Über den Kirchturm hinaus Erst hinterher klüger sein: Ist das zu spät?

Gerd Rieger
Gerd Rieger

Wie die alten Propheten diese Frage beantwortet haben.

„Hinterher ist man immer klüger.“ Das war ein Lieblingssatz meiner Oma. Man hörte ihn immer, wenn einer aus der Familie entschieden hatte, etwas zu tun oder zu lassen – und es dann schief gegangen war.

Gerade neulich musste ich an meine Oma denken, nachdem ich einen Satz Reifen meines alten Autos verkauft hatte und kurz darauf jemand anrief und mir einen erheblich besseren Preis bot. Vielleicht mussten auch die Verantwortlichen des FC Bayern München an diesen Satz denken, als sie den Trainer gewechselt hatten und dann nach Saisonende mit nur einem Titel dastanden.

Kleine und große Sorgen

Sicher sind das Kleinigkeiten angesichts der Sorgen um unseren Planeten und die Menschheit. Katastrophen werden vorausgesagt, und sie haben spürbar bereits begonnen. Die große Sorge ist, dass wir auch dieses Mal wieder erst hinterher klüger sein werden. Es geht um alles.

„Hinterher ist man immer klüger. Ist das zu spät?“ Die Prophetenschriften des Alten Testaments sind heute wesentliche Bestandteile der Bibel. Am nächsten Sonntag ist der Predigttext ein kleiner Abschnitt des Buches Jesaja. In ihrer Zeit waren die Propheten ungeliebte Randfiguren. Mit ihrer Sicht der Dinge waren sie nicht gesellschaftsfähig und nicht konsenstauglich. Sie sprachen mit mahnender Stimme von Gott und der Zukunft und sie hatten die Sorglosigkeit der Menschen satt.

Ein großes „Nein“

„Hinterher ist man immer klüger. Ist das zu spät?“ So eigenartig das klingen mag, aus den Prophetenschriften hören wir als Antwort auf diese Frage ein großes „Nein“. Gott, so sagen sie, tut Neues, Unerwartetes und möglicherweise Unbekanntes. Er mutet den Menschen und der Welt tiefgreifende Veränderungen zu, auf die niemand vorbereitet ist.

Die Botschaft der alten Propheten ist damit mehr als modern. Sie zum Lieblingssatz meiner Oma zu bemühen, soll auf keinen Fall heißen, dass wir im Blick auf unseren Planeten und die Menschheit etwas – und in Zukunft noch viel mehr – tun müssen. Sie hilft mir und wahrscheinlich auch den Verantwortlichen eines Bundesligisten nur mäßig, mit ihrer Entscheidung zu leben. Aber es hilft uns allen, auch angesichts aller Bedrohungen, fröhlich zu leben, nicht eingeschüchtert und panisch, sondern mutig zu handeln. Und dabei neue, tiefgreifende Veränderungen auch persönlich anzunehmen. Das Leben damals und auch in heutigen Zeiten ist nicht für Feiglinge.

Der Autor

Gerd Rieger, Gemeindediakon im protestantischen Kirchenbezirk Neustadt

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