Neustadt
Deidesheim: Wolfgang Bachmann veröffentlicht satirischen Roman „Alles Geier!“
Zielgespräche, Meetings, Workshops, gerne mit vielen bunten Kärtchen an Pinnwänden – jeder, der in einem Unternehmen arbeitet, das vor wirtschaftlichen Herausforderungen steht, kennt die Folterwerkzeuge, die externe „Consulter“ hervorholen, wenn sie erst einmal im Haus sind. Der in Deidesheim lebende Architekturkritiker Wolfgang Bachmann hat daraus jetzt eine witzige Satire mit dem vielsagenden Titel „Alles Geier!“ gefertigt.
Deidesheim. Ist es Zufall, dass Wolfgang Bachmann sein erstes größeren Erzählwerk ausgerechnet in einem Verlag für Baufachzeitschriften spielen lässt? Cadenbach heißt in seinem Roman das Augsburger Familienunternehmen, das sich turnusmäßig gerade wieder mal der Insolvenz nähert und deshalb einen Unternehmensberater engagiert hat, der die Mitarbeiter motivieren, zu Ideen anstiften und die Teamarbeit verbessern soll. Was eine ungeahnte Dynamik in Gang setzt, als die Führungskräfte aus Redaktion und Verlagsleitung bei einem Wochenende an der Isar vor die Aufgabe gestellt werden, mit einem selbst gebauten Floß über den reißenden Fluss zu kommen ...
Nein, Zufall ist das natürlich nicht – denn Bachmann, der als Chefredakteur und später Herausgeber der im Callwey-Verlag erscheinenden Fachzeitschrift „Baumeister“ von 1991 an eine der maßgeblichen Stimmen der deutschen Architekturdebatten war, kennt das Metier, das er hier schildert aus dem Effeff. „Groß recherchieren musste ich da nicht“, lacht der 68-Jährige. Aber auch wenn er einräumt, dass viele Motive und Dialoge, die sich jetzt im Roman finden, nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, so sei das Buch doch „weder Autobiografie noch Selbsttherapie“. Kein Schlüsselroman also? Obwohl der Protagonist Jasper Hartmann doch wie Bachmann selbst langjähriger Chefredakteur einer Architektur-Zeitschrift und der fiktive Cadenbach-Verlag wie Callwey ein Familienunternehmen ist? Dass frühere Kollegen bei der Lektüre aus dem Grinsen nicht mehr rauskamen, gibt der gebürtige Ludwigshafener, der seit 2016 wieder in der Pfalz lebt, aber immerhin zu.
Der Spott trifft alle – auch die selbstverliebten Redakteure
Das kann allerdings auch schlicht damit zu tun haben, dass Bachmann den uralten Konflikt zwischen Kreativen und Betriebswirten, den vermutlich jeder Verlag kennt, mit subtiler Komik und vielen genauen Beobachtungen vor Augen führt. Und dabei nicht mit beißendem Spott spart. Der trifft nicht nur „die anderen“, den unfähigen Geschäftsführer, den Jung-Verleger, dem die Schuhe des Vaters zu groß sind, oder die karikaturhaften Sales-Manager, sondern auch die selbstverliebten Herren und Damen der Redaktion, die sich so bequem in ihrer „Komfortzone“ eingerichtet haben und sich kopfschüttelnd wundern, dass ihnen die Abonnenten plötzlich ihre Liebe entziehen. Doch letztlich mag man ihn trotzdem irgendwie, diesen Protagonisten Jasper Hartmann, in dessen Kopf man als Leser sitzt. Diesen Chefredakteur, der keine Lust auf „nutzerorientiertes Redaktionsmarketing“ hat, sondern einfach die Zeitschrift machen will, die er selbst gerne liest. Dass dabei schon einmal ein Heft mit einer Titelgeschichte zum Thema Baulücken herauskommen kann, das ein formatfüllendes Schadgebiss auf dem Cover zeigt, finden allerdings die Anzeigenverkäufer gar nicht gut ...
Inspiriert wurde Bachmann durch Isabel Bogdans Satire „Der Pfau“
„Alles Geier!“ ist Wolfgang Bachmanns erster Roman, obwohl seine Publikationsliste mehrere Seiten füllt. Bislang dominieren da aber Sachbücher wie die „Häuser des Jahres“ des Callwey-Verlags. Ausflüge in den Bereich des Humors gab es unter anderem mit einem „Fröhlichen Wörterbuch Architektur“ und den Kolumnen, die er etwa im Wochenendprodukt der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichte und die mit einem Vorwort von Harald Martenstein auch als Buch erschienen. Zu der Idee für seine „Farce über Architektur, eine Zeitschrift und einen Verlag“ sei er aber vor allem durch die Lektüre von Isabel Bogdans Satire „Der Pfau“ gekommen, die 2016 ein Überraschungserfolg auf dem deutschen Buchmarkt war. Dort schickt eine Londoner Bank ihre Mitarbeiter zum Teambuilding-Seminar auf einen schottischen Landsitz. „Ich fand es aber merkwürdig, dass die Leute da fast gar nicht über ihren Beruf sprechen“, erklärt Bachmann. Das ist bei „Alles Geier!“ ganz anders. Dort wird im Golfclub bei Bad Tölz viel über Architektur und ihre Bedeutung für die Gesellschaft reflektiert – allerdings immer nur so beiläufig, dass die Story nicht darunter leidet. Folgerichtig wurde der Roman dann auch in einem Fachverlag für Architektur und Design veröffentlicht.
„Die paradiesischen Zustände kommen nicht mehr wieder“
Im Rückblick auf seine aktive Zeit, vor allem in den Anfangsjahren in den 70er und 80er Jahren, als er bei einer anderen Architekturzeitschrift, der „Bauwelt“, arbeitete, spricht Bachmann heute von einer gewissen Arroganz, die damals in den Redaktionsstuben vorgeherrscht habe. Die ist auch im Buch zu spüren, wo Hartmann mit dem schönen Satz zitiert wird: „Nur Architekten verstanden die Welt, die sichtbare und die unsichtbare, davon war Jasper überzeugt. Sie konnten sie erleben, erklären – und verändern.“ Wie er sein Blatt wieder in die Gewinnzone bringen kann, das weiß der Architekturkritiker aber nicht. Und auch sein Schöpfer ist da ziemlich skeptisch: Von „paradiesischen Zuständen für die Verlage“, spricht Wolfgang Bachmann, wenn er an die Zeit vor Internet und Gratispostwurf-Postillen zurückdenkt. „Aber die kommen nicht wieder.“
Lesezeichen
Wolfgang Bachmann: „Alles Geier! Eine Farce über Architektur, eine Zeitschrift und einen Verlag“. Verlag Avedition, Hardcover, 159 Seiten, 19 Euro.