Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Energiewende: „Man kann niemanden zu seinem Glück zwingen“

Die Experten in Neustadt waren sich einig: Nicht in allen Häusern und Konstellationen sei es sinnvoll, eine Wärmepumpe einzubaue
Die Experten in Neustadt waren sich einig: Nicht in allen Häusern und Konstellationen sei es sinnvoll, eine Wärmepumpe einzubauen; jedes Objekt müsse individuell beurteilt werden.

Wie steht es in Neustadt um die Energiewende, welche Fragen plagen die Bürger? Die Grünen luden zu einer Gesprächsrunde und berichteten Aufsehenerregendes aus dem Landtag.

Der kleine Junge, in Erwachsenenbegleitung, krabbelt, als ihm langweilig wird, zwischen den Stühlen im Gewölbekeller des Hotels Palatina herum, aber keineswegs, um sich zu verstecken, sondern, um sich lautstark bemerkbar zu machen. Das ist symbolträchtig. Seine Generation wird damit zurechtkommen müssen, was jetzt in Sachen Energiewende und Klimaschutz angepackt wird. Und was nicht.

Die Grünen hatten eingeladen zur Dialogveranstaltung „Energiewende und Klimaschutz aus Perspektive der Bürger*innen“; der Gewölbekeller ist kühl, aber draußen zeigte das Thermometer am Nachmittag 38 Grad. Die Stuhlreihen im Auditorium sind quantitativ und qualitativ ebenso gut bestückt wie das Expertenpodium mit Waltraud Blarr, städtische Beigeordnete, Fabian Ehmann, klimapolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, Carsten Wenzel, Energieberater, Dirk Schrader, Grünen-Direktkandidat für die Landtagswahl im März 2026 und Frank Hartmann, Geschäftsführer der Firma Bügler Haustechnik. Fazit nach mehr als zweistündiger angeregter Debatte: Es ist fünf nach zwölf, aber manche in der Politik wollen offenbar abwiegeln. Technisch ist (fast) alles lösbar. Geld ist wichtig, aber wichtiger sind Kommunikation und guter Wille bei allen Beteiligten.

Mieter und Vermieter mit Fragen

Zwischen Hoffen und Bangen schwebt die konkrete Situation in Neustadt. Bis 2030 sollen zwei Drittel allen Stroms aus regenerativer Energie stammen. Größter Hoffnungsträger: die 26 Hektar umfassende Freiflächenphotovoltaik-Anlage „Benzenloch“. Windräder? Nicht in Aussicht. Über diese politisch-strategischen Aspekte wird nicht gesprochen an diesem Abend, den Bürgerinnen und Bürgern brennt Konkreteres unter den Nägeln. „Ich bin Mieter, was kann ich tun?“, fragt jemand. Ganz schwierig werde es in Mehrfamilienhäusern, denkmalgeschützt mit lauter Gas-Einzelthermen. „Es gibt noch zu wenig Hebel für Mieter“, bekennt Energieberater Wenzel.

„Ich bin Vermieter“, meldet sich ein Zuhörer. „Vermieten ist kein Spaß, sondern Geben und Nehmen.“ Er wisse aber gar nicht, wie er investieren solle, „bei all den Wendungen in der Politik, die macht da ein ganz schlechtes Bild, auch die Grünen.“ Wärmepumpen würden Pflicht, habe es vor einiger Zeit geheißen. „Warum gibt es kein eindeutiges Konzept?“

Eine Pflicht zur Wärmepumpe habe es nie gegeben, entgegnet der Grünen-Landtagsabgeordnete Ehmann und beklagt vehement: „Es gibt politische Akteure von Rechts und von Rechtsaußen, die dem Klimaschutz bewusst schaden wollen.“ Klimaschutz habe nicht mehr das Ansehen wie früher, „es gibt Lobbyisten und Politiker vor allem von Rechtsaußen, die verbreiten: Klimaschutz kostet Jobs.“ Im Landtag habe es bei der Beratung des neuen rheinland-pfälzischen Klimaschutzprozesses „krasse und aggressive Debatten“ gegeben, wie er sie noch nie erlebt habe, „Angriffe, die das Gesetzgebungsverfahren torpedieren wollten.“ Als Erfolge der Grünen, seit 2011 in der Landesregierung, stellt Ehmann nicht zuletzt das Fördermittelprogramm Kipki in den Vordergrund, „240 Millionen Euro für 1250 Einzelmaßnahmen in Kommunen, nicht zuletzt für energetische Sanierungen in Kitas und Schulen.“

Bauliche Konstellationen geben Ausschlag

Wegen der Klimakrise sei eine schnelle und strikte Energiewende – weg von Gas und Öl, hin zu regenerativen Energiequellen – unerlässlich, da sind sich Auditorium und Experten einig. Aber der Teufel steckt im Detail. „Kann man mit gutem Gewissen jetzt noch eine Gasheizung einbauen?“ fragt jemand aus der Zuhörerschaft. Frank Hartmann, Experte in Technik, Handwerk und Verkauf, antwortet: „Ich berate. Ich sage den Leuten, der Kohlendioxid-Ausstoß muss verringert werden und Gas wird immer teurer werden.“ Aber, so Hartmann: „Man kann niemandem zu seinem Glück zwingen.“ Bei manchen baulichen Konstellationen sei es allerdings tatsächlich schwierig, beispielsweise auf Wärmepumpe umzustellen. Energieberater Carsten Wenzel unterstreicht öfter an diesem Abend, dass jedes Objekt individuell beurteilt werden müsse.

Erfreulich zu hören, dass weder bei ihm noch bei Hartmann ein werblicher Zungenschlag aufkommt à la: Beauftragt mich, ich bin der Beste. Vielmehr verfestigt sich beim Zuhören der Eindruck: Mit optimaler Beratung und Information, durch wen auch immer, steht und fällt jedes Projekt. Die Beigeordnete Waltraud Blarr bestätigt das an einem Beispiel, dem Haus ihrer Mutter. „Die Heizung war 40 Jahre alt, der Schornsteinfeger saß uns im Nacken.“ Dann eine Beratung, wie zu dämmen sei, „und siehe da: auch für eine 80-jährige Immobilie kann die Wärmepumpe die richtige Lösung sein.“

Ohnehin zeichnen sich beim Thema Wärmepumpe, so der Eindruck der Diskussionen, schon in naher Zukunft gravierende neue technische Möglichkeiten ab. „Wenn Immobilien nicht bestmöglich saniert sind, werden sie zukünftig massiv an Wert verlieren“, lautet der ergänzende Hinweis aus dem Publikum. Andererseits sei nicht zu leugnen: „Nicht jeder Immobilien-Eigentümer hat das Geld, umfassend zu investieren.“ Hartmann und Wenzel relativieren: Es müsse ja nicht immer gleich um 200.000 Euro gehen. „Bei Mehrfamilienhäusern gibt es Reichere und Ärmere, aber die einen könnten den anderen zum Beispiel auch private Kredite einräumen“, so Stimmen aus dem Publikum. Das setze allerdings optimale Kommunikation voraus. „Die ist immer die größte Herausforderung.“

x