Neustadt Eine „lieblose Komödie“

Neustadt. Eine „lieblose Komödie“ nannte Stefan Zweig den „Volpone“ von Ben Jonson, den er 1926 für modernere Zeiten bearbeitet hatte – schließlich war das Stück schon 1606 in London uraufgeführt worden. Liebe spielt auch keine Rolle, boshaft und zynisch geht es zu in dem Stück, das das Dramatische Hoftheater am Samstag auf die Bühne des Herrenhofs gebracht hat.
Volpone, „Fuchs“, heißt ein reicher levantinischer Kaufmann in Venedig, aber Markus Mohr spielt ihn eher wie den bösen Wolf in Grimms Märchen. In langen Unterhosen und Nachthemd im Bett liegend spielt er seinen Freunden, wenn man sie so nennen darf, mit verstellter, schwacher Stimme, den armen Todkranken vor, um, sobald sie aus der Tür sind, in raubtierhaftes Gelächter auszubrechen und neue Intrigen zu spinnen, wie er ihr Geld an sich bringen kann. Er kennt nur eine Lust: „Gold, Gold, du meine Sonne“. Entsprechend ertönt statt eines Klopfens an der Tür jeweils eine Registrierkasse, und der Song „Money, money“ ist eine Art wiederkehrendes Leitmotiv. Mitleid muss der Zuschauer für die Freunde nicht empfinden, sie sind genauso geldgierig und skrupellos wie er, nur nicht so schlau. Alle Figuren der Komödie tragen Tiernamen aus der italienischen Commedia dell′Arte als Hinweis auf ihren Charakter. Da ist der Notarius Voltore „Geier“ (Alfred Stengel), der das Testament ausarbeitet und den Einflüsterungen Volpones, er werde seinen Namen als den des Alleinerben einsetzen, nur zu gerne auf den Leim geht und ihm goldene Becher schenkt, um den guten Willen Volpones ein wenig zu unterstützen. Alfred Stengel spielt ihn möglichst geierhaft, auf dem schwarzen Mantel sitzt ein weißer Pelzkragen wie die Halskrause des Geiers, und beim Gehen ruckt er mit dem langen mageren Hals aus diesem Kragen heraus. Der uralte Wucherer Corbaccio („Rabe“), der immer wieder leise schnarchend auf seinen Stock gestützt einschläft, ist bereit, seinen Sohn Leone, den „Löwen“, zu enterben und Volpone als Erben einzusetzen, wenn im Gegenzug dieser ihn zum Alleinerben macht – schließlich glaubt er, ihn zu überleben. Der brutale, cholerische Kaufmann Corvino „Krähe“ (Guntram Raquet) gar schickt trotz Eifersucht seine naive junge Ehefrau Colomba („Taube“) ins Schlafzimmer Volpones als Preis für das Erbe – eine Paraderolle für Christina Jacobs, die abwechselnd als uralter Corbaccio auf den Stock gestützt leise schnarchend mitten im Wort einschläft oder als lispelnde Colomba wie eine Sirene losheult, sobald sich ein Mann nähert. Dann wäre dann noch die kleine Hure Canina („Hündchen“) in einem schwarz-weißen Jäckchen im Dalmatinerlook mit Netzstrümpfen, Gefährtin glücklicher Stunden, die Volpone als reichen Ehemann begehrt – und ihm den „Berufsunfall“, mit dem sie schwanger ist, unterschieben will. Alle Fäden in der Hand hält Mosca („Schmeißfliege“), loyale Dienerin (wenn auch nicht freiwillig, wie man erfährt) und Meisterin des Intrigenspiels. Volpone segelt erst in den Untergang, als er beginnt, sich selbst zu überschätzen und sich für schlauer als sie hält. Debora Thomas-Chmielus erbringt als Mosca eine große Leistung, nicht nur, weil sie nahezu in jeder Szene mit viel Text präsent ist, sondern weil sie den Balanceakt meistert, als überlegene, durchaus auf den eigenen Profit schauende Intrigantin, der es aber dann zu viel des Bösen wird. Sie lässt ihn in die Grube fallen, die er den anderen gegraben hat, und verteilt den Gewinn. Frauen, so scheint′s, sind eben doch die besseren Ränkeschmiede. Zusätzlich gewürzt wird das Stück mit viel Situationskomik und ironischen Brüchen, wenn etwa die Schauspieler in einer Szene vor der Pause die Regieanweisungen aussprechen und gar das gelbe Reclamheftchen zücken, um den Mitspielern nachzuweisen, wie der Text lautet. Die Gerichtsszene gerät zum lauten Spektakel, vorher wurden die jeweiligen Zeugen, wie Marionetten an Schnüren hängend, instruiert. Markus Mohr inszenierte das Stück als eine Art märchenhafte Fabel, und die quietschbunten Kostümierungen erzeugen mit wenig Mitteln viel Effekt. Die Zuschauer im nahezu vollbesetzten Saal zeigten mit reichlich Beifall, dass die Komödie des Zeitgenossen Shakespeares auch heute noch ihre Wirkung hat.