich aktuell in nervenzerreißender Geduld üben. Wer heute ein Fahrrad bestellt, bekommt es vielleicht in einem Jahr. Diese Lieferengpässe erklärt Dommert sich so: „Die Branche konnte nicht mit diesem plötzlichen Anstieg rechnen. Dementsprechend war die Branche nicht bereit und ist gerade überlastet. Dann gab es noch Einzelfälle wie dem Stau von Schiffen im Suez-Kanal, das hat die Lieferung auch sehr verzögert.“ Franke ergänzt: „Die Rohstoffe sind knapp.“ Baum fasst es damit zusammen, dass der Markt gerade abgegrast sei.

Alle sind sich einig, dass es sich für Vereine nicht lohne, Radtourenfahrten (RTF) für jedermann anzubieten. Franke stellt fest: „Da kommen mehr Ausgaben als Einnahmen zusammen.“ Baum erklärt, dass für RTF ehrenamtliche Helfer benötigt werden: „Die ältere Generation hat das immer gerne gemacht. Heute will sich aber keiner mehr den ganzen Tag hinsetzen und die Strecke überwachen oder einen Verpflegungsstand betreuen.“ Er meint, dass Radtourenfahrten ein Sport ohne Zukunft seien.

Hoffen auf Neustadt 2022

Die Vereine setzen eher auf vereinsinterne Fahrten oder, wie Baum sagt, Straßenrennen in Neustadt oder Duttweiler, die hoffentlich bald wieder stattfinden können. Das Haßlocher Radkriterium ist im September ebenso ausgefallen wie die Neustadter im Sommer. Franke: „Die Corona-Auflagen sind zu hoch. Das lohnt sich finanziell nicht.“ Große Hoffnung aller ist ein Neustart im nächsten Jahr unter voraussichtlich besseren Bedingungen.

Franz Hieber aus Neustadt, Vorsitzender des RV Edelweiß Lustadt und RTF-Fachwart im Pfälzischen Radfahrerbund, fasst die Auswirken von Corona auf den Radsport so zusammen: An erster Stelle gebe es jetzt viel mehr E-Bike-Fahrer, hauptsächlich in der älteren Generation. An zweiter Stelle seien Mountainbikes oder Mountain-E-Bikes. Die führen vornehmlich Jüngere. An dritter Stelle, mit vergleichsweise sehr geringer Auswirkung, befänden sich die Rennradfahrer. Die seien im Schnitt 50 bis 60 Jahre alt. Gerade für E-Bike Fahrer der älteren Generation sieht Hieber ein Problem: „Ältere Menschen sind schon lange nicht mehr Rad gefahren. Beim Auto braucht man einen Führerschein. Beim Fahrrad sagt man sich einfach ,Ich steige auf und fahre’.“ Hieber erzählt schmunzelnd: „Wenn mir eine Gruppe von E-Bike-Fahrern entgegenkommt, halte ich lieber mal an und lasse sie vorbei.“

Etappenfahrten als Idee

E-Bike-Kurse böte seit zwei Jahren der Bund Deutscher Radfahrer an. Die würden jedoch nur sporadisch wahrgenommen. Hieber stellt fest: „Die Zeit der Vereine ist vorbei. Nicht nur im Radsport, sondern auch jeder Fußball- oder Leichtathletikverein weist zunehmend weniger Mitglieder auf.“ Als Grund dafür nennt er eine geänderte Mentalität, einen anderen Zeitgeist. Verein bedeute Mithelfen. „Das wollen viele nicht mehr. Lieber geht man in ein Sportstudio, zahlt den Mitgliedsbeitrag und geht dann wieder.“ Vereinen fehlten die Attraktivität und Anreize für Neumitglieder. Hiebers Idee: „Etappenfahrten über mehrere Tage sind etwas sehr Schönes. Da erlebt man Gemeinschaft, und auch kulturell kann man einiges lernen. Im Sommer wollen wir wieder vermehrt Trainingsfahrten anbieten.“

Der RTF-Fachwart ist trotz allem sehr positiv gestimmt: „Letztendlich ist es schön zu sehen, dass mehr Menschen Rad fahren. Denn was bedeutet Sport, wenn nicht Gesundheit?“ Lächelnd ergänzt er: „Ernährung und Bewegung sind das A und O.“

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