Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Crime Night bei der Polizei: Jugendliche stellen „Räuber“

Der Flüchtige ist gestellt: Was ist bei Sicherung und Durchsuchung zu beachten? Das erklären die Polizisten (von links) Daniel H
Der Flüchtige ist gestellt: Was ist bei Sicherung und Durchsuchung zu beachten? Das erklären die Polizisten (von links) Daniel Henrich, Julian Kurz (im Szenario der Täter) und Patrick Eichenlaub bei der Crime Night Jugendlichen, die selbst darüber nachdenken, zur Polizei zu gehen.

Eine Frau wird angegriffen und ausgeraubt: So lautet das Szenario bei der Crime Night am Freitag in der Polizeiinspektion Neustadt. Eine Gruppe Jugendlicher, die sich für den Polizeiberuf interessiert, soll den Fall lösen. Können sie den „Täter“ fassen?

Das Notruf-Telefon in der Polizeiinspektion (PI) Neustadt klingelt. „Ich wurde gerade überfallen, ich blute, jetzt ist mein Geldbeutel weg!“, tönt die verzweifelte Stimme einer Frau durch den Hörer. „Wie würdet ihr als Polizist auf so einen Anruf reagieren?“, fragt Daniel Henrich, Beamter im Bezirksdienst in der PI, die acht Teenager zwischen 14 und 17 Jahren, die am Freitag bei der landesweiten Crime Night in die Rolle der Ermittler schlüpfen. Die Jugendlichen, die teilweise schon Praktika bei der Polizei absolviert haben, nennen gleich die wichtigsten Kenndaten: Wo befindet sich die Anruferin? Muss der Rettungswagen alarmiert werden? Wie sah der Täter aus, war er bewaffnet, und in welche Richtung ist er geflüchtet? „Sehr gut“, lobt Henrich. „Dann können wir jetzt die Streifen losschicken. Was nehmen wir mit in den Einsatz?“

Schutzweste, Funkgerät, Handschellen, Dienstwaffe und drei verschiedene Paar Handschuhe sind nur eine Auswahl der Dinge, die ein Polizist dabei haben muss, bevor er in den Einsatzwagen steigt. Per QR-Code rufen die Nachwuchs-Ermittler das nächste Kurzvideo auf, in dem sie folgenden Funkspruch bekommen: Aktueller Raub in der Willy-Brandt-Anlage mit flüchtigem Täter. Der Mann soll Anfang 20 sein, 1,80 groß, hager mit dunklem, kurzen Haar, blauer Jacke, schwarzer Bauchtasche und bewaffnet mit einem Messer. Fluchtrichtung: Fußgängerzone. „Würdet ihr in so einem Fall Blaulicht und Martinshorn anmachen?“, will Patrick Eichenlaub, Polizist im Sachgebiet Jugend, wissen. Abwägungssache, weil der Streifenwagen mit schneller durch den Verkehr kommt und Lichter wie Sirene den Flüchtigen vor der Polizei warnen.

Kein Zögern im Ernstfall

Während sich die Jugendlichen in den Hof begeben, sprechen sich Daniel Henrich und Patrick Eichenlaub ab. Im Einsatz ist das unverzichtbar, damit jeder im Ernstfall seine Aufgabe kennt. „Damit wir uns selbst nicht in Gefahr bringen, ist es besser, wenn sich das Streifenteam nicht trennt.“ Plötzlich taucht der „Täter“ zwischen geparkten Autos auf und versucht beim Anblick der Uniformierten zu fliehen. Jetzt heißt es schnell sein, um den Mann zu fassen.

Der „Täter“ wird mit breiten Beinen gegen eine Wand gestellt. Henrich und Eichenlaub zeigen, wie sie jeweils eine Körperhälfte sichern und worauf bei Fesselung und Durchsuchung zu achten ist. „Immer die Hände im Blick behalten“, weiß Eichenlaub. Schließlich könnte der Mann noch das Messer oder gefährliche Gegenstände wie Spritzen in den Taschen haben. Weibliche Verdächtige werden in der Regel übrigens von Polizistinnen – sie machen aktuell rund 30 Prozent in der PI Neustadt aus – durchsucht. In der Brusttasche des Mannes findet sich sein Ausweis, in der Socke hat er einen Geldbeutel versteckt, mutmaßlich die Beute. Die Datenabfrage in der Zentrale verrät: Der Mann ist bereits wegen Raubdelikten, Ladendiebstahls und Betrugs polizeibekannt.

Streng nach Vorschrift

„Wie können wir jetzt sicher sein, dass es sich um den gesuchten Täter handelt?“, fragt Henrich die jungen Ermittler. Die Scheine im Geldbeutel lassen sich ohne Seriennummer nicht eindeutig zuordnen. Ob man den Mann nicht einfach der Geschädigten vorführen könne?, will ein Jugendlicher wissen. „Nein, die Erkenntnisse wären vor Gericht nicht verwertbar“, erklärt Henrich. Die Frau muss stattdessen später aus acht vorgelegten Profilen den Täter identifizieren. Aber erst mal geht es im Streifenwagen zur Wache. Nur wohin setzt man den Gefesselten am besten? „Die Rückbank auf Beifahrerseite ist am sichersten“, sagt Eichenlaub. Durch Zurückschieben des Vordersitzes würden so gleichzeitig die Beine des Gefangenen gesichert.

Mit Magnetsporen sichern Polizisten Spuren wie Fingerabdrücke von Gegenständen.
Mit Magnetsporen sichern Polizisten Spuren wie Fingerabdrücke von Gegenständen.

Auf der Wache geht es mit der Erkennungsdienstlichen Behandlung weiter, das heißt, der mutmaßliche Täter wird gewogen, gemessen, fotografiert und muss Fingerabdrücke und gegebenenfalls eine DNA-Probe abgeben. Auch Merkmale wie Narben, Tattoos oder Sprachmuster werden dokumentiert. Im Anschluss gehts zur Spurensicherung, bei der die Teenager selbst mit einer Abformmasse Rillen in einem Schloss sichern und mit zwei unterschiedlichen Methoden Fingerabdrücke nehmen dürfen.

Wenn das Schloss klickt

Der „Täter“ kommt nun in eine Zelle im Keller der PI, weil er am nächsten Tag einem Richter vorgeführt werden soll. Er muss Wertgegenstände, Uhren, Gürtel, Ketten und alles andere abgeben, mit dem er sich verletzen könnte. Auch die Jugendlichen dürfen einmal in die Zelle mit Pritsche und Hocktoilette gehen und schauen, wie es sich anfühlt, wenn das Schloss klickt. Gar nicht mal so ein tolles Gefühl.

Da ist man lieber Polizist als Krimineller. Den Weg zur Polizei erläutern Henrich, Eichenlaub und Kurz am Ende: entweder mit Abitur über ein Bachelorstudium oder mit mittlerer Reife über die Höhere Berufsfachschule in Ludwigshafen, wo man sein Fachabitur bereits mit dem Schwerpunkt Polizei ablegen und danach direkt am Polizeicampus Hahn studieren kann. Mehr Infos unter www.polizei.rlp.de/karriere.

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