Maikammer RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Abend rund um die Kultur des alten Persien in der Johanniskirche

Dem Zauber von 1001 Nacht auf der Spur: Mahasti Kamdar (Geige) und Martin Achtelik (Gitarre).
Dem Zauber von 1001 Nacht auf der Spur: Mahasti Kamdar (Geige) und Martin Achtelik (Gitarre).

In die Welt der persischen Musik entführte das Ehepaar Mahasti Kamdar (Geige) und Martin Achtelik (Gitarre) am Sonntag in der Johanneskirche in Maikammer, ergänzt durch die Poesie des mittelalterlichen persischen Dichters Hafis, der für eine geistige Freiheit, Toleranz und Lebensfreude steht, wie man sie heute nicht mehr unbedingt auf den ersten Blick mit der islamischen Welt in Verbindung bringt – und der bereits Goethe inspirierte.

Darauf weisen bereits Informationsblätter hin, die das Publikum auf den Sitzplätzen der schließlich fast voll besetzten Kirche erwarten und die auch die lange Tradition des kulturellen Austausches zwischen Ost und West betonen. In dem Konzert ging es also nicht nur um Musik, sondern um das Kennenlernen eines ganzen Kulturkreises – bewusst abseits aktueller politischer Themen.

Sehnsuchtsvoll, getragen, aber nicht traurig

Mahasti Kamdar, einer der ersten Geigerinnen des Philharmonischen Orchesters in Heidelberg, stammt selbst aus dem Iran. Bereits mit acht Jahren studierte sie an der Musikhochschule in Teheran und kam dann nach Deutschland, um ihr Studium in Augsburg abzuschließen. Die Stücke, die sie selbst für das Duo mit ihrem Mann arrangiert hat, hörte sie oft zuerst im Radio oder auf Youtube. Ihr absolutes Gehör hilft ihr dabei.

Vorab erklärt sie die Bedeutung und Herkunft der Melodien: Die Texte – wobei das Konzert jedoch ohne Gesang auskommt – sind allesamt lyrisch, poetisch, voller Sehnsucht. Meist handeln sie von erfüllter und unerfüllter Liebe. „Goldhaarige Braut“ ist ein Titel eines Liedes aus Aserbaidschan, wobei die Sonne gemeint ist. „Die Blume in meinem Blumentopf, die vom Wind gebrochen ist“ ist ein anderer Titel. Das aufgeführte Spektrum reicht von traditionellen Melodien zu Filmmusik wie „König der Herzen“, ihr Lieblingslied, das jeder Iraner kenne. Aber auch die Natur wird in Stücken wie „Kornblume“ besungen. Genauso klingen auch die Lieder. Sehnsuchtsvoll, getragen, aber nicht traurig. Voller Leidenschaft. Man kann sich eine Landschaft voller Wind und Weite vorstellen. Selbstverständlich spielt Kamdar perfekt und mit Ausdruck, die Gitarre harmoniert damit gut.

Für Goethe war der Orient ein Sehnsuchtsort

Unterbrochen wird das Konzert durch die Vorträge des Heidelberger Persisch-Dozenten Ghodrat Ramzani. Er erklärt, dass für Goethe der Orient ein Sehnsuchtsort gewesen sei – als mentale Flucht vor den Kriegswirren seiner Zeit und als Ablenkung von der Trauer um den Tod seines Freundes Schiller. Von Hammer-Purgstalls Übersetzung des „Diwans“ von Muhammad Schams Ad-din Hafis, kurz „Hafis“, 1814 war er so begeistert, dass er ihn zum „West-östlichen Diwan“, seiner letzten großen Gedichtsammlung inspirierte. Hafis sah er als seinen „Zwillingsbruder, mit dem er wetteifern und sogar beim Weltuntergang lieben und trinken würde“. Was natürlich nicht möglich war, Hafis lebte 400 Jahre früher. Zudem kann man Hafis sowohl wörtlich interpretieren als auch mystisch-religiös. Fasziniert war Goethe von den Gedichten über Wein, Liebe, Freundschaft, Lebensfreude, Schönheit der Natur und der Forderung nach Toleranz. Auszüge daraus werden von Ramzani zweisprachig verlesen. Sinnsprüche wie „Großmütig mit den Freunden, sich versöhnen mit den Feinden“ oder „Nutze die Gelegenheit zum Dialog, denn nach der Weggabelung werden wir uns nie wiedersehen“, beeindrucken noch heute.

Hafis’ Texte handeln durchweg von Positivem

Hafis Gedichte, erklärt Ramzani, dienten vielen Iranern heute einerseits als Redewendungen, um die eigene Meinung zu unterstreichen, andererseits traditionell als Orakel: Wann immer man eine Frage habe, schlage man eine beliebige Seite des Buches auf, lese den Text und bekomme eine Inspiration. Da Hafis Texte allesamt positiv sind – sie handeln ja von Liebe, Toleranz und Lebensfreude –, erhält man immer eine sinnvolle Antwort. Zur Illustration kann man Hafis Schmuckgedichtbände mit ihren vielen kleinen Bildern auf dem Deckel in der Pause anschauen. Sicher hätte man manchmal lieber länger in den Melodien geschwelgt, dennoch hat sich auch mit dem Vortrag ein interessantes Thema zur Weiterbeschäftigung eröffnet.

Wobei auch Kamdars Mutter recht hat, als sie ihrer Tochter empfahl, einen Beruf zu erlernen, den man überall ohne Sprache ausführen kann – und das kann ja die Musik. Sie entführt in weite Welten und überträgt Stimmungen grenzenlos.

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