Deidesheim / Ruppertsberg RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Jahr „Winzer Bu“ – Tim Poschmann im Interview

Über 50 Videos mit Tim Poschmann als mal schlitzohrigem, mal empörtem Pfälzer Winzer gingen bislang online: Die am Samstag veröf
Über 50 Videos mit Tim Poschmann als mal schlitzohrigem, mal empörtem Pfälzer Winzer gingen bislang online: Die am Samstag veröffentlichte »Pfälzer Ansprache an die Nation« steuert inzwischen schon auf die Eine-Millionen-Klick-Marke zu.

Aus einer spontanen Idee heraus entstand mitten im ersten Lockdown im April 2020 das erste Video mit dem Ruppertsberger Tim Poschmann als „Winzer Bu“, und der hämische Satz „Ja wo sinn se donn?“ über die plötzliche Ruhe in den Pfälzer Weinbergen ohne die üblichen Heerscharen aus Baden wurde damals so etwas wie der Spruch der Stunde. Seitdem produziert das Team des Boulevardtheaters Deidesheim praktisch wöchentlich neue Beiträge, die auf Youtube, Facebook, Instagram nicht selten über eine Million Aufrufe erreichten. Holger Pöschl hat mit dem Schauspieler über seinen Erfolg gesprochen.

Herr Poschmann, vor knapp einem Jahr ging das erste „Winzer Bu“-Video online. Über 50 weitere folgten. Macht es noch Spaß?
Es macht wahnsinnig Spaß, weil es sich so toll entwickelt hat, weil das Feedback so groß ist und die Leute berichten, wie gerade eine Userin auf Facebook, dass das für sie das Sonntagsschmankerl ist, auf das sie sich die ganze Woche freut. Ich finde es so schön zu sehen, dass die Leute wirklich darauf warten, dass was Neues kommt. Das ist der Wahnsinn.

In der Figur steckt ja nun auch immer ein Stück Empörung mit drin – so auch jetzt im jüngsten Beitrag, wo es um die Verrenkungen bei „Click and Meet“ geht. Ist Empörung irgendwie die Grundhaltung unserer Zeit?
Der „Winzer Bu“ ist, glaube ich, ein Spiegel für das, was viele Menschen im Moment gerade denken und umtreibt, und natürlich ist nicht alles heiterer Sonnenschein. Das heißt, wir versuchen, in unseren Videos zwar das Positive und Lustige herauszustellen, aber zwischendrin muss auch mal so etwas wie in dem Video rein, das wir jetzt am Samstag online gestellt haben. Ich gehe nicht so tief rein, ich will nicht zu politisch werden, denn das würde nicht zur Figur passen, aber es ist natürlich schon das Ziel, die Stimmung aufzugreifen und zu verallgemeinern. Ich denke, das gelingt uns ganz gut. „Das trifft den Nagel auf den Kopf“, hat eine Frau zu dem letzten Beitrag geschrieben.

Aber Sie selbst wirken eigentlich gar nicht so empört. Ist die Rolle anstrengend für Sie?
Nee, das ist gar nicht anstrengend für mich, denn in der Figur steckt schon ziemlich viel vom privaten Tim Poschmann drin. Anders würde das gar nicht funktionieren. Natürlich ist die Figur komplett überspitzt, aber ein Stück weit ist das, was er sagt, schon das, was ich auch privat gerade denke, und beruht auf Beobachtungen, die ich selbst gemacht habe. So wie bei den Touristen, die ganz nah an die Hütte ranfahren und das dann für einen Waldausflug halten.

Sie geben da ja nun einen waschechten Pfälzer Winzer. Wie sieht es denn mit Ihren önologischen Kenntnissen aus?
Also (lacht), ich liebe Wein, ich trinke gerne Wein und ich kann auch diverse Weinsorten unterscheiden, aber wie genau es sich mit der Bodenbeschaffenheit oder den einzelnen Handgriffen im Wingert verhält, da fehlt mir schon noch ein bisschen das Hintergrundwissen. Aber ich habe mittlerweile ganz viele tolle Winzer kennengelernt, die mir angeboten haben, mich einzuweisen, und das werden wir sicher mal aufgreifen – dann natürlich auch in Form eines Videos. Ansonsten beschränkt sich mein Wissen eigentlich darauf, dass ich als kleiner Junge mit meinen Großeltern und meiner Familie im Wingert stand und den Traktor fahren durfte.

