Deidesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Erst ausgeraubt, dann umgebracht – vor 80 Jahren wurde das ehemalige Deidesheimer Stadtratsmitglied Oswald Hugo Feis von den Nazis ermordet

Oswald Hugo Feis im März 1939, bereits schwer gezeichnet von seiner Krankheit und den Demütigungen, die er in Deidesheim erfahre
Oswald Hugo Feis im März 1939, bereits schwer gezeichnet von seiner Krankheit und den Demütigungen, die er in Deidesheim erfahren musste. Bei der »Judenaktion« 1938 wurde er gezwungen, auf der Straße Klavier zu spielen – nachdem eine Meute seine Wohnung demoliert hatte.

Am Sonntag vor 80 Jahren, am 20. September 1940, wurde der angesehene jüdische Weinhändler Oswald Hugo Feis aus Deidesheim von den Nationalsozialisten ermordet – bei einer Aktion zur „Arisierung der deutschen Irrenanstalten“. Der Deidesheimer Historiker Berthold Schnabel hat dazu viele neue Details zusammengetragen und spricht von einer „Generalprobe für die Shoah“.

Mit Oswald Feis und dessen Bruder Richard und damit, wie unglaublich infam in der NS-Zeit mit diesen beiden alten Männern umgegangen wurde, beschäftigt sich Berthold Schnabel bereits seit langem. Mit einem Aufsatz, der im kommenden Jahr in der Zeitschrift „Pfälzer Heimat“ erscheinen soll, möchte der 77-Jährige seine Forschungen jetzt zusammenfassen.

Im Stadtarchiv Deidesheim, das heute im Landesarchiv in Speyer verwahrt wird, war er schon vor Jahrzehnten auf ein Aktenbündel über die „Anstaltsfürsorge Oswald Hugo Feis“ gestoßen, das sofort seine Aufmerksamkeit erregte. Denn Feis war nicht irgendwer, sondern als Weinhändler mit Anwesen direkt am Marktplatz und langjähriges Mitglied des Stadtrats einer der angesehensten Bürger Deidesheims – zumindest bis die Nazis an die Macht kamen, ihn wirtschaftlich ruinierten, bei der sogenannten „Judenaktion“ am 10. November 1938 aufs Übelste demütigten und misshandelten und schließlich am 20. September 1940 kaltblütig ermordeten – mit Gas übrigens, einer Tötungsmethode, die sich damals noch gleichsam in der „Experimentierphase“ befand.

Die Nazis waren scharf auf den Besitz der Brüder

Wie Schnabel den Akten entnehmen konnte, litt der 1872 geborene Feis schon etwa seit 1930/31 an „Paralysis agitans“, was man am besten mit Parkinson übersetzen kann, sowie an Darmblutungen. Er war laut ärztlichem Gutachten „fast hilflos“ – ein Pflegefall. Zu seinem körperlichen Verfall mag neben den antisemitischen Anfeindungen, denen er von 1933 an ausgesetzt war, auch der Umstand beigetragen haben, dass sein jüngerer Bruder Richard, der infolge einer Syphilis-Erkrankungen psychische Störungen aufwies, ihn mit Hass überzog. Die beiden Brüder lebten verfeindet nebeneinander in den Häusern Marktplatz 5 und 7.

Auf diese Anwesen und weitere Besitztümer der Feis-Brüder hatten allerdings auch die Nazis ein Auge geworfen. So verkündete der NSDAP-Kreisleiter Hieronymus Merckle am 29. März 1939 die öffentliche Anordnung, „daß die beiden anstaltspflegebedürtigen Juden Feis in einer Anstalt untergebracht werden“. Nur zwei Tage später wurden Oswald und Richard Feis von einem städtischen Vollzugsbeamten in die Kreis-Heil- und Pflegeanstalt nach Frankenthal gebracht. „Heutzutage würde man niemanden mit Parkinson in eine Anstalt stecken“, sagt Schnabel, doch damals konnte es den Behörden nicht schnell genug gehen, die unliebsamen Mitbürger loszuwerden. Längst vergessen war da, dass die Familie Feis schon seit dem 18. Jahrhundert in der Stadt beheimatet war und auch dass Oswald Hugo Feis von 1905 bis zu seinem erzwungenen Rücktritt im März 1933 ununterbrochen dem Deidesheimer Stadtrat angehört hatte und vielfach als Wohltäter in Erscheinung getreten war. Auch die Stiftung der bis heute populären „Feis’schen Madonna“ in der Stadtpfarrkirche ist mit seinem Namen verbunden.

