Deidesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Krimi oder doch mehr? Wolfgang Bachmanns neuester Roman ist erschienen

Eine zerstückelte Frauenleiche in einem Gelben Sack liefert den Einstieg zu Wolfgang Bachmanns neuestem Roman, doch ist der Mord
Eine zerstückelte Frauenleiche in einem Gelben Sack liefert den Einstieg zu Wolfgang Bachmanns neuestem Roman, doch ist der Mord nur der Hintergrund für eine Geschichte um einen unglücklichen Schriftsteller.

Architektur und Literatur, das sind die beiden tragenden Säulen in Wolfgang Bachmanns Schaffen – wobei der in Deidesheim lebende Architekturkritiker im Bereich der Belletristik seit 2019 eine erstaunliche Schlagzahl bei seinen Publikationen an den Tag legt. Der neueste Wurf mit dem Titel „Schroeder schreibt … fast ein Krimi“ ist Anfang des Jahres erschienen und spielt sogar in Neustadt.

Ein grausiger Mord, Schreiben und Glaube, Alter und späte Liebe – das sind die Themen, die Wolfgang Bachmann in seinem dritten Roman „Schroeder schreibt … fast ein Krimi“ mit viel Lokalkolorit und hintergründigem Humor miteinander verbindet. Spannend ist schon der Einstieg: Im Prolog wird in gelben Plastiksäcken die zerstückelte Leiche einer jungen Frau entdeckt. Wer ist zu einer solch bestialischen Untat fähig? Der Leser startet also aufgewühlt in die weitere Geschichte, die dann aber zunächst völlig harmlos in ein Neustadter Gartenlokal führt, wo der Protagonist, Dr. Tilman Schroeder, mit zwei jungen Mädchen sitzt.

Eine zerstückelte Leiche neben der Königsbacher Kirche

In seinem Notizbuch, das der Redakteur im Ruhestand kurz auf dem Tisch liegen lässt, findet er später den schmeichelhaften Eintrag „Ich finde Sie süß. Alma“. Bevor die Story Fahrt aufnimmt, schildert Bachmann detailliert die Persönlichkeit dieses 70-jährigen Mannes, der bis zu seinem Ruhestand Leitender Redakteur der Ludwigshafener Zeitung „Rhein-Echo“ (nicht RHEINPFALZ!) war. Für ihn, dessen Hauptthemen Kultur, Architektur und Gesellschaft sind, ist das Schreiben die zweite Wirklichkeit, ein „utopischer Raum“. Parallelen zu Martin Walser, Uwe Timm und anderen prominenten Schriftsteller/innen stellt Bachmann in seinem Roman immer wieder her.

Der Protagonist, ein überzeugter, kritischer Katholik, glaubt fest daran, dass Gott einen Plan für ihn habe, „damit er zum Schönen und Guten beitrage“. Im Privatleben ist er aber weniger erfolgreich, seine Ehe zerbrach, er lebt als Single, befreundet mit der Architektin Helen. Auf seine physische Stabilität achtend, fährt er von seinem Wohnort Gimmeldingen aus täglich Rad. Bei einer dieser Touren sieht er vor der Königsbacher Kirche Polizei bei einem Müllauto, das Gelbe Säcke einsammeln soll. Dann der Schock beim Lesen der Zeitung: Alma B., offenbar das hübsche Mädchen aus dem Gartenlokal, wurde das Opfer einer grausigen Bluttat!

Auch Malu Dreyer hat im Buch ihren Auftritt

Bachmann schildert detailliert die Gefühle des Protagonisten, der sich nicht scheut, Almas Schicksal mit der Kreuzigung Christi zu vergleichen. Zudem erinnert Schroeder sich an eine eigene grausame Tat, als er als Achtjähriger einen Freund misshandelte. Heute ist er überzeugt, dass es zur „Kondition des Menschseins“ gehöre, anderen Schmerz zuzufügen. Als er in dem Fall weiter nachforscht und in seiner Redaktion nach dem Nachnamen von Alma B. fragt, erhält er nur ausweichende Antworten. Er vermutet aber, dass der reiche „Prozess-Berckel“ der Vater ist, Mitglied einer (fiktiven) rechtsextremen Partei namens NfD, der die Zeitung immer wieder mit Prozessen bedroht.

