Neustadt Ebenbürtige Partner
Neustadt. Dicht an dicht saßen am Samstagabend die Besucher des 207. Mandelringkonzerts. Mit Spannung erwarteten sie den Auftritt des neuen Bratschers des Mandelringquartetts, Andreas Willwohl. Er stellte sich an diesem Abend als Solist vor, begleitet von dem Pianisten Daniel Heide. Gemeinsam ernteten die beiden viele Ahs und Ohs und jede Menge begeisterten Beifall.
Die Erwartungen sind hoch; schließlich ist Andreas Willwohl Preisträger zahlreicher nationaler und internationaler Wettbewerbe, konzertierte mit zahlreichen namhaften Orchestern und hat sich auch als Professor an der Hochschule für Musik Nürnberg einen Namen gemacht. In Daniel Heide hat er, wie sich zeigen wird, einen ebenbürtigen Partner, der sich je nach der musikalischen Auslegung der Stücke so dezent im Hintergrund halten kann, dass ihn das Gehör schon beinahe suchen muss, in den kurzen Solopartien, die die Dialoge fordern, aber ebenso selbstbewusst brilliert, ohne zu dominieren. Für das Konzert haben Andreas Willwohl und Daniel Heide die Sonate f-Moll op. 120/1 von Johannes Brahms und dessen Sonate Es-Dur op. 120/2 gewählt. Zwei Kompositionen, die Brahms 1894, wenige Jahre vor seinem Tod, für den Klarinettisten Richard Mühlfeld geschrieben hatte. Wegen der ähnlichen Tonlage von Klarinette und Bratsche eignen sie sich auch für das Streichinstrument, wie Konzertveranstalter Jörg Schmidt kurz erläutert. Dennoch keine leichte Kost zum Frühjahrsanfang. Schon als nach den ersten Anschlägen auf dem Klavier die Bratsche einsetzt, ist sie getragen von Düsternis und Schwermut, einer Schwermut, in der zugleich aber ein trotziges Aufbegehren durchscheint und die Forderung an das Klavier zum Dialog. Den gestalten die Musiker teils wie ein gegenseitiges Sich-Herantasten, teils wie Ansage und Echo. Mit zärtlich-verliebten Tönen, Anklängen an Wiener Kaffeehaus-Musik und an bäuerliche Tänze erinnernde Szenarien schöpfen sie die Bandbreite dieser Komposition aus und interpretieren sie ebenso einfühlsam wie technisch brillant bis hin zu dem für Brahms beinahe schon heiteren Vivace als Schlusssatz. Von seiner weniger ernsten Seite zeigt sich Brahms zu Anfang seiner Sonate Es-Dur op. 120/2. Fein und feierlich beginnt sie als Allegro amabile mit einem Dialog an einem „locus amoenus“, an dem das Klavier das Plätschern des Bachs beschreibt, die Bratsche mit kurzen, schnellen Tonfolgen das Zwitschern der Vögel in den Bäumen. Doch Brahms lässt auch hier die heitere Stimmung nur begrenzt zu. Mit einem Abwärtstrudeln der Töne setzt er schon im zweiten Satz wieder dramatische Effekte, die sich im dritten Satz steigern durch die betonte Rhythmik des Pianos und schließlich, „Più tranquillo“, mit einem großen, ausgeprägten Bogenstrich auf der Bratsche enden. Zwischen die Brahms’schen Sonaten haben die Musiker an diesem Abend als Kontrast Paul Hindemiths Sonate für Viola und Klavier op. 25/4 gesetzt: modern, etwas schrill, mit Dissonanzen und schroffen Rhythmen. Hindemith, selbst auch Bratscher, hat die drei Sätze dieses Werks statt mit den üblichen italienischen Anweisungen mit den deutschen beschrieben: „Sehr lebhaft. Markiert und kraftvoll“, „Sehr langsame Viertel“ und „Finale. Lebhafte Viertel“, gerade so, als wolle er sich auch damit von der klassischen Musik abheben. Wie eine Trauermusik setzt die Sonate ein, Klänge entwickeln sich wie aus dem Nebel auftauchende Gestalten, zeichnen ein Bild von Stille und Einsamkeit. Harte Klänge und abgehackte Töne lösen die gebundenen Tonfolgen auf. Wo Willwohl mit der Bratsche Harmonie verbreitet, zersetzt das Klavier diese beinahe erbarmungslos, bis die Bratsche, so präzise wie ein Uhrwerk, eine schier endlose Folge gleicher Klänge produziert. Immer stärker verkehren die Musiker das Miteinander der Instrumente in ein hochsensibles Gegeneinander von zerstörerischer Kraft, das auf das Publikum noch länger nachwirkt.