„Viele freuten sich auf das Baden“, so eine Pflegerin

Den weiteren Leidensweg des alten Herrn, der erhaltenen Briefen zufolge noch sehr klar im Kopf war, hat Berthold Schnabel sehr genau rekonstruiert: Feis wurde bei Kriegsbeginn im September 1939 mit 49 weiteren Kranken von Frankenthal nach Ansbach verlegt und von dort im September 1940 in eine Sammelanstalt für jüdische Pfleglinge aus ganz Bayern nach Eglfing-Haar bei München. Diese Maßnahme stehe, so Schnabel, im Zusammenhang mit einem wenig bekannten Kapitel nationalsozialistischer Verbrechen, der 1940 vollzogenen „Arisierung aller öffentlichen deutschen Irrenanstalten“.

Diese Aktion zeugt nicht nur von der Menschenverachtung, sondern einmal mehr auch auf vom bürokratischen Irrsinn des NS-Regimes: Denn obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits die sogenannte „T4-Aktion“ angelaufen war, die von der Berliner Tiergartenstraße 4 aus organisierte Ermordung aller Insassen von Heil- und Pflegeanstalten, wurde noch einmal eigens die Aussonderung der jüdischen Patienten vorangetrieben. Schnabel zitiert die Zeugenaussage eines Pflegers aus der Nachkriegszeit, wie unwürdig die Kranken in Eglfing-Haar behandelt wurden: Ihre Koffer durften sie nicht mehr auspacken, dafür drehte die „Tobis“ noch schnell einen Propaganda-Film mit den sogenannten „Schwachsinnigen“.

Für die eigentliche Tötungsaktion verfrachtete man sie dann nochmals in einen Zug und brachte sie nach Schloss Hartheim bei Linz. Dort wurden sie am 20. September 1940 vergast – in einer als Brausebad getarnten Gaskammer. „Viele freuten sich auf das Baden, auch wenn sie sonst nichts erfassten“, schilderte später eine Pflegerin. Unter den an diesem Tag Ermordeten war neben Oswald Feis noch ein weiteres Opfer aus unserer Region: ein Emil Lehmann aus Meckenheim. Für den siebentägigen Aufenthalt von Oswald Feis in Eglfing-Haar stellte die Anstalt der Stadt Deidesheim ganz akkurat eine Rechnung über 29,60 Reichsmark aus.

Die Mordaktion unterlag strengster Geheimhaltung

Dieses und weitere Schriftstücke aus der Feis’schen Anstaltsfürsorgeakte stehen für ein geradezu absurd anmutendes bürokratisches Nachspiel des Mordes, das Schnabel ebenfalls aufgearbeitet hat. Wie so oft ging es dabei ums Geld. Die Pflegekosten für Oswald Feis hatte bis zu diesem Zeitpunkt nämlich die Stadt Deidesheim vorstrecken müssen – unwillig und immer in der Erwartung, diese irgendwann aus dem enteigneten Feis’schen Vermögen zurückzuerhalten. Der Deidesheimer Bürgermeister Friedrich Eckel-Sellmeyr, übrigens ein alter Fraktionskollege von Oswald Feis, unternahm deshalb zahlreiche Versuche, den Aufenthaltsort des früheren Stadtratskollegen zu ermitteln, um irgendwie an Geld zu kommen – auch noch nach dessen Tod, denn die Mordaktion in Oberösterreich unterlag strengster Geheimhaltung.