Also waren Sie aber zumindest schon mal selbst bei einer Weinlese dabei ...
Ja, dieses Happening im Herbst, morgens früh raus mit Gummistiefeln und sich mit den Cousins darum schlagen, wer den Traktor fahren darf, das war schon ein Highlight meiner Kindheit, das ich heute sehr vermisse, weil wir irgendwann alle Weinberge verkauft haben.

Und was ist Ihr Lieblingsschoppen?
Oh, ich liebe die etwas süßlicheren Weine. Nicht ganz süß, aber so mittel. Ein guter Riesling ist wirklich Gold wert – sei es als Schorle oder pur. Aber ein Blanc de Noirs darf’s auch mal sein. Je nach Anlass.

Sie landen als „Winzer Bu“ jetzt ja seit einem Jahr einen viralen Hit nach dem anderen, aber Geld kommt damit ja eigentlich erst mal nicht rein. Ist das für Sie eine Art Investition in die Zukunft?
Ja, auf jeden Fall. Aber es ist für uns auch ein Mittel, um beschäftigt zu bleiben. Das klingt jetzt banal, aber wir standen ja vor der Wahl: Machen wir weiter, oder lassen wir uns hängen? Aber es bringt ja nichts, einfach nur zu sagen: Wir resignieren, wir lassen das jetzt über uns ergehen. Das ist nicht unsere Philosophie. Boris [Boris Stijelja, Leiter des Boulevardtheaters Deidesheim, Anmerk. d. Red.] hatte gleich zu Beginn das wunderbare Motto ausgegeben: „Wir fangen da an, wo andere aufhören.“ Und so haben wir seit letztem Jahr im März oft sieben Tage die Woche im Turbo gearbeitet, uns überlegt: Wie können wir die Leute erreichen mit Streams, Autokino und so weiter. Ich denke, die Resonanz zeigt, dass das richtig war.

Aber Sie leben ja im Moment trotzdem gewissermaßen von der Substanz ...
Ja, wir leben von der Substanz, aber wenn man sich die Kartenvorverkäufe anschaut, dann ist das eine große Motivation. Die Premiere für das „Winzer Bu“-Programm im November in Deidesheim war ja wirklich ruckzuck ausverkauft, und die Zusatztermine laufen auch gut. Bei den beiden Auftritten in Ludwigshafen sieht es genauso aus. Das zeigt: Wie haben jetzt noch eine Durststrecke zu überwinden, aber irgendwann wird es sich wieder lohnen.

Da kann man nur hoffen, dass Corona bis dahin wirklich Geschichte ist. Wie sieht der „Winzer Bu“ die nächste Zeit? Wird er sich impfen lassen?
Ja (wechselt in Dialekt), wenn er dron is, donn lässt er sich auch impfen. Ich habe viel mit meiner Familie und Freunden über dieses Thema gesprochen. Es gibt da ja viele unterschiedliche Meinungen, aber ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dass uns unsere Regierung nichts aufschwatzt, was nicht wirklich sicher ist. Also: Der „Winzer Bu“ lässt sich impfen, wenn er dron is. Im Moment gehört er ja noch nicht zur Zielgruppe (lacht) ...

Der neueste Wurf

„Pfälzer Ansprache an die Nation“ heißt das neueste „Winzer Bu“-Video, das am 27. März online ging und mittlerweile schon auf die Eine-Millionen-Klick-Marke zusteuert. Tim Poschmann, der zunächst wie üblich gar nichts sagen will, nutzt sie zunächst für eine Politikerschelte („Ich hab’ das Gefühl, die spielen ,Mensch ärgere dich nicht’ mit uns: Alle zwei Wochen würfeln sie eine Sechs, und wir müssen zurück ins Häuschen“), um dann auf sehr anschauliche Weise seine Erfahrungen mit dem „Click and Meet“ im Baumarkt zu schildern („Da kriegst du einfacher eine Audienz beim Papst“). Witzig auch seine Vorhersage für das Gedränge am Karsamstag im Supermarkt, das in einer Parodie der RTL-Reporterin Antonia Rados gipfelt. Das Fazit zur Lage der Nation fällt dann „winzer-bu“-typisch aus: „Do hilft nur noch der Suff.“

Der Link zum Video findet sich hier.

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