Hier im zehnten Kapitel gewinnt der Roman nun eine politische Dimension. Berckel hatte gegen Ministerpräsidentin Malu Dreyer wegen ihrer Erkrankung an Multipler Sklerose gehetzt und den Nazi-Begriff „lebensunwertes Leben“ gebraucht. Hier zieht Bachmann Parallelen zwischen Berckel und Gauleiter Josef Bürckel, der in der Neustadter Villa Böhm residierte und für die Massendeportation jüdischer Bürger verantwortlich war. Damit reißt der Autor das Thema „Aufarbeitung der NS-Vergangenheit“ an, das in Schroeders Schulzeit ein Tabuthema war – und in Bachmanns eigener auch, wie der Autor im Gespräch bestätigt.

Ein Leben ohne Schreiben ist für Held wie Autor undenkbar

Schroeder selbst gerät nach dem Mord dann sogar unter Tatverdacht und in eine persönliche Krise. Wie in einem Film sieht er Szenen der Bluttat und malt sich ein verheerendes Szenario aus. Nach diesen höchst packenden Passagen flacht der Roman etwas ab, als Bachmann lange Betrachtungen über das Alter und hypochondrische Anwandlungen des Protagonisten einstreut. Dieser gerät in eine weitere Krise, als der katholische Pfarrer Blaumer den in Auftrag gegebenen Text über Schroeders religiöse Einstellung zur Kirche mit der Begründung ablehnt, dies sei der Gemeinde nicht zuzumuten. Es sind ziemlich schräge Reflexionen über die Eucharistie, im Roman unter dem Titel „Dies ist mein Leib“ abgedruckt. Da für Schroeder das Schreiben überlebenswichtig ist, denkt er weiter über einen großen Roman nach und betrachtet all seine bisherigen Texte als Vorstufe, als „Prolegomena“.

Ein Roman beruht immer auf erlebten Details“

Zur Überwindung seines Tiefs verfasst er – Baukunst darf in einem Roman des Architekten Bachmann schließlich nicht fehlen – einen Text über ein von seiner Freundin Helen erbautes Haus in Freinsheim. Ein voller Erfolg, nach dem sich für beide ein Happy End anbahnt. Doch dann nimmt die Handlung noch einmal eine kuriose Wendung, die hier nicht verraten werden soll. Jedoch bleibt der Leser, der den Fast-Krimi vielleicht im Stillen doch als Krimi aufgefasst hat, etwas unbefriedigt zurück.

„Schroeder schreibt ... fast ein Krimi“ ist Wolfgang Bachmanns dritter Roman nach der Satire „Alles Geier!“ (2019) und dem Kriminalroman „Berührungspunkte“ (2020) und soll nicht der letzte sein. Ähnlich wie für seinen Protagonisten Schroeder, mit dem er auch fast das Alter teilt, ist ein Leben ohne Schreiben für den Wahl-Deidesheimer, der als Chefredakteur und später Herausgeber der im Callwey-Verlag erscheinenden Fachzeitschrift „Baumeister“ von 1991 an eine der maßgeblichen Stimmen der deutschen Architekturkritik war, nicht denkbar. Aktuell arbeitet er bereits wieder an einer Fortsetzung des ebenfalls in der Pfalz lokalisierten Kriminalromans „Berührungspunkte“. Auf die Frage, ob er Schroeder als sein Alter ego verstehe, verweist er lachend auf ein Gespräch Martin Walsers mit seinem Sohn Jakob Augstein: „Ein Roman beruht auf erlebten Details ... Man kann nicht die Handlungsweise von Personen erklären, wenn man es nicht selbst erlebt hat.“

Zwei weitere Bücher folgen bis zum Februar

Bachmanns Fast-Krimi wird übrigens von zwei weiteren Veröffentlichungen aus dem Bereich Architektur flankiert, die ebenfalls in Kürze erscheinen sollen: ein Kolumnenbuch mit dem Titel „Draußen – 70 Beobachtungen vor Tür und Angel“, das sich mit dem beschäftigt, was in Stadt und Land mit dem sogenannten Freiraum geschieht, wenn kein Gebäude darauf gestellt wird, und der im Callwey-Verlag erscheinende Bildband „100 Traumhäuser“, der die 100 schönsten Einfamilienhäuser der letzten Jahre aus Deutschland, Österreich und der Schweiz versammelt.Foto: Dechau

LESEZEICHEN

Wolfgang Bachmann: „Schroeder schreibt ... fast ein Krimi“. Edition Staub im Skript-Verlag, Paperback. 196 Seiten, 12 Euro.

„Schroeder schreibt ... fast ein Krimi“ ist der dritte Roman binnen zwei Jahren, den der Wahl-Deidesheimer Wolfgang Bachmann vor
»Schroeder schreibt ... fast ein Krimi« ist der dritte Roman binnen zwei Jahren, den der Wahl-Deidesheimer Wolfgang Bachmann vorlegt.
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