Der Bürgermeister wurde einfach angelogen

Erst am 25. Februar 1941 erreichte ihn ein Schreiben einer „Irrenanstalt Chelm“ im von den Deutschen besetzten Polen, in dem ihm mitgeteilt wurde, der „Patient Oswald Hugo Israel Feis“ sei „vor einiger Zeit“ in diese Anstalt verlegt worden und hier am 20. Januar 1941 verstorben. „Der wurde einfach angelogen“, kommentiert Berthold Schnabel diesen Vorgang, denn in Chelm gab es zu diesem Zeitpunkt überhaupt keine Pflegeanstalt mehr. Deren (polnische) Insassen hatte die SS bereits im Januar 1940 massakriert. Die unerreichbar im Generalgouvernement gelegene ehemalige Anstalt diente den Organisatoren der Mordaktion nun dazu, den T4-Vorgang formal abzuschließen. Die in Berlin vorgefertigten Schreiben wurde dafür eigens zu einer Poststelle in Lublin geschickt. Praktischer Nebeneffekt: Die „Reichsvereinigung der Juden“, der man inzwischen die Kosten der jüdischen Wohlfahrtspflege aufs Auge gedrückt hatte, konnte so weiter geschröpft werden – für den angeblich 122-tägigen Aufenthalt von Feis in Chelm hatte sie 431 Reichsmark zu zahlen. Die Stadt Deidesheim wiederum erhielt schließlich immerhin 84,12 Prozent ihrer Auslagen in Höhe von 1254 Reichsmark und 44 Pfennigen für ihren ehemaligen Bürger zurück. Eckel-Sellmeyr bestätigte den Eingang am 15. Januar 1943.

Der erste Schritt zur Shoah

Berthold Schnabel, der sich als ehemaliger Lehrer schon seit vielen Jahren mit Themen zur regionalen NS-Geschichte befasst, ordnet die Ermordung der jüdischen Anstaltsinsassen als ersten Schritt zur Shoah ein, der schlussendlich sechs Millionen Jüdinnen und Juden aus ganz Europa zum Opfer fielen. Denn die bei dieser besonderen T4-Aktion erprobten Mittel mit stationären Gaskammern kamen dann auch in der Vernichtungslagern zum Einsatz. Und auch personelle Kontinuitäten gebe es, denn viele der T4-Angestellten finde man später in KZs wie Belzec, Sobibor oder Treblinka wieder. Oswalds Bruder Richard starb übrigens bereits am 10. November 1939 im Alten- und Pflegeheim der Evangelischen Landeskirche in Rockenhausen – offenbar eines natürlichen Todes, wenn man davon angesichts der allgemeinen Umstände denn sprechen will.

Termin

Zur Erinnerung an Oswald Hugo Feis und seinen Bruder Richard wird am Montag, 5. Oktober, um 17.30 Uhr vor der ehemaligen Synagoge in der Bahnhofstraße in Deidesheim eine Gedenktafel enthüllt. Wie bereits 2013 vom Deidesheimer Stadtrat beschlossen, trägt der Vorplatz vor dem Gebäude von diesem Zeitpunkt an offiziell den Namen Oswald-Hugo-Feis-Hof.
Post an den Deidesheimer Bürgermeister von der fiktiven Irrenanstalt Chelm: Gestorben ist Oswald Feis allerdings nicht am 20. Ja
Post an den Deidesheimer Bürgermeister von der fiktiven Irrenanstalt Chelm: Gestorben ist Oswald Feis allerdings nicht am 20. Januar 1941 im besetzten Polen, sondern bereits am 20. September 1940 in Oberösterreich – und zwar unter Einsatz von Gas.
Der Deidesheimer Historiker Berthold Schnabel will seine Erkenntnisse über Oswald Hugo Feis als Opfer der „Arisierung aller öffe
Der Deidesheimer Historiker Berthold Schnabel will seine Erkenntnisse über Oswald Hugo Feis als Opfer der »Arisierung aller öffentlichen deutschen Irrenanstalten« 2021 in der »Pfälzer Heimat« veröffentlichen.
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