Neustadt Fünf Monate Pause sind vorbei

Neuburg/Neustadt. Entspannt sitzt Nico Müller auf der Terrasse des neuen Motorsport-Kompetenzzentrums von Audi in Neuburg an der Donau. Der junge Schweizer genießt die ersten warmen Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht. Plötzlich nimmt er eine Habtachtstellung ein. Aus der Ferne ist das Kreischen eines Rennmotors zu hören. Aufmerksam verfolgt er mit zusammengekniffenen Augen die Fahrt des DTM-Autos über die Einfahrstrecke. „Mattias ist schon wieder unterwegs“, sagt er. In seiner Stimme liegt ein wenig Enttäuschung.
„Es ist verdammt lang her, dass ich das letzte Mal mit meinem DTM-Auto gefahren bin“, sagt Müller. Beim Saisonfinale am 19. Oktober war’s in Hockenheim. Doch nun ist genug gelitten. Bereits vor Ostern durfte er auch wieder ran. Sein Rosberg-Teamkollege Jamie Green hat bereits einen Tag zuvor bei den offiziellen DTM-Testtagen in Estoril angefangen. Nico Müller gibt zu: „Es kribbelt schon gewaltig.“ Fünf Monate Pause – das klingt nach einem Traumjob. Ganz ohne Arbeit war der Werksfahrer nicht. Immer wieder war der junge Mann zu PR-Terminen eingeteilt. Vor Schülern referierte er mehrmals über seinen Job, in Zeitungsredaktionen warb er für die DTM. Und damit er nicht ganz aus der Fahrpraxis kommt, war er noch in zwei Entwicklungsprojekte eingespannt. Mit den Motorsport-Ingenieuren optimierte er den Audi TTS, der die Basis für den in diesem Jahr neuen Nachwuchs-Markenpokal TT-Cup ist. Teil zwei war die Entwicklung des Kundensportrennwagens R8 LMS. „Da bin ich ein wenig zum Fahren gekommen“, erzählt Müller. „Man muss jeden Kilometer mitnehmen, den man bekommt.“ Auch auf anderem Terrain konnte Müller nicht die Kilometer sammeln, wie er es gerne getan hätte. Denn sein Hobby Skilanglaufen ging wegen des relativ kurzen Winters nur bedingt. So trainierte er seine Ausdauer mit Joggen und Radfahren. Und Kajakfahren. „Ich wohne in der Nähe vom Thunersee, da geht das klasse“, sagt Nico Müller und fügt noch an: „Aber auch auf der Aare kann man toll fahren.“ Auf eine umfassende körperliche Fitness legt nicht nur Müller persönlich großen Wert. Auch sein Arbeitgeber Audi. Deshalb hatten die Ingolstädter alle Werksfahrer Ende Februar zu einer Fitnesswoche ins Allgäu gebeten. Nicht nur in solch einer Woche werden immer wieder neue Möglichkeiten der Betätigung ausprobiert. Vor Jahren wurde „Life Kinetik“ zur Schulung der Koordination und Konzentration vorgestellt. Dieses Jonglieren mit Lederbällen hat Nico Müller so gut gefallen, dass er sich vor jedem Rennen damit aufwärmt. Selbstverständlich gehört auch regelmäßiges Krafttraining zum Übungsprogramm. Vor allem für den Hals und Nacken, damit die Muskulatur den Kopf bei den hohen Fliehkräften immer in Position halten kann. Doch das Training ist wohl dosiert. „Wir dürfen nicht zu viel Masse aufbauen“, sagt Müller. Wie beim Konstruieren des Autos kommt es auf den Kompromiss an: Kräftig, aber nicht zu schwer soll’s sein. Seine zweite DTM-Saison geht Nico Müller mit viel Zuversicht an. „Ich kenne die Abläufe, kenne meinen Ingenieur und kenne alle Rennstrecken“, sagt er. Rosberg-Teamchef Arno Zensen freut sich auf das zweite Jahr mit dem Schweizer. „Nico hat im vergangenen Jahr einen guten Job gemacht, vom Speed her hat’s gepasst bei ihm.“ Und fragt dann provokativ: „Er hat bei uns gelernt. Soll er jetzt für andere die Erfolge einfahren?“ Nein, das soll er schon für das Neustadter Team machen, gemeinsam mit Jamie Green. „Unsere Analyse hat gezeigt, dass Jamie von der Performance her der schnellste Audi-Pilot war“, sagt Arno Zensen. Ein Genickschlag sei das zweite Rennen in Oschersleben gewesen, als nämlich Jamie Green in Führung liegend von einem Safetycar ausgebremst worden war. Nico Müller will nicht nur in der DTM den nächsten Schritt machen und mindestens einmal auf dem Podium stehen. Nachdem er bereits im Winter in die Entwicklung des R8 LMS involviert war, darf er diesen Sportwagen auch im Sommer fahren. Bei den 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring und in Spa. In der Eifel und den Ardennen kommt Nico Müller garantiert viel zum Fahren.